Freischreiben Veronika Erl hat die Proteste in Chile hautnah miterlebt

Über dem Plaza de Viña in Chile hängt eine Tränengaswolke, die Menschenmenge wirft Klopapierrollen in die Luft und schwenkt Chile-Flaggen. Die Proteste im Zentrum von Viña del Mar werden mit einem Wasserwerfer aufgelöst. Im Hintergrund eine Straßenblockade. Foto: Bea Escherich

Veronika Erl macht gerade ein Auslandssemester in Chile. Die 21-Jährige erlebte in den vergangenen Wochen die Proteste in dem südamerikanischen Land hautnah. Hier schildert sie ihre persönlichen Erlebnisse als Protokoll.

Dienstag, 22. Oktober

Ich sitze auf dem Rasen vor meiner WG in der Sonne und blicke auf Viña del Mar hinunter, das nun seit drei Monaten mein Zuhause ist. Viña ist ein friedlicher Badeort mit 333 000 Einwohnern zwischen der Hauptstadt Santiago de Chile und dem Touristenziel Valparaíso. Ich müsste eigentlich in der Uni sein. Momentan sind meine Kurse aber nebensächlich: Seit dem Wochenende herrscht in Chile wegen der Proteste Ausnahmezustand, inklusive nächtlicher Ausgangssperren - heute von 18 bis 6 Uhr.

Noch liegt die Stadt ruhig unter mir. Nur das Bellen der Straßenhunde klingt nervöser als sonst. Jetzt, um halb sechs, beginnen die Cacerolazos mit ihrem rhythmischen Tock-tock-tock-tock-tock. Der Begriff bezeichnet eine lautstarke Protestform, bei der durch Trommeln auf Töpfe und Pfannen selbst vom Hochhaus aus Solidarität mit denen bekundet wird, die auf die Straße gehen.

Polizeiwagen und Militärfahrzeuge fahren durch die Stadt, während Demonstrierende Blockaden aus brennenden Kartons und Ästen errichten. Neben friedlichen Märschen gibt es Plünderungen und gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Mehrheit der Protestierenden ist allerdings höchstens mit Plakaten und Töpfen bewaffnet. Präsident Sebastian Piñera setzt Panzer dagegen ein.

Auslöser der Unruhen war eine Preiserhöhung in Santiagos Metro von 800 auf 830 Pesos, umgerechnet vier Cent. Nachdem Studierende zu Schwarzfahren aufriefen, wird seit dem 19. Oktober im ganzen Land protestiert.

Doch diese 30 Pesos waren nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Protestierenden tragen Schilder: "No son 30 pesos, son 30 años", "Es geht nicht um vier Cent, sondern um die vergangenen 30 Jahre". Damit meinen sie die Phase der Demokratisierung nach der Diktatur unter Augusto Pinochet mit Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen - gleichzeitig jedoch mit dem ökonomischen Aufstieg Chiles. Dieser kam aber nur für wenige: Die soziale Ungleichheit ist heute groß.

Die Konsequenzen beklagen nun junge Menschen. Sie ziehen die Regierungen seit 1990 in die Verantwortung, die viele Probleme ungelöst ließ. Die Bewegung vereint diverse politische Überzeugungen: Die Menschen schwenken Regenbogen- und Chile-Flaggen, eine Fridays-for-Future-Gruppe ist dabei. Protestlieder aus den Siebzigern und Achtzigern erklingen.

Montag, 28. Oktober

Der zehntägige Ausnahmezustand geht zu Ende. Die Uni beginnt wieder, aber nur für Nichtmuttersprachler, die Extra-Kurse belegen. Wie das Semester für meine mexikanischen Mitbewohnerinnen enden wird, bleibt unsicher.

Inzwischen hat sich die Lage etwas normalisiert. Wir können wieder einkaufen, ohne vor dem Supermarkt Schlange zu stehen. Wir treffen uns bei einer Podiumsdiskussion dreier Professoren in der Universität. Während uns bisher von den Verantwortlichen die Teilnahme an Demos verboten wurde, nehmen die drei eine überraschend positive Haltung zur Situation ein. Mein Geschichtsprofessor spricht sogar vom "Privileg, diese historische Zeit mitzuerleben". Die internationalen Studierenden sind sich trotzdem uneins, ob man die Kommilitonen unterstützen sollte. Bei den Märschen wird Würde für alle gefordert: eine neue Verfassung, Piñeras Rücktritt, ein neues Rentensystem, billigere Medikamente, höhere Löhne.

In Chile beträgt der Mindestlohn 301 000 Pesos (rund 360 Euro), während die Lebenshaltungskosten mit Deutschland vergleichbar sind. Dabei leben 50 Prozent der Menschen von weniger als 500 Euro im Monat. Was das bedeutet, zeigt eine einfache Rechnung: Fährt jemand zweimal täglich mit der Metro zur Arbeit, gibt diese Person ein Sechstel des Mindestlohns für Transport aus. Zum Vergleich: In New York sind es fünf Prozent.

Der Unmut der Bevölkerung verstärkt sich durch das Unverständnis der politischen Elite. Die Rhetorik Piñeras und sein hartes Durchgreifen tragen zur Eskalation bei. Eine Reaktion des Wirtschaftsministers Fontaine sorgte ebenfalls für einen Aufschrei: Metronutzer sollen einfach eine halbe Stunde früher aufstehen, um den billigeren Tarif der Morgenstunden zu nutzen.

Montag, 4. November

Heute gibt es in Viña ein Erdbeben. Man nimmt's mit Humor: Vielleicht bebe die Erde ja wegen der hüpfenden Protestierenden. "Wer nicht hüpft, ist Polizist" heißt es hier nämlich.

Beschwerden über die Verbrechen der Militärpolizei werden lauter: Man spricht von Toten und Misshandlungen. Einige haben durch Gummigeschosse Augen verloren. Auf mich als Europäerin wirkt schon der ständige Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern übertrieben.

Vergangene Woche hat Piñera mehrere Minister entlassen und die Weltklimakonferenz in Santiago abgesagt. Trotzdem schließen sich immer mehr Menschen den Protesten an: Minenarbeiter, Ärzte, selbst mein Dozent ist dabei. Am Samstag fand in Santiago mit 1,2 Millionen Teilnehmern die größte Demonstration seit 1990 statt.

Mittwoch, 13. November

Die Proteste dauern an. Gestern wurde zum Generalstreik aufgerufen: Wieder fielen Kurse aus. In Viña gab es Demos, Straßensperren und Ausschreitungen. Heute Morgen auf dem Weg zur Uni hängt noch hartnäckig der Geruch von Tränengas in der Luft, frisst sich in die Schleimhäute und ist das Gesprächsthema. Eine Verkäuferin meint nur gleichmütig: Gestern hätten sie wohl "was extra Starkes" benutzt und fragt, ob ich nicht zurück nach Deutschland will.

Ein Gericht hat vergangene Woche eine Klage wegen Menschenrechtsverstößen gegen Piñera zugelassen. Wenn man sieht, was sich die Menschen hier fast täglich auf der Straße antun, ist klar, dass die jüngste Erhöhung des Mindestlohns um etwa 55 Euro nicht reicht, um die Protestierenden zu besänftigen. Viele chilenische Medien, zum Großteil Eigentum der Oberschicht, berichten recht einseitig, was leider oft in Deutschland übernommen wird.

Dieses Protokoll kann und will ebenso wenig objektiv sein, aber einen neuen Blickwinkel auf weniger bekannte Aspekte des Geschehens ermöglichen.

 

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