Freischreiben Keine Null-Bock-Stimmung: Anna Schwarz über Glaube und Jugend

Glaube ist viel mehr als nur der Gottesdienst in der Kirche. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Religion ist langweilig, verstaubt und uralt? Anna Schwarz aus Straubing sieht das anders. Die 26-Jährige hat mit dem evangelischen Pfarrer Hasso von Winning und Religionslehrerin Franziska Werth gesprochen und zeigt, warum Glauben alles andere als uncool ist.

Willkommen im Supermarkt! Das Angebot an verschiedenen Glaubensrichtungen ist riesig. „Deshalb hat es die heutige Jugend schwerer als meine Generation“, erklärt Pfarrer Hasso von Winning aus Straubing. „Du musst dir eine Art Religion-Supermarkt vorstellen“, sagt er. Dort kannst du dir die verschiedenen Religionen aus den Regalen nehmen und sie in den Einkaufskorb legen. Ein bisschen Hinduismus, ein Stück Buddhismus und ein Teil Christentum. Zum Schluss schaut sich der „Einkäufer“ seinen Warenkorb an und fragt sich, ob er das Ganze überhaupt braucht. „Bei uns war das nicht so. Wir sind einfach in die Kirche gegangen“, blickt Pfarrer Hasso von Winning nachdenklich zurück.

Glaube ist für die Lebensplanung wichtig

Heute hat die junge Generation viele Optionen und scheint sich in ihnen zu verlieren. Der Straubinger Religionslehrerin Franziska Werth fällt das auch auf. Der Glaube spiele für viele junge Menschen erst mal keine große Rolle. Bei zukünftigen Fragen dann doch. Wie sollen die eigenen Kinder aufwachsen? Wie soll geheiratet werden? Die Antworten finden sie im Glauben. Viele wünschen sich eine kirchliche Trauung oder, dass ihr Kind religiös aufwächst. Es ist aber ganz natürlich, dass Jugendliche skeptisch sind und vieles hinterfragen. „Der Glaube ist nicht greifbar und wirft viele Zweifel auf. Einige wenden sich dann vom Glauben ab, andere wiederum verstärken ihn“, sagt die Religionslehrerin.

Auffällig ist auch, dass immer weniger junge Menschen Gottesdienste besuchen. Das merkt auch Pfarrer Hasso von Winning. „Allerdings ist das schon seit den 60er-Jahren der Fall.“ Menschen wollten sich zu dieser Zeit von alter Manier und Vorschrift befreien. So wurden zum Beispiel alte Organisationen wie Parteien und Gewerkschaften aufgelöst. Der Vorteil: Es gibt nun viele verschiedene Parteien. Der Nachteil: Diese Vielfalt führt dazu, dass man ohne Probleme jederzeit wechseln kann und sich nicht mehr festlegt. Wer gestern noch die eine Partei gewählt hat, kann heute für eine andere stimmen. Mit der Kirche ist das schwieriger. Hier geht man eine dauerhafte Bindung ein und kann sich nicht so einfach umentscheiden. Deshalb schrecken viele vor ihr zurück.

Allerdings darf man Kirche und Glaube nicht miteinander verwechseln. „Die Jugendlichen sind nicht weniger religiös. Sie haben eine andere Gottesvorstellung“, erklärt der Pfarrer. Außerdem muss man als Gläubiger nicht zwingend an einem Gottesdienst teilnehmen. Kirche kann ein „Und“, aber auch ein „Oder“ sein.

Wenn sich Jugendliche tatsächlich zu einem Glauben bekennen, bleibt die Frage, warum. Erhoffen sich manche bei der Konfirmation oder Firmung einfach nur Geld und Geschenke? Laut Pfarrer Hasso von Winning hat sich das geändert: „Früher hat man sich über Geld und Geschenke sehr gefreut. Mit dem Geld konnte man sich mit etwas Glück einen Führerschein leisten. Das ist heute nicht mehr notwendig. Viele haben bereits genug Geld.“ Doch was steckt dann hinter dem Glaubensbekenntnis von gläubigen Jugendlichen? Religionslehrerin Franziska Werth sagt, dass die Jugendlichen von heute sehr offen sind. Glaube sei keine Null-Bock-Stimmung. Wer glaubt, klemmt sich auch dahinter. „Ich finde sogar, dass das Interesse bei den Kindern größer ist als in meiner Jugendzeit“, betont die Religionslehrerin. „Junge Menschen suchen etwas, woran sie festhalten können. Das ist für viele der Glaube.“ Natürlich wird der auch mal hinterfragt. „Das war auch in meiner Jugend normal. Ich bin zwar in die Kirche gegangen, habe es aber nicht öffentlich gemacht. Ich wollte ja cool sein“, verrät Pfarrer Hasso von Winning schmunzelnd.

Viele denken: Kirche ist wie Schule

Das Problem ist, dass viele denken, dass ein Besuch in der Kirche genauso ist wie der in einer Schule. Das, was die meisten wollen, ist eine Atmosphäre, in der man sich wohl und frei fühlen kann. Erst dann kann Vertrauen aufgebaut werden. „Genau das ist meine Aufgabe“, betont Pfarrer Hasso von Winning.

Außerdem bietet die Kirche weit aus mehr als nur den typischen Gottesdienst. Viele unterschiedliche Veranstaltungen wie zum Beispiel Jugendzeltlager, Spieleabende und Begegnungs-Cafés, bieten die Gelegenheit, neue Freundschaften zu knüpfen. Das klingt doch gar nicht mal so uncool, oder? Franziska Werth hat schon als Jugendliche bei solchen Veranstaltungen mitgewirkt. Auch heute noch gestaltet sie Kinder- und Jugendfreizeiten mit. „Bei den Freizeiten machen wir abends oft eine Andacht. Dabei achten wir natürlich nicht darauf, ob alle Kinder und Jugendliche getauft und evangelisch sind. Letztens war zum Beispiel ein islamisches Kind dabei.“

Glaube ist wie ein zuverlässiger Freund

Zurück zum Supermarkt-Vergleich. Die Sachen in einem Geschäft muss man bezahlen. Der Glaube ist dagegen umsonst. „Man kann ihn weder kaufen, noch kann man ihn aufbrauchen“, betont der Pfarrer. „Du bekommst ihn geschenkt und kannst ihn nutzen.“ Der Glaube kann eine Art Immunsystem sein, das einen von innen heraus stärkt. Du kannst durch ihn selbstsicherer, zuversichtlicher und gelassener werden. „Er begleitet einen durch Schwierigkeiten hindurch“, erklärt Hasso von Winning. Der Pfarrer vergleicht den Glauben mit einem zuverlässigen Freund: Die Freundschaft pflegt man beispielsweise, indem man sich mit seinen Freunden zum Kaffeetrinken trifft. So ist es auch mit dem Glauben. Man kann ihn pflegen, indem man ihn auslebt – zum Beispiel in der Kirche. Du kannst durch den Glauben nichts verlieren, sondern nur etwas dazugewinnen. Der Pfarrer betont lächelnd: „Einen Versuch ist es wert.“

Weitere Artikel

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading