Fleischindustrie im Wandel Warum Fleischersatz nicht nur in der Krise boomt

Fleischersatz wird auch in Deutschland immer beliebter. Entsprechende Produkte werden längst nicht mehr nur von Vegetariern oder Veganern gekauft. (Symbolbild) Foto: imago images/epd-bild/HeikexLyding

Ob Tierwohl, Hygiene, Gesundheit oder Kritik an den Arbeitsbedingungen in Schlachtfabriken: Die Kontroversen rund ums Fleisch reißen nicht ab. Gleichzeitig erleben vegane und vegetarische Ersatzstoffe einen starken Boom, wie auch aus einer aktuellen Statistik hervorgeht. Woher kommt das? Haben Soja, Tofu & Co gegenüber herkömmlichem Fleisch überhaupt eine Chance?

Fleischersatzprodukte wie vegetarische Brotaufstriche, Sojabratlinge oder Tofu wurden im 1. Quartal 2020 deutlich häufiger produziert als noch im Vorjahreszeitraum. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamts (Destatis) hervor. Die Menge der zum Verkauf bestimmten Fleischersatzprodukte stieg demnach von knapp 14.700 Tonnen auf gut 20.000 Tonnen – ein Plus von immerhin gut 37 Prozent im Vergleich zu den ersten vier Monaten des Jahres 2019. Auch der Produktionswert für Fleischersatzprodukte stieg im gleichen Zeitraum um 36 Prozent auf gut 85 Millionen Euro.

Im gesamten Jahr 2019 erreichte die Produktion von Fleischersatzprodukten einen Wert von etwa 273 Millionen Euro – eine Summe, die im Vergleich zum Wert der Fleischproduktion aber verblasst: In den Kategorien Fleisch, Geflügelfleisch und verarbeitetes Fleisch lag der Produktionswert vergangenes Jahr zusammengerechnet bei gut 40 Milliarden Euro. Eine unvorstellbare Zahl, knapp 150 Mal so hoch wie der Produktionswert beim Fleischersatz.

Vom Geschmack überzeugen lassen

Doch das Interesse an pflanzlichen Alternativen steigt trotzdem unaufhörlich. Das sei auch schon vor der Corona-Pandemie der Fall gewesen, sagt Alex Grömminger, Kommunikationsleiter bei Proveg, einer international tätigen Ernährungsorganisation, im Gespräch mit idowa. Das beweisen demnach nicht nur die Destatis-Zahlen auf dem Papier, sondern auch der Blick in die Supermarktregale. „Das Angebot von Fleischersatz-Produkten hat sich enorm gesteigert. Viele Konsumenten sind neugierig geworden und haben sich auch vom Geschmack überzeugen lassen“, sagt Grömminger.

Laut einer Studie des Umweltbundesamts haben pflanzliche Fleischersatzprodukte im Vergleich zu konventionell erzeugtem Fleisch oft tatsächlich eine bessere Umweltbilanz. Konkret entstehen beispielsweise im Vergleich zu Rindfleisch bei der Herstellung von pflanzlichen Ersatzprodukten zum Teil weniger als ein Zehntel der Treibhausgase. Auch der Wasser- und Flächenverbrauch sei um ein Vielfaches geringer, da Pflanzen wie Weizen und Soja nicht erst als Tierfutter genutzt werden, sondern ohne große Umwege auf dem Teller landen.

55 Prozent sind Flexitarier 

Die größten Probleme mit dem pflanzlichen Fleischersatz sieht das Umweltbundesamt aber bei der Akzeptanz innerhalb der Bevölkerung und den politischen Rahmenbedingungen. „Solange der Preis der Lebensmittel aber nicht auch die Umweltschäden widerspiegelt, wird das billige Nackensteak noch länger den Vorzug vor einem Sojaschnitzel bekommen“, sagte Behörden-Präsident Dirk Messner im Juli der Deutschen Presse-Agentur.

Laut dem Ernährungsreport 2020 der Bundesregierung bezeichnet sich dennoch mehr als die Hälfte der Befragten (55 Prozent) als Flexitarier und gibt an, bewusst ab und zu auf Fleisch zu verzichten. Knapp die Hälfte (49 Prozent) hat schon einmal oder öfter pflanzliche Alternativen zu Milch, Käse oder Joghurt sowie Alternativprodukte zu Fleischwaren gekauft. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zu den am häufigsten genannten zählen Neugier, Tierwohl, Klima, Geschmack und Gesundheit.

Corona hat dann noch zusätzlich ein Umdenken in den Köpfen ausgelöst. Denn für viele war die Pandemie Anlass genug, die eigenen Ernährungsgewohnheiten zu überdenken und zu handeln. Nach Analysen der Nielsen-Marktforscher wuchsen die Umsätze mit vegetarischen Produkten im deutschen Lebensmittelhandel während der Corona-Pandemie (KW 10 bis 22) um fast 40 Prozent, die mit veganen Produkten sogar um gut 60 Prozent.

„Wir essen uns die nächste Pandemie herbei“

Alex Grömminger spricht von einer erfreulichen, aber auch logischen Konsequenz. Denn nicht nur er sieht einen "inzwischen unbestreitbaren" Zusammenhang zwischen unserem aktuellen, tierbasierten Ernährungssystem und dem Risiko für Pandemien, wie wir sie gerade erleben. „Wenn wir so weitermachen, essen wir uns quasi die nächste Pandemie herbei. Und die Folgen, die das für Menschen in fast allen Lebensbereichen hat, werden nun allen immer klarer“, betont er.

Da stellt sich die Frage, ob sich Fleischersatzprodukte auch dauerhaft und nicht nur in Krisenzeiten gegenüber Fleisch behaupten können. „Angesichts der Vielfalt und des Geschmacks sind pflanzliche Fleischalternativen absolut auf dem Vormarsch“, sagt Grömminger in Bezug auf den bereits genannten Ernährungsreport. Denn dem Report zufolge geben nur noch knapp ein Viertel der Befragten an, täglich Fleisch und Wurstwaren zu essen. 2015 waren es noch über ein Drittel der Befragten. Fleisch als Billigware verliere laut Grömminger zudem immer mehr an Akzeptanz. Grömminger geht davon aus, dass es zu einer „Koexistenz“ kommen wird, bei der „gleichzeitig aber immer häufiger zum vegetarischen Produkt gegriffen wird.“

Innovationen, an denen der Verbraucher Spaß hat

Monika Larch, Sprecherin der Bundesvereinigung der deutschen Nahrungsindustrie, ist dagegen noch unschlüssig. Sie sagt, es sei nicht entschieden, wohin die Reise beim Fleischkonsum hingeht. Denn: „Die Leute mögen Fleisch“, betont Larch auf idowa-Nachfrage. Das würden die Produktionszahlen belegen. Sie sagt: „Obwohl der Verzehr von Fleischersatz ein wachsender Trend ist und es auch immer mehr Flexitarier gibt, hat Fleisch an sich kein Image-Problem.“ Jährlich werde das Angebot von neuen Lebensmitteln größer. Viele Produzenten reagieren schlichtweg auf die Nachfrage der Verbraucher, bedienen dann aber letztlich beide Schienen, also herkömmliches Fleisch und Fleischersatzprodukte. Beim Thema Fleischersatz gehe es eher um Innovationen, an denen der Verbraucher einfach Spaß hat, so Larch.

Dennoch haben sich in relativ kurzer Zeit pflanzliche Alternativen fest am Markt etabliert. Immer mehr große Player der Fleischbranche wie Rügenwalder oder Wiesenhof oder auch Händler wie Lidl setzen auf die veganen oder vegetarischen Produkte, sagt Grömminger. „Der Kunde hat deutlich gemacht, dass er für Veränderungen offen ist und ein hohes Maß an Neugier hat. Das können und werden Hersteller und der Handel intensiv nutzen“, ist er sich sicher. Was jetzt noch fehle, ist die Förderung des pflanzlichen Anbaus in der Landwirtschaft sowohl auf europäischer als auch auf deutscher Ebene. „Hinzu kommt das Pandemierisiko, das es um jeden Preis zu reduzieren gilt. Die aktuelle Situation liefert schlussendlich das wichtigste Argument für die Veränderung des Ernährungssystems“, sagt Grömminger.

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