Cham Schläge, Tritte und "Sieg Heil": Gericht verurteilt 30-Jährigen

Der 30-Jährige wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. (Symbolbild) Foto: dpa

Der Angeklagte, der am Freitag vor Richter Wolfgang Voit auf der Sünderbank Platz nahm, war kein unbeschriebenes Blatt. Ein lange Liste an Vorstrafen, Jugendarrest, Unterbringung in einer Erziehungsanstalt und einen Entzug brachte er schon als schweres Erbe mit. Hinzu kommt die Mitgliedschaft beim rechtsextremen III. Weg. Für seine jüngste Entgleisung 2016 auf dem Pfingstfest in Bad Kötzting kassierte er nun elf Monate Haft, ausgesetzt zu fünf Jahren auf Bewährung.

Eine ganze Batterie an Zeugen ließ Voit auftreten. Sie alle bestätigten, was sich in jener Mainacht zugetragen habe. Der Angeklagte, ein 30-jähriger Teilezurichter, zwischenzeitlich in Viechtach wohnhaft, hatte wohl zuviel getrunken, als er vor dem Cocktailstand ohne große Not eine junge Dame von hinten anrempelte. Was diese empörte, immerhin verschüttete sie ihr Getränk. Doch statt einer Entschuldigung verpasste ihr der Angeklagte gleich einen Faustschlag ins Gesicht. Beziehungsweise versuchte er es. "Ich sah die Faust fliegen und hab mich weggedreht", gab sie zu Protokoll. So streifte sie der Angeklagte nur leicht an der Backe. Schmerzen oder "Unwohlsein" hatte sie daraufhin nicht. Sie flüchtete sich mit ihrem Freund ein Stück weg von der Szenerie, immerhin entstand schnell ein Gerangel mit vier Sicherheitsleuten, die den 30-Jährigen niederrangen - unter heftigen Flüchen und lauten verbalen Attacken. Diverse nicht druckreife Begriffe schwirrten durch die Luft. Und ein "Sieg Heil!"

Die Stimmung wurde auch nicht besser, als sich die Polizei des Delinquenten annahm. Im Gegenteil: Insgesamt sechs Beamte beschäftigte der Aggressor. Er "spreizte sich", erinnerte sich einer der dienstältesten Polizisten vor Gericht. Zunächst wollte er nicht mitkommen, dann nicht ins Auto einsteigen, später nicht mehr aus dem Wagen heraus. Die Polizeibeamten hatten alle Hände voll zu tun und konnten den 30-Jährigen nur "unter massiver Gewaltanwendung" mitnehmen. Sie kassierten dafür Schläge, Tritte, mussten sich anspucken lassen und verunglimpfen. Auch auf sie prasselte ein Regen an Verunglimpfungen nieder. Von wüsten Fäkalworten bis zu harmloseren "BRD-Knechten". Die Nacht verbrachte der Angeklagte nach einer Blutentnahme in der Ausnüchterungszelle.

Aus Sicht des Angeklagten verlief der Tattag zwar ähnlich, aber mit deutlich mehr Erinnerungslücken. "Das war eine schwierige Zeit damals", gab er zu Protokoll. Schon am Tag zuvor war er "schlecht drauf und unzufrieden ohne Ende". Kein Job, kein Führerschein, die neue Freundin weg, saß er allein in seiner Bude in Lam. Aus Frust machte er sich gegen Mittag auf zu "weitschichtig Bekannten", die sich regelmäßig in der Garage zum Trinken treffen. "Zwei, drei Bier", hatten die Lamer intus, da machte er sich auf zum Pfingstfest. Es folgte "noch a Maß, a Schnaps in der Bar..." Was bleibt sind Erinnerungsinseln: "wie ich im Zaun häng... Menschengetümmel um mich rum... Polizei", zählte der Mann auf.

Die Geschichte von der fehlenden Erinnerung nehmen ihm sowohl Richter Voit als auch Oberstaatsanwalt Theo Ziegler ab. Ein Gutachter aus der Forensik, wo der Mann zwei Jahre stationär verbrachte, bescheinigte ihm sowohl eine Alkoholkrankheit als auch ein "mustergültiges Verhalten im Entzug". Immerhin ist er insgesamt vier Jahre "absolut trocken" geblieben, hat eine Ausbildung gemacht und den Kontakt zu seinem Sohn aus einer früheren Beziehung aufgenommen.

Aktuell geht es ihm "so gut wie nie": Er ist verlobt, die Hochzeit soll im Mai folgen, die Herzensdame ist schwanger. Auch die mündliche Zusage zu einem neuen Job habe er. Der vorherige Job als Maler und Lackierer ging indessen flöten, nachdem seinem Chef die politische Gesinnung ein Dorn im Auge war. Daran ließen auch weder Richter Voit noch Oberstaatsanwalt Ziegler Zweifel aufkommen. Schließlich war auch der Kriminalpolizei der Angeklagte kein Unbekannter. "Wir kennen uns von Veranstaltungen, bei denen er als Redner auftritt", sagte ein Zeuge und bescheinigte ihm "ein im Alltag sehr höfliches Verhalten". Keine Spur von Aggression, wiederholte der hohe Kripo-Beamte. "So ein Ausfall passt gar nicht zu ihm", sagte er. Das bestätigte auch der Bewährungshelfer, der vor Gericht einen Überblick zur Vita des Angeklagten gab - und seinen zu Betreuenden in den höchsten Tönen lobte.

Dabei ist beim Blick in das Vorstrafenregister durchaus ein "Muster" zu erkennen, so Voit. Übergriffe mit Schlägen, Tritten und Beleidigungen waren in der Vergangenheit schon insgesamt sechsmal auf der Tagesordnung. Immer in Verbindung mit Alkohol. Da tickte er regelmäßig aus. Dazu kommen Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung sowie das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen.

Trotzdem wand der Angeklagte in seinem Schlusswort seinen ganzen Charme auf, die drohende Inhaftierung für ein Jahr, die Ziegler ohne Bewährung forderte, in eine Bewährungsstrafe umzumünzen. Vor allem mit dem Hinweis auf sein stabiles soziales Umfeld mit Job, Hochzeit und Baby riss er das Ruder herum. "Bitte geben Sie mir Bewährung, nach einem Jahr Haft wird es nicht leichter. Es tut mir leid."

Nach der Urteilsverkündung macht Voit deutlich, dass dies für den Mann die absolut letzte Chance war und erläuterte die verschärften Bewährungsauflagen. Vor allem aber: "Nie wieder ein Tropfen!"

 

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