Interviewserie “Über den Rand” "Jeder Trend hat einen Gegentrend"

Das heißt, dass der Bedarf an Arbeitskräften steigt?

Horx: Die Arbeit in ihrer Summe nimmt zu, aber es handelt sich natürlich um andere Arbeit. Im Prinzip ist es schon so, dass Sie mit steigender Automatisierung immer weniger wiederholender Arbeitsformen haben, Jobs, in denen Routinen überwiegen. Gleichzeitig haben wir aber noch nie so viel Arbeitsbeteiligung gehabt, wie heute. Weil immer neue Berufe und Dienstleistungen entstehen, von denen viele mit emphatischen menschlichen Fähigkeiten zu tun haben. Pflegeberufe zum Beispiel nehmen immer mehr zu, und werden kaum durch Roboter ersetzt werden. Es gibt tausende Berufe, deren Namen man gestern noch nicht einmal kannte.

Bedeutet das, dass wenn man Veränderung annimmt, es aus der Perspektive eines Arbeitnehmers immer Arbeit geben wird?

Horx: Die Frage ist, ob die Perspektive stimmt. Denn „Arbeitnehmer“ ist ein sehr passiver Begriff. Zukunft entwickelt sich durch neue Perspektiven. Vielleicht sind Sie in Zukunft nicht so sehr „Nehmer“, sondern „Geber“. Eigentlich sind Sie doch schon jetzt „Geber“, oder?

Sie meinen „Geber“ von Arbeitskraft, Dienstleister?

Horx: Die Frage ist, ob diese alten industriellen Arbeitsverhältnisse weiterhin gegeben sind. Wir werden mehr Selbstständigkeit erleben, mehr gewollte und ungewollte Flexibilität. Menschen werden ihre Arbeit individueller formen, häufiger den Beruf wechseln, Qualifikationen ändern sich. Und das kann auch Angst machen.

Aktuell ist man auf EU-Ebene dabei, die großen US-Internetkonzerne mit staatlichen Regelungen einzuhegen, etwa im Bereich des Urheberrechts. Glauben Sie, die Vorgehensweise auf Seiten der europäischen Entscheidungsträger ist sinnvoll und zielführend?

Horx: Ich würde es als natürlichen Prozess sehen, eine Art Zähmung des Wilden Westens namens Internet, in dem bislang Dschungelgesetze galten. In der Gründungszeit dieser Riesen sind Geschäftsmodelle entstanden, die vollkommen anarchistisch waren. Es ist eine Aufmerksamkeitsökonomie mit brutalen Regeln entstanden. „Content“ wurde kostenlos, der Hass wurde übermächtig. Es geht in diesen Modellen eigentlich nur um Aufmerksamkeit und Aufmerksamkeit hat das Potential, Perversionen zu züchten. Auf Dauer wird sich aber dieser Sekundärraum, der sich im Internet entfaltet hat, den zivilisatorischen Kriterien stellen müssen. Aktuell ist das ein Kriegsraum. Den Versuch, das wieder in den Griff zu bekommen, könnte man vergleichen mit der Zeit nach dem englischen Bürgerkrieg [Anm. d. Red.: Der Bürgerkrieg dauerte von 1642 bis 1649]. Die Denker der Aufklärung versuchten, ein Staatssystem aufzubauen, das den permanenten Bürgerkrieg verhindert. Es handelt sich also um eine Zivilisationskampagne. Insofern finde ich es sehr vernünftig, dass die Europäer das versuchen. Wir brauchen eine Zivilverrechtlichung des Internets.

"Wir sind zunehmend eine angstfixierte Gesellschaft"

Halten Sie das für realistisch? Letztlich reden wir doch über weltweite Strukturen. Eine Verständigung auf Regeln müsste also global erfolgen. Glauben Sie, dass das von Erfolg gekrönt sein kann?

Horx: Wie messen wir endgültig den Erfolg? Das Bürgerliche Gesetzbuch hat auch nicht verhindert, dass es Mörder und Betrüger gibt. Aber sie wurden doch zurückgedrängt. Ich glaube, darum geht es.

Gibt es denn Trends, die kaum medial beachtet werden, die aber dennoch sehr gewichtig sind?

Horx: Interessant sind in meinem Denksystem vor allem die Gegentrends. Jeder Trend hat einen Gegentrend. Wir starren immer wie das Kaninchen auf die Schlange auf den momentan „angesagten“ Trend, also auf den Megatrend. Dabei sind die Gegentrends die spannenden, denn daraus entstehen die Märkte der Zukunft.  Zum Beispiel die neue Spiritualität, die Achtsamkeit, dass Bedürfnis der Menschen nach Balance und Entstressung. Das ist eine dieser Gegenbewegungen gegen die Beschleunigung und die Pulverisierung unserer Weltwahrnehmung.  Wir sprechen auch von einem neuen postdigitalen Zeitalter. Wir glauben, dass das Analoge zurückkommt in vielerlei Hinsicht. Oder aber das Analoge in geschickten Kombinationen mit dem Digitalen. Es gibt derzeit auch eine Renaissance des Handwerks. Wir nehmen Trends immer linear wahrt, aber sie haben irgendwann einen tipping point [Anm. d. Red.: Umkipppunkt]. Und an denen sind wir bei vielen Megatrends, die in den letzten Jahrzehnten unsere Welt geprägt haben. Globalisierung, Individualisierung, Digitalisierung.  Sie sehen es etwa bei der Globalisierung. Es gibt in vielen Ländern heute einen Gegennationalismus. Nach unseren Modellen wäre der nächste Schritt bei einer solchen Gegenüberstellung eine Synthese. Wir nennen so etwas dann beispielsweise „Glokalisierung“ oder das Comeback der Regionen. Verstädterung erzeugt wieder eine Gegenbewegung in die Provinz.

Wo würden Sie konkret die größten Gefahren sehen?

Horx: Die größten Gefahren sehe ich darin, dass alle immer nur nach den größten Gefahren fragen. Wir sind zunehmend eine angstfixierte Gesellschaft, die sich in ihre Ängste so hineinsteigern kann, dass sie sie zu kollektiven Paniken ausbaut. In Panik handeln Menschen unmenschlich.

Lassen Sie uns den Blick abseits der Panik auf einzelne Branchen richten: Die Autoherstellung spielt im Raum Niederbayern und der Oberpfalz eine gewichtige Rolle als Arbeitgeber. Wie schätzen Sie die Lage in der deutschen Automobilindustrie ein und wie würden Sie die weitere Entwicklung prognostizieren?

Horx: Die Autoindustrie ist in einer Art Überblüte. Sie hat ihre Macht und Dynamik bis an den Rand des Marktes ausgedehnt, der jetzt zunehmend gesättigt ist. Wenn man von Wien hierherfährt, dann kommt man an gefühlt 200 Autotransportern mit den neuesten Modellen vorbei. Die Produzenten stehen untereinander in extremer Konkurrenz und gleichzeitig fahren sie gerade das Geschäft an die Wand. Das drückt sich auch darin aus, dass Technologiewechsel lange verleugnet werden. Die Elektromobilität wurde jahrelang verhindert, und das Resultat war der Dieselbetrug. Die Autoproduktion wird ganz anders werden. Eine Elektroautoproduktion ist etwa viel stärker digitalisierbar. Und die Auto-Nutzung ändert sich, besonders in den großen Städten.

Elektrifizierte Mobilität machen sie also klar als Zukunft aus….

Horx: Haben Sie einen Gegenentwurf?

 
 
 

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