Interviewserie "Über den Rand" Geschichtsunterricht zum Anfassen

Wissen die Gemeinden inzwischen mehr zu schätzen, was ein Ortsheimatpfleger leistet?

Thomas Haug: Absolut. Es wäre sogar gesetzlich eine Aufgabe der Gemeinde, jemanden abzustellen, der die Geschichte der Gemeinde dokumentiert. So jemanden gibt es fast nirgends. Als ich nach Stephansposching gekommen bin, war ich enttäuscht, wie wenig eigentlich vorhanden war. Ich hab bei Null angefangen. Von den vielen Teilgemeinden, den Ortsteilen, die früher selbstständig waren, ist nichts mehr da. Vieles ist ins Staatsarchiv nach Landshut gekommen. Aber versuchen Sie mal, im Staatsarchiv etwas zu finden! Solche Sachen gehören in die Gemeinde. Die Leute, die damit was anfangen können, fahren nicht nach Landshut und tragen dort in eine Liste ein, welche Objekte sie sehen wollen. Die ganze Bürokratie ist schon mehr als abschreckend. Sowas gehört an den Ort. Wer meinen Archivraum sehen möchte, kann jederzeit hinein, der ist öffentlich zugänglich. Anruf genügt und man kann sich anschauen, was da ist.

Der Archivraum ist ein gutes Stichwort. Was ist dort noch zu tun?

Thomas Haug: Eine Menge. Es ist noch relativ wenig dokumentiert. Es gibt noch kein Findbuch.

Was gibt‘s schon zu sehen?

Thomas Haug: Die alten Schulunterlagen sind da, von 1910 bis 1950 ungefähr. Die wären eigentlich entsorgt worden. Ich hab sie gerettet. Das sind Informationen, die man nicht wegschmeißen darf.

Wie kam es dazu, dass der Archivraum in der Schule eingerichtet wurde?

Thomas Haug: Das habe ich gemeinsam mit der Schulleitung organisiert. Weil sich die Sachen bei mir zu Hause gestapelt haben. Im Keller hatte ich fünf oder sechs Bananenkisten mit Material. Das hab ich jetzt Gott sei Dank auslagern können.

Die Schule ist natürlich ein interessanter Ort für so einen Archivraum. Soll er zukünftig auch den Schülern offen stehen?

Thomas Haug: Noch nicht, aber das habe ich vor. Sobald eine gewisse Ordnung drin ist, will ich öfters mal eine Schulklasse reinlassen. Natürlich auch im Andenken an meine Erfahrung als Schüler. Vielleicht ist das heute wieder für einen Schüler ein „Erweckungserlebnis“. Geschichtsunterricht in Verbindung mit Gegenständen. Ich hab zum Beispiel ein altes Bügeleisen, wo man noch Kohlen eingefüllt hat oder auch eine Dezimalwaage. Geschichte und Schule in Verbindung ist einfach ein spannendes Thema.


In unserer neuen Interviewserie mit dem Titel "Über den Rand" sprechen unsere Redakteure regelmäßig mit Menschen, die sie ganz einfach spannend finden – weil sie zum Beispiel einen außergewöhnlichen Beruf haben, eine ganz eigene Weltsicht, ein besonderes Hobby oder einen speziellen Lebensstil. Oder weil sie schlicht anders sind als wir Normalos. Die Gesprächspartner kommen dabei aus der Region oder von weit her. Wir schauen also bewusst mit unserer Serie über den Rand, nämlich über den des eigenen Tellers. Viel Spaß mit den Interviews - mehr davon finden Sie in den Links unten.

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