Essstörung So hat Luca die Magersucht besiegt

Luca lebt in einer Wohngruppe in Regensburg. Das Foto ist an ihrem Lieblingsplatz dort entstanden: dem großen Garten. Ihr Gesicht wollte die 18-Jährige nicht zeigen. Foto: Melanie Nusko

Luca ist 14 Jahre alt, als die Magersucht ihr Leben übernimmt. Heute, vier Jahre später, hat sie die Krankheit besiegt.

Alles beginnt mit einer normalen Diät. Mehr Sport, weniger Essen. „Ich dachte, ich komme aus dieser Abnehmphase schnell wieder raus, aber so einfach, wie ich es mir vorgestellt habe, war es nicht“, erinnert sich Luca. Sie lebt in „INES“ – einer intensivtherapeutischen Wohngruppe für Mädchen mit Essstörungen in Regensburg. Seit sie vor zwei Jahren hierher gekommen ist, hat sich vieles verändert. Luca ernährt sich normal, hat wieder Hunger und Appetit.

Vor vier Jahren ist das anders. „Ich hatte im Sommer zu viel Eis gegessen, wollte die überschüssigen Kilos schnell wieder loswerden“, blickt Luca zurück. Sie ist unzufrieden mit ihrer Figur und sich selbst und fängt an, einzelne Mahlzeiten auszulassen – bis nur noch Obst auf dem Speiseplan steht. Frühstück: eine Mandarine. Mittagessen: eine Orange. Abendessen: ein halber Apfel. Ein Ganzer ist zu viel. Sogar die weiße Haut der Orange pult Luca ab.

„Das Nicht-Essen ist zu einer Sucht geworden“, erzählt sie. Die Magersucht bestimmt das Leben des Mädchens. Luca erinnert sich, als ihre Mama gebratene Nudeln für sie gekocht hat: „Ich habe nur das Öl geschmeckt und gespürt, wie meine Fettzellen aufquellen – es war ekelhaft.“ Essen wird für Luca zur Qual. Sie nimmt ab. Viel. Schnell.

Die Magersucht bestimmt das Leben des Mädchens

Zuerst bemerkt es niemand. „Ich hatte zu der Zeit wenig Freunde und meine Mutter war wegen psychischer Probleme mit sich selbst beschäftigt“, sagt sie. „Das Hungern war irgendwann auch ein Schrei nach Aufmerksamkeit: ‚Mama, sieh mich!’“ Die Magersucht gibt Luca Kraft. Eine Kraft, die sie zuvor noch nicht gespürt hat. Seit ihrer Kindheit leidet Luca an Depressionen und Angstzuständen. Sie ist deshalb regelmäßig in Therapie. Ihre Psychologin ist die erste, die das Mädchen auf ihre magere Figur anspricht.

Sie weist Luca bei einer Größe von 1,72 Metern mit 45 Kilogramm in eine Kinder- und Jugendpsychatrie (KJP) ein. Lucas Ziel waren 40 Kilogramm oder weniger. Die damals 14-Jährige sieht sich aber nicht als krank: „Ich dachte mir: ‚Ich habe doch nur meine Ernährung umgestellt. Andere dürfen auch dünn sein, wieso ich nicht?’“ Das Essen verweigert Luca in der KJP nie. „Damals war ich der Meinung: ‚Ach, das esse ich jetzt und wenn ich zu Hause bin, kann ich mich wieder runterhungern’“, erzählt sie. Heute weiß Luca: „Das war mehr als dämlich.“

Selbstzerstörung steht bei Ana im Vordergrund

Magersucht wird in der Fachsprache Anorexia nervosa genannt, die Betroffenen sprechen abgekürzt oft von „Ana“. Für viele ist Ana wie eine zweite Persönlichkeit, die sie überwacht. „Manche sehen sie sogar, aber für mich war es eher eine Stimme in meinem Kopf“, erklärt Luca. Bei Ana steht Selbstzerstörung im Vordergrund. Sie gibt den Betroffenen ein Gefühl von Stärke und die Illusion, die Kontrolle über das eigene Aussehen zu haben. „Es ist wie eine besondere Fähigkeit. Ich kann etwas, was sonst keiner kann. Ich kann mich selbst zerstören“, erklärt Luca. Ana ist der Chef. Ana ist die Beschützerin. Ana hilft Luca dabei, sich kaputt zu machen. „In der schlimmsten Zeit, stand Ana beim Essen hinter mir und hat mir die Kehle zugehalten“, sagt Luca. Sie braucht Ana. Auch wenn sie der Grund dafür ist, dass es dem Mädchen schlecht geht.

Luca erinnert sich, dass sie sich vor ihrem eigenen Spiegelbild geekelt hat: „Mir wurde bei dem Anblick richtig schlecht.“ Doch statt zuzunehmen, nimmt sie weiter ab. Vielleicht gefällt ihr ihr Körper ja besser, wenn sie noch dünner wird. So sind ihre Gedanken. „Zunehmen war für Ana keine Option“, blickt die 18-Jährige zurück.

Mit der Magersucht kommen andere gesundheitliche Probleme: Herzrhythmusstörungen, Kreislaufprobleme. „Ich habe immer gerade so viel gegessen, dass ich nicht umkippe. Denn wenn ich umkippe, kann ich ja nicht mehr hungern.“

Erst als Luca mit einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus kommt, begreift sie, dass sie etwas ändern muss. Durch das starke Untergewicht hat es der Körper schwer, sich zu erholen. „Da dachte ich mir: ‚Luca, was machst du da nur für einen Scheiß?’“, blickt sie zurück. Diese Erkenntnis rettet ihr das Leben.

In der Wohngruppe wollen alle gesund werden

Luca erholt sich und zieht 2017 in die Wohngruppe „INES“ ein. Sie wagt einen Neuanfang. In der Gruppe soll sie lernen, wieder normal zu essen. Die Zeit, in denen ein Teller leer gegessen werden soll, sind vorgegeben. Frühstück: 20 Minuten. Mittag- und Abendessen: 30 Minuten. Niemand soll das Essen hinauszögern. Die Portionen sind abgewogen. Die Betreuerinnen sagen den Mädchen, wie viel auf ihren Teller soll. Wer vernünftig isst, darf seinen Teller später selbst portionieren.

Luca ist mittlerweile Selbstversorgerin. Sie darf alleine entscheiden, wie viel und was sie isst – ohne Kontrolle. Nach dem Essen gibt es eine Sitzzeit. Jede Bewohnerin muss eine halbe Stunde im Wohnzimmer verbringen. „In dieser Zeit darf niemand aufs Klo gehen, weil es sein könnte, dass jemand sein Essen erbricht“, erklärt Luca. Zweimal die Woche wird gewogen. „In der KJP haben manche mit Absicht nicht geduscht, um mit dem Fett und dem Dreck an ihrem Körper schwerer zu sein“, erzählt sie. So etwas gibt es in INES nicht. Hier wollen alle gesund werden.

Als gesund sieht sich die 18-Jährige noch nicht – aber als gesünder und „defintiv auch glücklicher“. „Inzwischen habe ich wieder viel Appetit“, erzählt Luca und lacht. Das richtige Körpergefühl fehle ihr aber noch. Eine wichtige Erkenntnis hat Luca gewonnen: „Gegen Ana zu kämpfen, ist viel stärker, als sich selbst zu zerstören.“

Die Therapie in INES hilft Luca, aber: „Ohne den Willen, gesund zu werden, hätte ich es nicht geschafft“, erzählt sie. In Lucas Leben dreht sich nicht mehr alles um Ana. Sie hat Hobbys für sich entdeckt. Yoga, Kino, Lesen. „Es ist schön, zu sehen, wie bunt man sein kann“, stellt Luca fest. Ob sie mittlerweile geheilt ist? „Von Ana ja“, sagt sie. Luca steckt sich einen Keks in den Mund. Sie lächelt.

Du leidest an einer Essstörung? Dann melde dich umgehend bei der Beratungsstelle „waagnis“. Du findest die Hilfestelle im Internet unter www.waagnis.de oder erreichst sie telefonisch unter der Nummer: 0941/5998606.

 

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