Auslandsblog Eintrag 1: Warum ich nach London gegangen bin (21. Juni 2019)

Wenn ich die Zeit, die ich mittlerweile in dieser Stadt verbracht habe, zusammenzähle, komme ich auf knapp achtzehn Monate. Ich werde häufig gefragt, warum ich ausgerechnet nach London gegangen bin und wenn ich ehrlich bin, dann frage ich mich das selbst auch hin und wieder. Ist es die Offenheit der Menschen? Das Internationale? Die Kultur? Vermutlich ein bisschen von allem. Und doch habe ich bei dem ersten Schritt, den ich in diese Stadt gesetzt habe, gemerkt, dass hier alles, im metaphorischen Sinne, etwas leichter zu laufen scheint.

Auf der einen Seite gibt es die Hetzerei, denn alles muss schnell gehen. Fünf Minuten auf eine Bahn zu warten, ist eine halbe Ewigkeit und vor allem in den Rush Hours, morgens und abends, kommt bei ein paar Leuten ein gewisser Urinstinkt zum Vorschein. Die Züge sind regelrecht vollgestopft und jeder scheint einen wichtigen Termin zu haben, der ganz dringend eingehalten werden muss. Selbst ist man irgendwo dazwischen, eingeklemmt und den Menschen körperlich so nah, wie man normal nicht mal einem guten Freund ist. Körpernähe gibt es genug und ich kann bestätigen, dass das im Sommer vor allem geruchsweise ziemlich unangenehm werden kann. An der nächsten Haltestelle wird die Hälfte rausgelassen und die armen Touristen (die wirklich immer im Weg stehen) werden halb umgerannt und zur Seite gedrängt.

Aber neben diesem Stress, dieser scheinbar endlosen Schleife von Gedränge und Hast, findet man beim genauen Hinsehen etwas ganz Anderes: Entspanntheit, Ruhe und Gelassenheit. Es gibt Orte, an denen man mit der Zeit zu glauben beginnt, nicht mehr in einer Großstadt, sondern irgendwo in der Ferne zu sein. Es gibt Leute, die sich in ihren weißen und professionell gereinigten Hemden mitten ins Gras legen und einen Mittagsschlaf halten. Es gibt Eichhörnchen, die dir aus der Hand fressen und Vögel, die dich an deine eigene Freiheit erinnern. Die unzähligen Parks, die Natur, das Grüne, all das, das nicht vor dem London Eye steht, das nicht wegen der königlichen Familie besucht oder von Selfie-Sticks überschwemmt wird. All das ist London. London ist in den Menschen, es liegt in der Luft, es sind Gedanken und es ist Freiheit. Es ist das Stille, es sind die Töne hinter dem Hupen der Autos und dem aufgeregten Gerede der Touristen. Es ist die Offenheit, das Gefühl ein Teil von etwas Größerem und Wichtigem zu sein. Das Wissen, akzeptiert zu werden.

Und vielleicht ist das meine Antwort auf die Frage, wieso ich hierher gegangen bin. Dieser Kontrast zwischen dem Gefühl, das alles ganz schnell gehen muss, und der Realisierung, dass sich das wahrlich Wichtige nicht hinter der Zeit versteckt.

 
 
 

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