Karibik Ein Paradies mit zwei Seiten

Die Insel Guadeloupe in der Karibik bietet den Touristen paradiesische Sandstrände und viele Outdoor-Aktivitäten. Vor allem Tauchbegeisterte kommen hier auf ihre Kosten. Foto: Anna Stock
Die Insel Guadeloupe in der Karibik bietet den Touristen paradiesische Sandstrände und viele Outdoor-Aktivitäten. Vor allem Tauchbegeisterte kommen hier auf ihre Kosten. Foto: Anna Stock

Karibische Gelassenheit mischt sich auf Guadeloupe mit französischer Lebensart und wilder Natur.

"Herzlich willkommen auf Guadeloupe", begrüßt Claire Galand ihre Gäste in fließendem Deutsch - eine überraschende Seltenheit in Frankreichs Departement Nummer 971. Wie im Mutterland sind auch auf Guadeloupe Französischkenntnisse von Vorteil, denn Englisch spricht kaum jemand. Neben der Amtssprache haben sich die Insulaner vor allem das "Savoir Vivre" ihrer ehemaligen Kolonialherren zu eigen gemacht: Feine Speisen, schmackhafte Weine, dazu einen Hauch von karibischer Leichtigkeit. Neben den französischen Klassikern wie Boudin Noir (Blutwurst), knusprigem Baguette und dem morgendlichen Café au Lait, zieren karibisches Colombo-Huhn, Kürbispüree, Kochbanane und Accras die Speisekarten. Letzteres sind frittierte Bällchen aus Fisch, Zwiebeln, Schnittlauch und Ingwer. Sie werden in fast jedem Restaurant als Vorspeise serviert.

Davor, dazu und danach genießen die Einheimischen einen "Ti Punch" (französische Abkürzung für: "Petit Punch", übersetzt "kleiner Punsch"), das inoffizielle Nationalgetränk, das aus drei einfachen Zutaten besteht: Zwei Esslöffel Rohrzucker, fünf Zentiliter weißer Rum und ein paar Spritzer Limettensaft. So einfach das Rezept, so besonders der Inhalt, denn der Rum ist natürlich kein billiger Fusel, sondern der eigens auf Guadeloupe hergestellte "Rhum Agricole". Seine Besonderheit ist, dass er aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft hergestellt wird.

Der restliche, industriell hergestellte Rum entsteht hingegen aus Melasse, also aus bereits ausgekochtem Zuckerohrsaft, der als Nebenprodukt in der Zuckergewinnung übrig bleibt. "Im Geschmack ist der Rhum Agricole natürlich die Crème de la Crème", erklärt Claire ihren Gästen, während ihr Mann Laurent einen hausgemachten Ti-Punch serviert. Zusammen führen sie das Hotel Le Jardin Malanga in Trois-Rivières, einem Städtchen im Süden von Basse-Terre. Nur noch das weitläufige, dicht bewachsene Grundstück und das stattliche Kolonialhaus erinnert an die ehemalige Bananenplantage.

Heutzutage kann man nur noch erahnen, was sich Christoph Kolumbus gedacht haben muss, als er mit seiner Flotte am 3. November 1493 das Archipel erreichte und den Inseln - inspiriert vom spanischen Kloster Santa Maria de Guadeloupe - ihre heutigen Namen verlieh: die runde Marie-Galante, die kleine Désirade, die Îles de Saintes und die schmetterlingsförmige Hauptinsel Guadeloupe mit ihren zwei so unterschiedlichen Flügelhälften. Während das westliche Basse-Terre mit wildem Dschungel überwuchert und dort neun vulkanisch aktive Berge in die Höhe ragen, verläuft das östliche Grande-Terre flacher und ist weitestgehend mit Zuckerrohrfeldern bedeckt.

Der bis heute fauchende Vulkan La Soufrière ist mit seinen 1.467 Metern der höchste Berg der Kleinen Antillen und Teil des insgesamt 173 Quadratkilometer großen Nationalparks auf Basse-Terre. Rund 300 Wanderkilometer laden zu ausgiebigen Dschungelexkursionen ein. Nicht nur Aloe Vera, meterhoher Bambus, prächtig blühende Orchideen und Bougainvilleas wollen bestaunt werden, auch die tosenden Geräusche des Urwaldes warten auf Zuhörer: Schnatternde Geckos im Dickicht, prasselndes Wasser von den Baumkronen, ein Guadeloupespecht trommelt in der Ferne. Noch sportlicher geht es beim Canyoning zu, wenn rutschige Felsen, tiefe Schluchten, Flüsse und Steilwände bezwungen werden müssen. Fest steht, langweilig wird es Naturliebhabern auf Guadeloupe nicht.

Bis vor 170 Jahren gab es auf Guadeloupe noch Sklaverei und Unterdrückung

Eine Insel so ursprünglich und vielseitig, dass sie aus dem Bilderbuch entsprungen sein könnte - könnte! Denn das karibische Paradies war bis vor 170 Jahren noch Schauplatz von Sklaverei und Unterdrückung. Nachdem die ersten Siedler aus der Bretagne und der Normandie dem Dschungel nur mit Mühe genügend Kaffee, Zuckerrohr und Kakao abgewannen, um davon leben zu können, holte man ab Mitte des 17. Jahrhunderts schwarze Sklaven aus Afrika auf die Insel. Bis 1848 waren es rund 300.000, die den weißen Kolonialherren unter elenden Bedingungen zu Wohlstand verhalfen.

An ihr Schicksal erinnern heutzutage zahlreiche Gedenkstätten, unter anderem die "Marches des Esclaves" (übersetzt "Stufen der Sklaven") in Petit Canal. Mit Sicht auf die Anlegestellen im Hafen wurden auf den 54 Stufen der Steintreppe die neu eingetroffenen Sklaven an weiße Plantagenbesitzer verkauft. Darüber hinaus erzählt seit Juli 2015 das "Mémorial ACTe" die Geschichte der Sklaverei. Das "Karibische Zentrum der Erinnerung an Menschenhandel und Sklaverei" wurde von dem einheimischen Architekten Pascal Berthelo entworfen und auf dem Gelände des ehemals größten Sklavenbetriebes am Hafen der Hauptstadt Pointe-à-Pitre errichtet: der Zuckerfabrik Darboussier, benannt nach dem Händler Jean Darboussier aus Montpellier.

Schon Cousteau erkannte die Schönheit der Unterwasserwelt

Trotz der dunklen Vergangenheit ist Guadeloupe, wie die restliche Karibik auch, ein anziehender Ort voller Lebenslust und Urlaubsfeeling. Dass die 7.000 Inseln zwischen Florida im Norden und Venezuela im Süden allen voran magische Sehnsuchtsorte sind, fiel bereits dem französischen Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau (1910-1997) auf, als er mit seinem Schiff Calypso die sieben Weltmeere bereiste. Caloucaéra (auf Kreolisch "Karukera", Insel der schönen Wasser), wie Guadeloupe einst genannt wurde, hat es dem Tauchpionier besonders angetan.

Die Gewässer um die kleine Insel Îlet Pigeon westlich von Basse-Terre erklärte er sogar zu einem der zehn schönsten Tauchgebiete der Welt und präsentierte sie 1955 in seinem Film "Le Monde du Silence" ("Die Welt der Stille"), welcher mit der Goldenen Palme in Cannes und dem Oscar in Hollywood prämiert wurde. Nachdem Cousteau die Unterwasserwelt Guadeloupes vor Millionenpublikum gezeigt und die Regierung von ihrer Schönheit überzeugt hatte, erklärte sie die mehr als 400 Hektar große Fläche zum Meeresschutzgebiet und nannte sie dem Kommandanten zu Ehren "Réserve Cousteau". Seitdem ist das Reservat mit Tauchspots namens Korallengarten, Aquarium und Schwimmbad (Piscine) für die Schifffahrt gänzlich geschlossen und der Fischfang stark eingeschränkt. "Zum Glück", betont Tauchlehrerin Nathalie Saass vom Centre de Plongée des Îlets in Bouillante. Nur deshalb seien die Korallenriffe auch heute noch in demselben intakten Zustand wie zu Cousteaus Zeiten.

Ein Sprung ins angenehm warme Nass erklärt alles: Fächerkorallen und Gorgonien schillern bunt um die Wette, Tuben- und Vasenschwämme ragen vom Meeresboden Richtung Sonne, schlafende Langusten und Tintenfische verstecken sich in Unterwasserhöhlen und über hunderte Fischarten tummeln sich an den Steilwänden der Tiefseecanyons.

"Erfahrene Taucher sollten unbedingt einen Abstecher in die mystische Unterwasserwelt des Sec Pâté machen", empfiehlt Nathalie. Der spektakuläre Unterwasserberg liegt mitten im Kanal zwischen Guadeloupe und der südlich gelegenen Inselgruppe Les Saintes.

Mit etwas Glück sieht man im Januar und Februar Buckelwale

Aus einer Tiefe von über 300 Metern ragt das Riff mit seinen nadelförmigen Gipfeln bis auf 15 Meter an die Oberfläche. Mit etwas Glück erklingt in den Monaten Januar und Februar der Gesang der Buckelwale, die mit ihren Jungen durch den Kanal schwimmen. Kein Wunder also, dass der legendäre "Kommandant" Jacques-Yves Cousteau bis heute über sein Unterwasserreich wacht. Zwar nur als Statue am Meeresgrund, aber dafür unverkennbar mit hagerem Gesicht, der Charakternase und Strickmütze auf dem Kopf.

Die Recherchereise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsbüro Guadeloupe, Air France und Canon Deutschland.

 

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