Bayern-Trend dank Lockdown und Instagram Mehr Amateur-Gipfelstürmer, mehr Bergwacht-Einsätze

„Instagramable Places“: Die Bergpanoramen machen für viele Berg-Neulinge einen Reiz am Wandern aus. Foto: Stefan Karl

Die bayerischen Berge sind als Ferien- und Freizeitressort seit geraumer Zeit im Trend. Der Corona-Lockdown hat dem Bergtourismus allerdings offenbar einen weiteren Schub gegeben – mit Auswirkungen auf die Einsatzlage für die Retter in luftiger Höhe.

Die zurückliegenden Pfingsttage haben den Bergrettern in Bayern über 120 Einsätze beschert. Etwa 30 Mal mussten die Retter im Bayerischen Wald und den Mittelgebirgen in Nordbayern zur Rettung aufsteigen. In den Hochalpen mussten nach Angaben der Bergwacht Bayern zahlreiche verstiegene Bergsteiger evakuiert werden. Altschneefelder im Steilgelände waren einem Paar am Samstag und einem Einzelgeher am Sonntag am Hohen Göll zum Verhängnis geworden. „Das wird oft unterschätzt“, sagt Roland Ampenberger, Pressesprecher der Bergwacht Bayern, im Gespräch im idowa: „Auf Nordseiten kann in den Hochlagen auch um diese Jahreszeit einfach mal für ein paar hundert Meter der Weg unter dem Schnee verschwinden – auch wenn der Weg an sich nicht als schwer eingestuft ist. Wenn es noch früh am Morgen ist, kann es auch mal hart gefroren und mal rutschig sein.“ Alleine bei Oberstdorf rettete die Bergwacht bei zehn Einsätzen insgesamt 14 Menschen – einige davon hatten sich am Berg verletzt.

Die Zahl solcher und ähnlicher Einsätze ist im Zeitraum der vergangenen fünf Jahre um knapp ein Viertel gestiegen: Hatte die Bergwacht 2015 noch 2.736 Einsätze, so mussten sie im Sommer 2019 schon 3.397 Mal ausrücken. Tendenz weiter steigend – seit Maßnahmen wie der Grenzschließung gegen die Ausbreitung gegen Sars-CoV-2 mehr denn je: „Die Zahl der Bergziele war in den vergangenen Wochen sehr eingeschränkt. Deswegen hat sich der Bergtourismus im bayerischen Alpenraum spürbar intensiviert“, erklärt Roland Ampenberger.

Im Zweifel lieber umkehren

Die große Zahl der Neulinge am Berg sei ein Faktor für das größere Einsatzaufkommen – aber nicht der einzige: „Bei der Mehrzahl ist nicht der Berg an sich der Auslöser. Oft geht es um Sportunfälle oder auch gesundheitliche Probleme wie Herzanfälle.“ Ein Unfall auf dem Berg werde jedoch ungleich schneller zur Extremsituation, sagt Ampenberger: „Wenn ich mir im Sport einen zu schweren Gegner aussuche, kann ich halt verlieren. Am Berg aber geht es dann schnell um Leben und Tod.“ Extremsportarten wie Gleitschirmfliegen hätten am Einsatzaufkommen nur einen geringen Anteil. Das meiste passiere beim Laufen, Radeln, beim Tourengehen – den Sportarten, die die meisten Besucher auf den Bergen ausüben.

Ampenbergers Tipp für Neu-Bergsteiger: lieber einen Gang runterschalten und nicht zu sehr die eigene Leistungsgrenze austesten. „Vieles unterschätzt man bei der ersten Tour. Zum Beispiel, wie kühl es am Berg werden kann und wie schnell das Wetter umschlägt. Wenn man dann noch beim Aufstieg geschwitzt hat, kann einen das schon in Bedrängnis bringen“, sagt der Bergrettungs-Profi.

Selbstüberschätzung kann gefährlich werden. „Oft täuschen die Bilder, die man zuvor auf Instagram gesehen hat“, sagt Roland Ampenberger. Sollte einen der Verdacht beschleichen, dass der Weg doch zu anspruchsvoll sein könnte, sei der sicherste Weg auf dem gleichen Weg zurück talwärts – quasi auf den eigenen Spuren zurück.

Bergpanoramen für Instagram

Stichwort Instagram. Auch das ist laut den Bergrettern ein Trend, der sich abzeichnet: Viele Besucher kommen zwischenzeitlich, um das Bergpanorama als Motiv für Social Media einzufangen – und viele besuchen auch genau die Orte, die schon prominent in den Netzwerken vertreten sind: „Das führt dazu, dass manche Routen besonders häufig gegangen werden. Bestimmte Hotspots rücken in den Vordergrund. Wenn man das erste Mal in den Bergen unterwegs ist, neigt man dazu, einen Weg zu gehen, den man schon bei Kollegen oder Freunden gesehen hat“, sagt Ampenberger.

Für die kommenden Tage rechnet die Bergwacht damit, dass die Tourismus- und damit wohl auch die Einsatzzahlen hoch bleiben: „Es kommt darauf an, wie sehr die Menschen jetzt schon motiviert sind, ins Ausland zu reisen. Das Einsatzaufkommen wird wohl eher noch ein wenig zunehmen“, schätzt Roland Ampenberger. An sich sei der Trend begrüßenswert: „Die Bewegung an der frischen Bergluft ist das Beste, was man im Moment als gesundheitliche Vorsorge machen kann. Und uns freut es natürlich auch, wenn mehr Menschen die Berge für sich entdecken.“

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