200. Ausgabe der Freistunde-Zeitung Lena Völk über die Wünsche von Erntehelfern

Zwischen Unterkunft, Erdbeerfeld und der Sehnsucht nach Heimat: Erntehelfer in Niederbayern. Foto: Lena Völk

Sie ernten, was wir später im Supermarkt kaufen: Erntehelfer aus Ländern wie Rumänien müssen unter teils unmenschlichen Zuständen arbeiten. Da liegt der Wunsch nach einer gerechteren Behandlung nahe. Lena Völk hat eine Erntehelferin begleitet.

5.15 Uhr an einem Mittwochmorgen im Juni. Ani* schält sich aus der warmen weiß-pink geblümten Decke und steigt in die ausgelatschten Hausschuhe. Ihr Bruder klappert schon mit der Kaffeedose in der großen Gemeinschaftsküche. Um 5.30 Uhr steht Ani in blauer Regenkleidung und mit Knieschonern mit 23 weiteren Frauen und Männern auf einem Feld irgendwo in Niederbayern.

Ani ist eine Erntehelferin. Sie kommt aus Rumänien. Zusammen mit Zehntausenden anderen Osteuropäern kommt sie jedes Jahr zur gleichen Zeit nach Deutschland. Um Erdbeeren zu ernten. Oder Spargel. Oder irgendein anderes Gemüse. „Die Deutschen sind einfach zu langsam und jammern zu viel“, erzählt Petru*, ein rumänischer Vorarbeiter und Kollege von Ani.

Meist am gleichen Hof

Langsam ist auf diesem Erdbeerfeld niemand, bezahlt wird nach Kiste. Pro Kiste gibt es 3,50 Euro – das macht am Tag etwa 120 Euro. Deutlich mehr als in Rumänien beispielsweise ein ausgebildeter Polizist verdienen würde.

Ani nimmt einen Zug von ihrer Zigarette. Der weiße Rauch vernebelt die Luft, sodass ihre schwarzumrandeten Augen kurz nicht mehr erkennbar sind. „Die Bauern sind in Ordnung, nicht super, aber in Ordnung“, sagt sie. Viele der Erntehelfer kommen jedes Jahr zum gleichen Hof, man kennt sich. Untergebracht sind sie in Containern auf dem Gelände, in angemieteten Wohnungen oder im Keller des Bauernhauses. „Meist bleiben sie unter sich“, sagt ein Gemüsebauer aus dem Landkreis Straubing-Bogen.

Trotz der Corona-Krise setzte sich der Bayerische Bauernverband mit der bundesweiten Organisation dafür ein, dass im April und Mai je 40 000 Erntehelfer aus Osteuropa nach Deutschland kommen durften. Aufgrund der geschlossenen Grenzen und Abstandsregelungen konnten die Erntehelfer nur mit dem Flugzeug anreisen und nicht wie üblich mit dem Bus.

Während Ani und die anderen Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem von Tau und Regen nassen Feld knien und die Erdbeeren für die regionalen Supermärkte pflücken, erzählt der Bauer vom hohen bürokratischen Aufwand, den die neuen Regelungen mit sich bringen. Doch der scheint sich zu lohnen: Die rumänischen und polnischen Arbeiter ernten viel schneller und effektiver als deutsche Studierende und Aushilfskräfte. Bei jedem Wetter.

Erdbeerduft und Regen

Der Wunsch nach einem besseren Leben, die Arbeit auf dem Feld und das Heimweh setzen den Erntehelfern zu – das sieht man den vom Wetter gezeichneten Gesichtern an. Trotzdem herrscht die meiste Zeit eine ausgelassene, freundschaftliche Stimmung. Ani hat dieses Jahr ihren Bruder mitgebracht, allerdings gefällt ihm die Arbeit auf dem Feld nicht und er hat sich entschieden, im Laufe der Woche zurück nach Hause zu fliegen. Der Duft der roten Erdbeeren mischt sich mit dem Geruch von frischem Regen.

Auch in der Hochzeit des Virus arbeiteten täglich 20 bis 30 Personen auf einem Feld. Ob und wie gut sich dabei Abstände einhalten lassen, sei dahingestellt. Dem Bayerischen Bauernverband nach sind deutlich weniger Erntehelfer gekommen, als erlaubt gewesen wären. Genauere Zahlen gibt es allerdings noch nicht.

Wir fragen Ani, ob sie von anderen Erntehelfern und Höfen weiß, auf denen es deutlich ungerechter und menschenverachtender zugeht. Sie antwortet nur knapp: „Klar, die gibt es. Aber uns geht es hier gut.“

*Namen von der Redaktion geändert

 

Lena Völk (21, aus Straubing):

Mein größter Wunsch wäre es, noch einmal mit meiner Oma ein Bier trinken zu können.

 

Hier findest du alle Texte aus der 200. Ausgabe der Freistunde-Zeitung.

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