Interview "Instagrammatik" – Herr Schröder auf allen Kanälen

Lehrer, Comedian und Autor – Das ist Herr Schröder. Foto: Yashar Khosravani

Humor kann am Anfang eines Schuljahrs ja nicht schaden. Deshalb haben wir Herrn Schröder, den Autor des eben erschienenen Buches „Instagrammatik“, zum Gespräch gebeten. Auch wenn der Kabarettist mittlerweile nicht mehr als Lehrer arbeitet, wird klar: Das Thema Schule beschäftigt ihn rund um die Uhr – auf allen Kanälen.

In Ihrem Buch „Instagrammatik“ beschreiben Sie, wie sich die Lehrer im Lehrerzimmer am ersten Schultag nach den Ferien darüber unterhalten, wie der Urlaub war und schon über die Pläne für die nächsten Sommerferien sprechen. Wie war denn Ihr Sommerurlaub – und haben Sie auch schon Pläne für die nächsten Ferien?

Herr Schröder: Ich habe dieses Jahr auf dem Balkon Rotweine getestet. Als Deutschlehrer habe ich mich gefragt: Welcher Rotwein eignet sich am besten fürs Korrigieren? Zum Beispiel Inhaltsangabe neunte Klasse. Hier empfehle ich einen kräftigen Primitivo.

Posten Sie Bilder von Ihren Urlauben auf Instagram? 

Ich war dieses Jahr nicht weg. Ich war Zuhause und habe mich fortgebildet. Ich weiß jetzt, dass ein REEL kürzer ist als ein IGTV aber die größere RANGE hat und dass ein GIF eigentlich nur ein bewegtes MEME ist. Wobei ein MEME ein PIC mit Text ist. Und dass man ab 10k FOLLOWERN bei den STORY-SLIDES einen SWIPE-UP machen kann. In den nächsten Ferien werde ich dann wahrscheinlich einen eignen TIKTOK-Kanal haben, das ist zumindest meine Befürchtung.

Instagram und Co. spielen ja in Ihrem neuen Buch eine entscheidende Rolle. Sie haben für den Titel zwei Begriffe verbunden, die auf den ersten Blick gar nicht zusammenpassen: Instagram und Grammatik. Das eine geliebt, das andere (oft) gehasst. Wo sehen Sie die Verbindung?

„Instagrammatik“ ist die Verschmelzung von alter und neuer Welt: Die Social Media sind in den ockerfarbenen Korridoren der Schule angekommen. Der Medien-Wagen hat Netflix, Schulbücher gibt es als Podcast, Referate werden im Live-Stream gehalten. G8 wurde durch 5G auf links gedreht und der Overheadprojektor steht mit gesenktem Kopf in der Besenkammer. „Instagrammatik – Das streamende Klassenzimmer“ ist im Grunde wie eine echte Grammatik: ein Regelwerk für die Schule von morgen.

Johannes Schröder, geboren 1974 in Berlin,

ist Deutschlehrer, Autor und Comedian.

Nach zwölf Jahren Schuldienst tourte der Wahlkölner alias
„Herr Schröder“ mit seinem ersten Soloprogramm
„World of Lehrkraft“ durch Deutschland, Österreich
und die Schweiz und wurde in diversen
Comedy-TV-Formaten immer berühmter.

Zudem veröffentlichte der Comedian 2019 sein erstes Buch
„World of Lehrkraft – Ein Pädagoge packt aus“,
das ein SPIEGEL-Bestseller wurde.
Seit dem Sommer 2021 ist er mit seinem zweiten Programm
„Instagrammatik“unterwegs durch die Republik.

Die Geschichte spielt in der Helene-Fischer-Gesamtschule. Sind Sie Fan von Helene Fischer – oder warum musste die Schule ausgerechnet diesen Namen haben?

Die Erklärung für die Namensgebung ist ganz einfach: Das wohl berühmteste Lied von Helene Fischer hat unserem Bildungswesen das Leitmotiv gegeben: „Atemlos durch G8“

Als ehemaliger Deutschlehrer kennen Sie  bestimmt Arbeitsaufträge wie diesen: Fasse den Inhalt des Buches in eigenen Worten in drei Sätzen zusammen. Wollen wir heute den Spieß mal umdrehen? Also, lieber Herr Schröder, bitte fassen Sie den Inhalt Ihres Buches „Instagrammatik“ zusammen.

In eigenen Worten? Also ähhh, da ist so eine Schule … die bekommt ein digitales Dings … Update … und dann … kommt … dann passiert … und später … sorry, ich hab’s nicht gelesen.

Es ist ja quasi eine digitale Revolution, die die Schulleiterin in Ihrer Geschichte startet. Dank  Corona ist ja auch im echten Schulalltag die Digitalisierung im Unterricht doch weit vorangeschritten. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Oder anders gefragt: Hat das analoge Lernen ausgedient?

Wir Lehrer stellen schmerzlich fest: Die Schüler haben das Wissen in der Hosentasche. Allein für etwas so Trockenes wie die adverbialen Bestimmungen gibt es auf YouTube hunderte Erklär-Videos. Für jedes noch so kleine Problem in Mathe findest du Hilfe in knackiger Sprache: „Der Dreisatz in zwei Sätzen“. ABER: Nichts ersetzt die tatsächliche, reale, analoge Begegnung im Klassenzimmer. Was nützt dir der Satz des Pythagoras, wenn niemand mit dir spricht? Was nützt dir Bruchrechnung, wenn du mit deinen Mitschülern nicht auf einen Nenner kommst? Digitale Kompetenzen sind wichtig, aber wir können unsere Kinder nicht mit einem Link erziehen. Es gibt keinen QR-Code für Wertschätzung.

Sie selbst arbeiten mittlerweile nicht mehr als Lehrer, um sich ganz auf Ihre Arbeit als Comedian konzentrieren zu können. Vermissen Sie das Schulleben auch ein wenig?

Jeden Tag. Die Ehrlichkeit der Jugendlichen war immer das Beste. Einmal lag eine Karte auf meinem Pult. „Gute Besserung“ stand drauf und jeder aus der Klasse hat bunt unterschrieben. Ich war gerührt, aber auch etwas irritiert, denn ich war gar nicht krank … dann meinte ein Schüler: „Wir wissen, dass Sie nicht krank waren, aber wir wünschen uns einfach, dass Ihr Unterricht besser wird!“ Die Schülerinnen und Schüler bringen einen jeden Tag zum Lachen. Zum Beispiel wenn Lennart (7a) am Lehrerzimmer klopft: „Herr Schröder: eine Gruppe Streitschlichter prügelt sich im Gang!“ oder wenn Jacqueline auf die Frage „Wie heißt denn Goethe mit Vornamen?“ mit „Fuck ju“ antwortet.

Erkennen sich manche ehemalige Kollegen denn in Ihrem Buch wieder? Reden diese trotzdem noch mit Ihnen?

Bis auf den Sportlehrer – die bildungsferne Spaßgurke aus der  Turnhalle, der geistige Kleingärtner mit Lehrerlaubnis, Ball reingeworfen und der Unterricht ist vorbereitet … Sternzeichen KeinBock – reden alle noch mit mir. Aber auch mit Trillerpfeifen-Theo, der Chuck Norris unserer Schule, werde ich mich noch versöhnen. Ich habe ihm dafür jetzt sogar ein Gedicht geschrieben: „Achilles Verse“.

Auch Ihr Comedy-Programm, mit dem Sie gerade wieder auf Tour sind, trägt den Titel „Instagrammatik“. Wer sind denn die typischen Fans? Eltern, Schüler oder doch Lehrer?

Was mich freut ist, dass ich von Schülern bis pensionierte Lehrerinnen und Lehrer alle Generationen in meinem Publikum habe. Und wir alle reden miteinander. Den Älteren wird erklärt, was ein TikTok-Reel ist und den Jüngeren, wie man ohne Navi ans Ziel kommt. Wir stehen an einer digitalen Zeitenwende. Und „Instagrammatik“ bedeutet, genau das in einer Doppelstunde zu erleben. Und wenn alle gut mitmachen, dann mache ich auch mal fünf Minuten früher Schluss.

 

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