Jahn Regensburg gegen Kiel So war es beim ersten Geisterspiel nach Corona-Pause

Ein ungewohntes Bild: Der eingewechselte Jahn-Spieler Marc Lais führt eine Ecke aus, die Ränge sind leer. Foto: Alexander Hassenstein/dpa

idowa war beim ersten Geisterspiel nach der Corona-Pause. Der Jahn zeigt dabei seine Comeback-Qualitäten gegen Kiel. Also alles wie immer? Nein, kaum etwas ist wie immer.

Auch für die Journalisten war der Ablauf ungewohnt. Anreise zum Stadion eineinhalb Stunden vor Spielbeginn. Geparkt wird auch hier schon auf Abstand, jeder zweite Parkplatz bleibt leer. Maske auf, raus aus dem Auto. Abgabe eines Gesundheitsbogens, Fiebermessen, dann erst gibt's die Akkreditierung. Der Medienbereich (Pressekonferenz-Raum und Arbeits-Raum) ist geschlossen. Der Zugang zur Pressetribüne erfolgt über den Zuschauereingang.

Auch auf der Pressetribüne werden die Abstandsregeln eingehalten. Nur zehn Journalisten sind zugelassen, alle tragen durchgehend ihren Mundschutz. Auf der Tribüne angekommen, ist erstmals richtig zu spüren: Irgendetwas fehlt einfach. Leere Ränge, keine Geräuschkulisse. Es ist einfach anders. Es ist gespenstisch. Auf dem Rasen stehen derweil die Spieler von Holstein Kiel, die mit Masken den Rasen begutachten. Die Auswechselspieler werden später mit Masken verteilt auf der Tribüne hinter den Trainerbänken Platz nehmen.

Eine Stunde vor Spielbeginn kommen die Aufstellungen und das erste Mal ist man wieder im "normalen Ablauf". Scannen der Aufstellung: Gibt es Überraschungen? Ja, die gibt es. Charalambos Makridis, in der Winterpause zum Jahn gewechselt und bislang erst einmal für einen Kurzeinsatz auf dem Platz, beginnt erstmals von Beginn an. Jann George und Aaron Seydel, zwei potenzielle Stammspieler, stehen dagegen gar nicht im Kader. Eine Rückfrage beim Pressesprecher erklärt: Beide hatten die vergangenen Wochen kleinere Probleme und hatten entsprechend Trainingsrückstand.

Stimmung herrscht nicht an diesem Nachmittag im sonst mit 10.000 bis 15.000 Fußballfans gefüllten Stadion. Um das etwas zu kaschieren, tönt vor dem Spiel und in der Halbzeitpause Musik aus den Lautsprechern. Für etwas Stimmung sorgt schließlich die Jahn-Delegation auf den Plätzen im VIP-Bereich um Geschäftsführer Christian Keller, Präsident Hans Rothammer und die Spieler, die nicht im Kader stehen. Sie applaudieren bei guten Aktionen, sie fordern einen Handelfmeter. Die Clubs sind alleine auf sich gestellt, um sich in Fußball-Stimmung zu bringen. Die Fans können dieses Mal nicht helfen.

Der Jahn läuft über 120 Kilometer - beachtlich

Während des Spiels fällt dem Reporter die fehlende Stimmung nur noch gelegentlich bewusst auf, wenn das Spiel etwas zähere Phasen durchläuft. Da aber gleich in der 3. Minute das 1:0 für Kiel fällt, als erster Treffer nach der Corona-Pause im Deutschen Fußball noch dazu ein historischer, ist man gleich drin im Geschehen. Das Spiel verfolgen, den Liveticker befüllen – die Abläufe während des Spiels sind wie immer. Die Intensität der Partie ist überraschend hoch nach den vielen Wochen Pause. Die Jahnelf um ihren einmal mehr lauffreudigsten Spieler, Kapitän Marco Grüttner, spult über 120 Kilometer ab – beachtlich.

Nach dem 0:2-Rückstand ist man versucht, das Spiel schon abzuschreiben. Doch nach einigen Jahren als Jahn-Reporter tut man das besser nicht, obwohl der Jahn zwischendurch kaum offensive Akzente setzen kann. Aber die Einwechselspieler – Trainer Mersad Selimbegovic nutzt die neue Regelung von fünf Auswechslungen komplett aus – tun dem Jahn-Spiel gut. Vor allem Marc Lais, der das Zentrum belebt, den Anschlusstreffer von Sebastian Stolze vorbereitet und den Elfmeter zum Ausgleich in der Nachspielzeit herausholt. Als Andreas Albers den Last-Minute-Ausgleich erzielt, wartet man vergeblich auf die Ekstase im Stadion, die es nach diesem Spielverlauf im Normalfall sicherlich gegeben hätte. Aber es ist eben nichts normal zurzeit.

Nach dem Spiel gibt es kein großes Feiern des Punktgewinns. Die Mannschaften verschwinden zügig in den Katakomben. Sehr kühl das Ganze. Auch die Pressekonferenz nach dem Spiel läuft anders ab. Statt im PK-Raum zu sitzen und nach dem offiziellen Teil der Pressekonferenz mit Jahn-Trainer Selimbegovic im Journalistenkreis zu sprechen, werden die Fragen dieses Mal per WhatsApp an den Pressesprecher geschickt. Der stellt diese dann auf der "virtuellen Pressekonferenz", die auf der Leinwand im Stadion übertragen wird. Auf die Frage, wie sich das Geisterspiel angefühlt habe, wird Selimbegovic ungewohnt deutlich: "Beschissen."

Keller "kaiserlich"

Als die Pressekonferenz läuft, ist das Spiel schon eine Weile vorbei. Die gleichzeitige Situation auf dem Rasen hat etwas "kaiserliches". Jahn-Geschäftsführer Christian Keller steht ganz alleine im Mittelkreis des Stadions, weit und breit ist sonst niemand. Keller schaut sich auf der Stadionleinwand die PK-Übertragung an.

Anders als Franz Beckenbauer bei der Weltmeisterschaft 1990 ist Keller nicht kurz zuvor Weltmeister geworden. Aber auch er kann auf einen kleinen Erfolg zurückblicken. Zum einen auf den Punktgewinn gegen Kiel und darauf, das erste von neun Geisterspielen gemeistert zu haben. Von Geisterspielen, die sich niemand wünscht.

Auf dem Heimweg läuft im Radio die Bundesliga-Übertragung. Borussia Dortmund ist dabei, Schalke 04 im Revierderby eine Klatsche zu verpassen. Haaland, Haaland - immer dieser Haaland. Einiges hat sich offenbar durch Corona auch nicht verändert. Der FC Augsburg geht gegen den VfL Wolfsburg vermeintlich in Führung - doch der Treffer von Felix Uduokhai zählt nicht. Und der SC Freiburg ärgert Spitzenteam Leipzig, ist 1:0 vorne. Zuhause angekommen, läuft die Schlussphase in der "Sky"-Konferenz. Es folgt das Top-Spiel, die Sportschau, später das "Aktuelle Sportstudio". Der Fußball-Samstag ist zurück. Aber eben nicht ganz. 

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