Judentum Interview: Wie antisemitisch ist Deutschland?

Dr. Sina Arnold, Expertin zum Thema Antisemitismus. Foto: Ute Langkafel Maifoto

 

Sozialwissenschaftlerin Dr. Sina Arnold erklärt, woher die Vorurteile gegen Juden kommen und was man dagegen tun kann.

Frau Dr. Arnold, in den vergangenen Jahren ist die Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland laut der „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus“ gestiegen. Woran liegt das?

Dr. Sina Arnold: Ein Grund dafür ist, dass wir es mit einem gesamtgesellschaftlichen Tabubruch auf vielen Ebenen zu tun haben. Wenn man sich anschaut, welche Rolle der Antisemitismus (Die Erklärung zu allen Wörtern, die im Text gefettet sind, findest du hierfür rechte Gruppen und Parteien wie die AfD spielt, kann man sehen, dass es eine höhere Akzeptanz von völkischem Denken und wieder stärker werdendem Nationalismus gibt. Da ist der Antisemitismus natürlich nicht weit.

Wie funktioniert das bei der AfD? Einerseits greift sie völkische Ideologien auf, andererseits inszeniert sie sich als Schützerin der Juden in Deutschland.

Dr. Sina Arnold: Das Zentrale ist die Instrumentalisierung des Antisemitismus. Das sichtbarere und vor allem gesellschaftlich akzeptiertere Feindbild der AfD sind Muslime. Gegen die wird das christlich-jüdische Abendland in Stellung gebracht – und die Juden werden vereinnahmt. Wenn man hinter die offiziellen Verlautbarungen schaut, findet man offen antisemitische Äußerungen von AfD-Mitgliedern. Aber auch bei offiziellen Statements ist Geschichtsrevisionismus beziehungsweise eine Erinnerungs- und Schuldabwehr gegenüber dem Holocaust sichtbar. Ich finde es deswegen perfide, dass die AfD so tut, als sei sie die einzige Partei, die den Antisemitismus ernst nimmt.

Wenn man sich die Zahlen ansieht, spielen Muslime bei antisemitischen Übergriffen in Deutschland aber kaum eine Rolle?

Dr. Sina Arnold: Laut Polizeistatistiken haben 95 Prozent der Straftaten einen rechtsextremen Hintergrund. Damit muss man allerdings kritisch umgehen, weil die Zuordnungspraxis erst einmal nicht so viel über die Täter aussagt. Das heißt, wenn auf einer Kundgebung der Hisbollah der Hitlergruß gezeigt wird, wird das teilweise als rechtsextrem klassifiziert. Ich denke allerdings, selbst wenn man diese Zahl korrigiert und ein paar Prozentpunkte abzieht, bleibt sie doch ein Anzeichen dafür, wie gefährlich der Antisemitismus von rechts ist. Aber er findet sich in vielen gesellschaftlichen Milieus – und natürlich auch bei Menschen mit muslimischem Hintergrund.

Finden sich auch in der Mitte der Gesellschaft antisemitische Strömungen?

Dr. Sina Arnold: Langzeitstudien kommen wiederholt zu dem Ergebnis, dass bis zu 30 Prozent der Bevölkerung antisemitischen Aussagen unterschiedlicher Art zustimmen. Der israelbezogene Antisemitismus ist besonders hoch. All das verweist darauf, dass es einen antisemitischen Bodensatz gibt. Manchmal wird der Antisemitismus als bewegliches Vorurteil beschrieben, das sich an weltpolitische Gegebenheiten sehr gut anpassen kann. Er hat, wenn man so will, einen Welterklärungsanspruch. Und oft argumentiert er verschwörungstheoretisch – die Juden haben viel Macht, sie beherrschen die Politik und Medien und so weiter. Das ist ungemein attraktiv, weil dadurch vermeintlich erklärt wird, warum Sachen schieflaufen.

Hat das möglicherweise damit zu tun, dass wir zu wenig über die Geschichte der Juden in Deutschland und den Holocaust informiert sind?

Dr. Sina Arnold: Es gibt tatsächlich ein Wissensdefizit zur Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust. Mehr als 40 Prozent der Schüler über 14 Jahre wissen nicht, was Auschwitz-Birkenau ist. Das liegt daran, dass der Holocaust gar nicht so viel durchgenommen wird, wie man denkt. Und auch daran, dass die Lehrer oft nicht ausreichend ausgebildet sind. Im Lehramtsstudium werden nur an einigen wenigen Universitäten Seminare angeboten, die sich konkret mit der Schoah auseinandersetzen. Wir müssen aufpassen, dass uns diese Geschichte nicht verlorengeht und angemessen vermittelt wird.

Was kann man gegen Antisemitismus tun?

Dr. Sina Arnold: Man muss anerkennen, dass es in der Präventions- oder Solidaritätsarbeit Sachen gibt, die gut laufen. Man weiß ja nicht, ob das Ausmaß des Antisemitismus noch größer wäre, wenn es nicht bestimmte Programme und Projekte gäbe. Dazu gehören die Einrichtung von Antisemitismusbeauftragten auf Bundes- und Länderebene, jüdisch-muslimische Dialogprojekte oder Demonstrationen und Aktionen gegen rechts, die sowohl Antisemitismus als auch Rassismus zur Sprache bringen. Zentral ist meiner Meinung nach Bildungsarbeit. Da existieren auf außerschulischer Ebene sehr gute Einrichtungen wie das Anne Frank Zentrum, die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, das Haus der Wannseekonferenz und viele weitere. Wichtig ist, dass hier die finanzielle Förderung nicht gekürzt wird.

 

Die Erklärung zu allen Wörtern, die im Text gefettet sind, findest du hier.

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