Kunst und Kommerz Die Art Cologne kann auf Nolde nicht verzichten

Galerist Thole Rotermund, Schatzmeister des Bundesverbands Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG), vor Bildern von Emil Nolde. Foto: Oliver Berg/dpa

Der Expressionist Emil Nolde war ein überzeugter Nazi. Kanzlerin Merkel will seine Werke lieber nicht mehr in ihrem Arbeitszimmer hängen haben. Auf der Kunstmesse Art Cologne dagegen ist er nach wie vor gefragt.

Köln - Ein kleines bisschen defensiv klingt Achim Hagemeier schon. "Wir zeigen eigentlich die Gegenseite", betont der Frankfurter Galerist. Damit meint er verfolgte Künstler, die in Opposition zum NS-Regime standen.

Allerdings hat er an seinem Stand auf der Art Cologne auch Emil Nolde (1867-1956) im Angebot, und der diente sich den braunen Machthabern an. "Ich kann es mir nicht leisten, ihn nicht zu zeigen", sagt Hagemeier. Dass Nolde ein "glühender Hitler-Verehrer" gewesen sei, wisse er natürlich.

Fünf der insgesamt 176 Aussteller verkaufen Werke von Nolde auf der bis Sonntag dauernden größten deutschen Kunstmesse in Köln. Dass es nur so wenige sind, liegt nicht daran, dass die anderen ihn ablehnen. Nolde gehört zum Spitzensegment und ist dementsprechend schwer zu bekommen. Wer ihn einmal hat, gibt ihn meist nicht mehr wieder her. Denn auf lange Sicht kann der Wert eigentlich nur steigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat allerdings gerade zwei Gemälde des Expressionisten aus ihrem Arbeitszimmer zurückgegeben, "Brecher" und "Blumengarten". "Brecher" wird in einer am Freitag beginnenden Berliner Ausstellung über Nolde im Nationalsozialismus zu sehen sein. Beide Werke sollen danach aber nicht mehr ins Kanzleramt zurückkehren.

Noldes Kunst wurde von den Nazis als "entartet" diffamiert, weshalb er nach 1945 als verfolgter Künstler Triumphe feiern konnte. Tatsächlich aber war er bekennendes NSDAP-Mitglied, Antisemit und Rassist. Immer wieder empfahl er sich den Nazis in Ergebenheitsadressen und konnte einfach nicht verstehen, warum dem Führer und Propagandaminister Joseph Goebbels seine Bilder missfielen.

Manuel Ludorff aus Düsseldorf präsentiert an seinem Stand zwei Nolde-Aquarelle für 250.000 und 300.000 Euro. Nolde biete für ihn die Möglichkeit, "auf dieses ganze deutsche Thema zu schauen", sagt er. Der Maler habe keine propagandistische Kunst geschaffen, sei als Person aber sicherlich kritisch zu sehen. "Ich glaube, dass ihn das noch spannender macht." Der Akt des Abhängens kann in seinen Augen allerdings "eine fatale Wirkung haben".

Aussteller Hagemeier hat Verständnis für die Kanzlerin, denn sie müsse natürlich immer bedenken, wofür Deutschland stehe. Sammler hingegen könnten es sich leisten, nur auf die Kunst zu schauen. Auch Galerist Raimund Thomas aus München kann sich "nicht vorstellen, dass dieses von der Kunstgeschichte gesicherte Werk von der Kritik betroffen" sein könnte.

Die Käufer sprächen ihn höchstens in einem Nebensatz auf eine solche Debatte an, berichtet Thole Rotermund, Hamburger Kunsthändler und Schatzmeister des Bundesverbands Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG). Von Angela Merkel wünscht er sich eine Erklärung dafür, warum sie die Bilder nicht mehr haben will. Wenn der Grund dafür Noldes Haltung im Nationalsozialismus sei, dann dürfe sie im Sommer auch nicht mehr zu den Bayreuther Festspielen gehen. "Dann darf sie bei Wagner nicht mehr in der ersten Reihe sitzen." Denn der Komponist habe sogar antisemitisch agitiert, wenn auch Jahrzehnte vor den Nazis.

Wo wolle man dann enden, fragt Rotermund. Es gebe so viele Künstler, deren Werk in Zweifel gezogen werden könne, wenn man es von der Person abhängig mache. "Dann müssen wir uns mit Picasso beschäftigen, der sicherlich mit Blick auf MeToo nicht ganz einwandfrei war. Karl Schmidt-Rottluff hat sich hier und da antisemitisch geäußert." Für Rotermund gilt jedoch: "Die Kunst ist immer unschuldig, solange sie diese Inhalte nicht transportiert. Und Noldes Kunst hat ganz klar eine andere Botschaft."

 

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