Haunersdorf Ein geschenktes Leben

Maximilian Schartner zusammen mit seiner Frau Anneliese. Dass der 61-Jährige heute noch lebt, verdankt er einem Spenderherzen. Foto: Patrick Beckerle

2013 rettete ein Spenderherz Maximilian Schartner das Leben. Heute ist der Haunersdorfer selbst Organspender – und will andere davon überzeugen, es ihm gleichzutun.

Maximilian Schartner lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Der 61-Jährige spricht langsam, aber bestimmt. Er nimmt sich Zeit. „Mir pressiert nix“, sagt Schartner entspannt.

Das war nicht immer so: Früher arbeitete der Haunersdorfer viel und oft. Er war in der Montage beschäftigt, 15-Stunden-Tage waren für ihn eher die Regel als die Ausnahme. Auf seine eigene Gesundheit achtete er dabei nur wenig. „Da ist es losgegangen – mit einer verschleppten Grippe“, blickt er heute zurück. 1992 wird bei ihm eine Herzmuskelentzündung festgestellt, in den folgenden Jahren verschlechtert sich seine Gesundheit zusehends. Vor allem das Herz macht Probleme. Weil es nur noch eingeschränkt leistungsfähig ist, staut sich immer wieder Wasser in seinem Körper. Schartner muss deswegen regelmäßig im Krankenhaus behandelt werden. 2012 ist schließlich klar, dass gehandelt werden muss. Ein Kunstherz will Schartner nicht, daher bleibt nur noch eine Möglichkeit: Ein Spenderherz.

Nach Krankenhaus-Aufenthalten in Passau und Regensburg wird er schließlich nach Roding verlegt. Hier muss der damals 57-Jährige auf ein Spenderorgan warten. „Eine schwere Zeit“, sagt er heute. „Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Du weißt nicht, wann ein Spenderherz kommt. Es kann morgen da sein oder nie.“ Dazu kommt, dass Schartner das Krankenhaus in der Zwischenzeit aus gesundheitlichen Gründen nicht verlassen darf. Kraft gibt ihm in dieser schwierigen Situation seine Familie – vor allem seine Ehefrau Anneliese und sein Enkel Simon. Anneliese bleibt so oft wie möglich im Krankenhaus und Simon weicht seinem Opa vor allem in den Ferien kaum von der Seite. „Ich und die Schwestern im Krankenhaus haben ihm immer gesagt: 'Simon, es ist doch so schön draußen, geh auch mal spielen'“, erinnert sich Anneliese Schartner lachend. „Aber er meinte immer nur: 'Nein, ich bleibe beim Opa'.“

284 Tage zwischen Hoffnung und Angst

Insgesamt 284 Tage verbringt Maximilian Schartner auf diese Weise im Krankenhaus. Am Abend des 4. Oktobers 2013 erreicht ihn schließlich die erlösende Nachricht: Es ist ein Spenderherz da. Jetzt geht alles ganz schnell. Er wird nach Regensburg verlegt, schon am nächsten Morgen um 5 Uhr findet der Eingriff statt. „In diesem Moment hatte ich ein weinendes und ein lachendes Auge“, erinnert sich seine Frau Anneliese. „Einerseits war ich natürlich froh – aber andererseits machte ich mir auch Sorgen. Denn der Eingriff ist nicht ungefährlich.“ Schartner hatte während seiner Zeit im Krankenhaus einen Mitpatienten kennengelernt, der ebenfalls ein Spenderherz brauchte und bei der Transplantation ums Leben kam. „Entweder es haut hin oder nicht“, sagt Schartner. „Dazwischen gibt es nichts.“

In seinem Fall haut es hin. Die Operation verläuft problemlos und sehr schnell, nach fünf Stunden ist der Eingriff vorbei. Normalerweise dauern Herztransplantationen zwischen acht und zehn Stunden. Eine Woche liegt Schartner im Koma, dann wecken ihn die Ärzte auf. Wie es ihm ging? „Ich war sehr schlaff und konnte erst einmal kaum reden, aber sonst ging es mir gut. Ich hatte keine Schmerzen. Die Schwestern waren darüber auch ziemlich erstaunt. Sie wollten mir Schmerztabletten geben, aber ich habe abgelehnt“, erzählt Schartner. Er möchte lieber so schnell wie möglich nach Hause. „In der Woche darauf habe ich mit dem Arzt gesprochen und gefragt, ob ich jetzt heim kann“, sagt Schartner und muss lachen. „Er hat gemeint, ich wäre dann ja der Erste, der so früh geht. Daraufhin habe ich gesagt: Irgendjemand muss ja der Erste sein.“

Organspendeausweis: Eine Herzensangelegenheit

Schlussendlich dauert es noch knapp zwei Wochen, bis sich sein Wunsch erfüllt. Am 4. November, fast genau einen Monat nach der Transplantation, darf er das Krankenhaus verlassen und nach Hause gehen. Schon kurz darauf besorgt er sich auch selbst einen Organspendeausweis. Das ist ihm eine Herzensangelegenheit. „Ich habe immer gedacht, das geht bestimmt nicht – bei meiner Krankheitsgeschichte“, erzählt Schartner. „Aber ich habe dann einmal in der Klinik nachgefragt und die Ärzte haben mir erklärt dass das kein Hindernis ist. Irgendwas kann man immer brauchen.“ Auch seine Frau Anneliese ist seitdem überzeugte Organspenderin. „Ich habe es ja selbst erlebt. Mein Mann könnte seit vier Jahren tot sein, aber er lebt noch.“ Und ihr Mann stimmt zu: „Es ist ein geschenktes Leben.“

Beide wünschen sich, dass noch viel mehr Menschen einen Organspendeausweis beantragen. „Wenn ich tot bin, dann ist es mir doch egal, ob noch alles drin ist oder nicht. Und wenn ich im Tod noch jemandem helfen kann – warum nicht?“, fragt Anneliese Schartner. Ihr Mann fände ein Modell wie in Österreich oder seit kurzem auch in den Niederlanden sinnvoll: Dort wird jeder mit dem 18. Geburtstag als Organspender erfasst – es sei denn, er widerspricht. „Wenn jemand das nicht will, ist das ja auch in Ordnung“, so Maximilian Schartner. „Aber ich denke, die meisten Leute sind wohl eher zu faul, sich so einen Ausweis zu besorgen. Und da würde dieses Modell Abhilfe schaffen.“

Gesundheitliche Probleme hat Maximilian Schartner seit der Transplantation kaum gehabt. Eine Umstellung bedeutete der Eingriff für ihn dennoch. Vor allem beim Essen muss er jetzt aufpassen. Er darf nichts Rohes mehr zu sich nehmen, nur gekochte Sachen.

Von wem sein Herz stammt, weiß er übrigens nicht – und will es auch gar nicht herausfinden. „Jetzt ist es mein Herz und gehört mir. Das ist alles, was ich wissen muss. Ich bin dem Spender aber sehr dankbar“, sagt Schartner. Und ergänzt: „Manche Menschen mit Spenderherzen sagen ja, sie würden es merken, dass das nicht ihr eigenes Herz ist. Ich spüre nichts dergleichen.“ Seine Frau Anneliese hat dagegen zumindest eine kleine Veränderung ausgemacht „Früher hat er nie geschnarcht. Jetzt schon, und zwar sehr laut. Vielleicht war der Spender ja ein Schnarcher?“, sagt sie und muss lachen. „Stimmt. Aber abgesehen davon geht es mir gut“, sagt Maximilian Schartner. „Uns geht es gut“, ergänzt Anneliese. „Jetzt haben wir wieder ein Familienleben.“

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