Berufsportrait: Dirigent Musikalischer Stockschwinger

Gerhard Jacobs probt für die Prüfungen seines Studienfachs "Orchesterdirigieren". (Foto: Caroline Ritter) Quelle: Unbekannt

Gerhard Jacobs hat einen ungewöhnlichen Studiengang gewählt: Orchesterdirigieren an der Hochschule für Musik in Nürnberg. "Aus Leidenschaft zur Musik und zum Klang", sagt der 22-Jährige. Die hat er damals im Knabenchor entdeckt. Mit Musik ist er seit seiner Kindheit vertraut, als seine Mutter ihm vorsang. In der dritten Klasse probierte er die Trompete aus und sang in einem Chor. Neun Jahre lang war er Mitglied im Windsbacher Knabenchor. Seit seinem zwölften Lebensjahr spielt er Klavier. Ein Instrument hat in diesem Beruf eine große Rolle für die spätere Berufslaufbahn. Vor seinem Studium musste Jacobs eine Aufnahmeprüfung bestehen. "Der Prüfer versucht festzustellen, ob man genug Talent hat, um vom Dirigieren leben zu können", erklärt er.

Gerhard Jacobs ist im fünften von acht Semestern. Sein Hauptfach ist das Dirigieren, sowohl im Einzelunterricht als auch mit der Klasse. In Nürnberg sind sie in diesem Studiengang nur zu dritt. Die Studenten beginnen damit, einen Klavierspieler zu dirigieren. Sie lernen verschiedene Bewegungen, die sie dann kombinieren können. Theoretische Fächer gibt es auch: Tonsatz, Musikgeschichte und Gehörbildung. In diesem Fach muss man die Noten einer vorgespielten Melodie exakt in Notenschrift aufschreiben können - nur durch das Hören. Eine falsche Note ist ein Fehler. In der praktischen Prüfung dirigieren die Studenten eine kleine Gruppe von Musikern. "Sonst wird man die wenigste Zeit vor einem Orchester verbringen", meint Jacobs. "Im Unterricht machen wir meistens Trockenübungen. Klassische Vorlesungen gibt es uns nicht."

Eine magische Beziehung

Für jedes Musikstück geht ein Dirigent die Noten einzeln durch und versucht, seine Struktur zu verstehen. Wann soll es lauter werden, wann schneller und wo haben Pausen die beste Wirkung. Jeder Dirigent interpretiert ein Musikstück auf seine Weise. Daraus leitet sich das Dirigat ab, also der Ablauf der Bewegungen, die der Dirigent während des Stücks mit dem Taktstock oder den Händen macht. Diese müssen den Musikern verständlich sein und ihnen zeigen, wie sich der Dirigent das Stück gedacht hat. Seine Hauptaufgabe ist es, die 30 bis 120 Musiker auf einen Punkt zu bringen. Lange Stücke können anstrengend zu dirigieren sein. Danach ist man meistens verschwitzt. Man müsse sich die ganze Zeit über sehr konzentrieren und unbedingt mit den Instrumenten "mitatmen", sagt Jacobs. "Verspannung in Bauch oder Rücken übertragen sich sofort auf das Orchester. Das ist eine magische Beziehung. Ein und dasselbe Orchester wird bei einem anderen Dirigenten
wieder völlig anders klingen", erklärt er.

Laufbahn und Karriere

Wie viel man als Dirigent verdient, kann man nicht genau sagen. Das ist so ähnlich wie bei Schauspielern: Manche stehen in der Öffentlichkeit, sind bekannt und haben viele Aufträge. Andere finden keine Stelle, lechzen nach der nächsten Möglichkeit und müssen sich mit Zweitjobs über Wasser halten. "Nach dem Dirigenten-Studium gibt es drei Möglichkeiten. Die erste ist, an einem Theater als Correpetitor anzufangen und sich dann bis zum ersten Kapellmeister hochzuarbeiten", sagt Gerhard Jacobs.

Ein Correpetitor übt mit den Sängern die Lieder am Klavier ein, bevor sie mit dem Orchester auf der Bühne geprobt werden. Die zweite Möglichkeit ist die riskantere: ein eigenes Orchester gründen. "Das ist wahnsinnig viel Arbeit", meint Jacobs. "Und es ist schwer, davon zu leben, weil es zu wenig Geld dafür gibt." Oder man bewirbt sich beim Dirigentenforum des Deutschen Musikrats, eine Art Arbeitsvermittlung für Dirigenten. "Es ist wie ein Stipendium, eine Auszeichnung und sehr schwer reinzukommen", bedauert Jacobs. Sehr verbreitet ist es auch, als Gastdirigent von Musikhaus zu Musikhaus zu pendeln, um kurzzeitig die dort ansässigen Theaterorchester oder Symphonieorchester zu übernehmen. "Mit dem Symphonieorchester bin ich groß geworden", erzählt Jacobs.


Nicht nur ein dünner Holzstab


Dirigenten sieht man oft mit einem dünnen Stäbchen zwischen den Fingern bei der Arbeit. Das ist kein Zauberstab, sondern ein sogenannter Taktstock oder Dirigentenstab. Er ist vorzugsweise aus hellem Holz oder Karbon (leichte, harte Kunstfaser) mit einem Griff, meistens aus Kork. Gerhard Jacobs hat seinen eigenen Taktstock aus weißem Karbon mit Korkgriff. Aber nicht alle Dirigenten dirigieren mit einem Stab. "Das ist eine Gewohnheitsfrage, ob man lieber mit oder ohne Stab dirigiert. So ein Taktstock ist eine sehr persönliche Sache", erklärt Jacobs. "Manche sagen, mit Stab könnten sie präziser arbeiten. Aber es gibt Dirigenten, die ohne Taktstock noch präziser dirigieren, als andere mit Stock." Jacobs hat seine eigenen Vorlieben entwickelt: "Kleine Ensembles dirigiere ich ohne Taktstock, größere Orchester mit. Aber da habe ich mich auch schon bei Ausnahmen erwischt."


Alles Verrückte im Frack?


Stellt man sich spontan einen Dirigenten vor, hat man wild fuchtelnde Arme vor Augen und zerzauste Haare. "Man muss gar nicht so herumfuchteln, wie es in Filmen manchmal dargestellt wird", meint Gerhard Jacobs schmunzelnd. "Im Gegenteil." Die Devise lautet: Tu so viel wie nötig, aber kein bisschen mehr. Mit wenig Aufwand möglichst viel bewirken. "Wenn man so einen Dirigenten genau beobachtet, sieht man, dass er manchmal fast gar nichts tut, aber es klingt trotzdem gut", erzählt Jacobs. Bei der Kleidung eines Dirigenten ist die Armfreiheit sehr wichtig. Dass man sie sich immer im Frack vorstellt, entspricht nicht der vollen Wahrheit. Der Frack ist noch von der Abendkleidung der früheren Gesellschaften übriggeblieben. Inzwischen hängt es von der Veranstaltung ab, was man trägt. Er selbst trägt bei Auftritten immer einen Anzug.

 
 
 

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