Interview Krankenschwester Magdalena Eder über Pflegenotstand, Corona und Verantwortung im Beruf

Magdalena Eder bei der Pflege eines Patienten. Foto: Armin Weigel

Die 24-jährige Magdalena Eder arbeitet als Krankenschwester in der Unfallchirurgie am Klinikum in Straubing. Wir haben mit ihr über die Pandemie und den Pflegenotstand gesprochen. 

Magdalena Eder über Pflegenotstand und die Zukunft

Anna-Lena Weber: Wie macht sich der Pflegenotstand im Alltag bemerkbar?

Magdalena Eder: Unter anderem am Arbeitspensum. Ist jemand krank oder im Urlaub, müssen wenige die Pflege vieler Patienten übernehmen. Dadurch haben wir leider für den Einzelnen oft weniger Zeit, als wir gerne hätten.

Was muss sich ändern?

Unser Beruf muss stärker in der Gesellschaft ankommen. Jeder wünscht sich eine würdevolle Pflege für sich und seine Angehörigen. Im Gegenzug wünschen wir uns mehr Anerkennung. Dazu zählen eine faire Bezahlung und mehr Personal, um die Arbeitsbedingungen für den Einzelnen verbessern zu können. Mein Beruf hat so viele schöne Seiten, leider wird häufig nur von den negativen gesprochen. Das sollte sich ändern.

Dann lass uns übers Positive reden.

Die Dankbarkeit, die einem die Patienten entgegenbringen, ist mit nichts zu vergleichen. Es ist wahnsinnig erfüllend, seinen Mitmenschen etwas Gutes tun zu können, ihnen ihren Alltag im Krankenhaus oder im Pflegeheim zu erleichtern und ihre Schmerzen zu lindern.

Wie sieht die Zukunft der Pflege deiner Meinung nach aus?

Der Job ist körperlich und psychisch anstrengend. Wir sind weiterhin chronisch unterbesetzt und über eine angemessenere Bezahlung würden wir uns natürlich freuen. Sollte sich an der derzeitigen Situation nichts ändern, wird es wohl bald niemanden oder nur wenige geben, die diesen Beruf ausüben möchten.

Wie blickst du in deine Zukunft?

Ich habe in der Gesundheits- und Krankenpflege meine Berufung gefunden. Nichts erfüllt mich so sehr, wie Menschen zu helfen und zu sehen, wie es ihnen durch meine Arbeit besser geht.

Magdalena Eder über Corona und Angst

Was hat sich durch die Pandemie verändert?

Wir haben durchgearbeitet, hatten keine Kurzarbeit, wie sie in anderen Branchen nötig war. Wir wurden endlich als das wahrgenommen, was wir sind: systemrelevant. Das hat uns wahnsinnig gefreut und motiviert. Leider ist das Bewusstsein für das, was wir leisten, größtenteils schon wieder viel weniger. Auch in der Politik ist diese Wertschätzung wieder weniger geworden, habe ich das Gefühl.

Und in deiner Arbeit, was ist da anders?

Auf meiner Station hat sich durch Corona wenig geändert. Weil eine Corona- und eine Verdachtstation eingerichtet wurden, kamen Patienten aus der Urologie zu uns. Das war anstrengend, weil man noch wachsamer als sonst sein muss. Aber es hatte auch etwas Gutes: Ich habe den Umgang mit neuen Krankheitsbildern gelernt.

Hast du Angst, dich anzustecken?

Natürlich hat man immer Angst vor einer Ansteckung. Die Gefahr kann ja nicht nur von den Patienten, sondern auch vom Personal ausgehen.

Allgemein hat Corona das Arbeiten im Krankenhaus psychisch anstrengender gemacht. Einfach, weil du mit einem ganz anderen Gefühl in die Arbeit gegangen bist. Weil du wusstest, hier kämpfen mehr Menschen als sonst um ihr Leben. Das begleitet dich schon täglich. Umso ärgerlicher ist es, dann zu sehen, wenn manche Menschen die Krankheit nicht ernst nehmen, die Gefahr unterschätzen und unvorsichtig sind.

Hast du dich selbst schon testen lassen?

Nein. Ich war und bin bis jetzt voll fit. Wenn ich Kontakt zu Erkrankten habe, dann zu Zufallsbefunden. Ansonsten komme ich nicht mit Infizierten in Berührung. Aber ich könnte mich, meines Wissens nach, wenn ich es wollte, jederzeit testen lassen.

Magdalena Eder über Verantwortung und Anerkennung

Wenn du Fehler machst, hat das schwerwiegendere Folgen als in anderen Berufen. Wie gehst du mit dieser Verantwortung um?

Das stimmt. Ich muss immer voll da sein. Zu unserem eigenen Schutz dokumentieren wir alles, was wir mit dem Patienten machen. Um Fehler zu vermeiden, mache ich nichts, wobei ich mir nicht zu 100 Prozent sicher bin. Da kommt die Teamarbeit ins Spiel. Wir helfen uns gegenseitig. Auch die Ärzte stehen uns dabei immer zur Seite. Es ist wichtig, Prioritäten setzen zu können, wer meine Hilfe gerade mehr braucht.

Und wenn es einem Patienten nicht besser geht?

Was ganz wichtig ist: Es muss einem bewusst sein, nicht jeden heilen zu können. Klar gibst du dein Möglichstes. Aber wenn nichts mehr hilft, kann ich den Patienten auf seinem Weg noch würdevoll und vielleicht schmerzfrei begleiten. Für ihn da sein, auch als Mensch, nicht nur als Pflegekraft. Aber ich kann leider keine Wunder bewirken.

Wie steht dein privates Umfeld zu deinem Beruf?

Meine Familie, die Verwandtschaft und Freunde stehen voll hinter mir. Sie sind stolz, dass ich als Krankenschwester arbeite. Ich konnte sogar schon zwei Freundinnen für meine Arbeit begeistern. Sie sind jetzt auch in der Gesundheits- und Krankenpflege tätig. Das freut mich.

Im Frühjahr gab es auch Applaus für euch und einen Bonus von 500 Euro.

Das stimmt, und das hat uns auch total gefreut. Aber wie bereits angesprochen, ist die Aufmerksamkeit wieder weniger geworden. Den Bonus habe ich auch bekommen und natürlich bin ich dankbar dafür, er löst aber das allgemeine Problem nicht. Uns damit ruhigstellen zu wollen, funktioniert nicht.

Magdalena Eder über Patienten und Kollegen

Für wie viele Patienten bist du zuständig?

Das ist schichtabhängig. Im Frühdienst sind wir vier Schwestern. Jede ist dann für circa zehn Patienten zuständig.

Wie viel Zeit hast du für sie?

Das hängt stark von den Patienten und ihren Bedürfnissen ab. Wenn viele ältere und stark pflegebedürftige Menschen in deinem Bereich sind, ist sie knapp. Natürlich nehmen wir uns ausreichend Zeit für die Behandlung und für eine würdevolle Grundpflege, wie Waschen und Toilettengänge. Oft haben Patienten aber einen extremen Redebedarf. Für ein ausgiebiges Gespräch fehlt uns leider oft die Zeit.

Haben Patienten Verständnis für deinen Zeitdruck?

Die allermeisten schon. Sie schätzen uns auch sehr. Ist das nicht der Fall, belastet es einen natürlich. Vor allem, wenn man wie ich seinen Job gerne macht. Aber wenn ich sichergehen kann, mein Bestes gegeben zu haben, muss das an einem abprallen.

Baust du eine Beziehung zu deinen Patienten auf?

Wenn sie länger auf Station sind auf jeden Fall. Vor allem, wenn ich ihren Leidensweg miterlebe. Wenn dann ein Patient stirbt oder nicht mehr gesund werden kann, ist das natürlich belastend. Dann ist es wichtig, mit jemandem darüber reden zu können. Sei es mit der Familie oder mit den Kollegen. Wichtig ist auch ein Ausgleich, zum Beispiel Sport.

Wie ist dein Verhältnis zu deinen Kollegen?

Bei uns gibt es nur ein Miteinander. Wir helfen uns gegenseitig aus, wenn es beim anderen eng wird. Wir schauen nicht nur auf unsere Patienten und Aufgaben. Wenn einer merkt, etwas geht dem anderen nahe, wird das Gespräch gesucht.


Neu: Die Freistunde-Show

In dem Late-Night-Format sprechen wir mit außergewöhnlichen jungen Menschen. Die Folge drei mit der Gesundheits- und Krankenpflegerin Magdalena Eder ist jetzt online. Schau rein! Die Freistunde-Show wird vom Bundesprogramm „Demokratie leben – Wir sind Straubing“ unterstützt. Schau sie gleich hier an: 

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