Der Mann, der den "Glasgow Style" prägte 150 Jahre Charles Rennie Mackintosh

Detail an der Glasgow School of Art. (Archivbild von 2016) Foto: Franziska Meinhardt
Detail an der Glasgow School of Art. (Archivbild von 2016) Foto: Franziska Meinhardt

Charles Rennie Mackintosh, 1868 in Glasgow geboren, war ein Ausnahmekünstler: Als Architekt, Innenarchitekt, Maler und Grafiker, Kunsthandwerker und Designer prägte er eine eigene Richtung des Jugendstils. Seinen 150. Geburtstag feiert die Stadt am Ufer des Clyde mit zahlreichen Ausstellungen, Führungen und Events.

Schon mit 15 Jahren begann Mackintosh, Sohn eines strengen, presbyterianischen Polizisten, eine fünfjährige Ausbildung beim Architekten John Hutchison und besucht Abendkurse der Glasgow School of Art. Die Architektur verspricht in der prosperierenden Industriestadt, die zur "zweiten Stadt des Britischen Empire" erkoren wurde, ein einträgliches Geschäft: Das Baugewerbe boomt, man legt wertvolle Sammlungen von Kunst- und Kulturschätzen an. Die Architektur sichert Mackintosh den Lebensunterhalt, seine Leidenschaft erstreckt sich aber auch auf andere Bereiche der bildenden Kunst.

Der "Glasgow Style"

1889 wechselt Mackintosh zum neu gegründeten Architekturbüro Honeyman & Keppie. Zusammen mit James Herbert McNair und den Schwestern Frances und Margaret Macdonald (Mackintoshs spätere Ehefrau, mit der er eng zusammenarbeitete) entwickelt er den geometrischen "Glasgow Style" innerhalb des britischen Jugendstils, der sich deutlich - für Zeitgenossen mitunter zu deutlich - von den damals üblichen historisierenden viktorianischen Bau- und Kunststilen abhebt. Doch "The Four", wie sie sich nun nennen, werden die prominentesten Begründer der Glasgow School. Was den ehrgeizigen jungen Mann jedoch ärgert, ist, dass seine Pläne oft genug nicht ihm, sondern dem Architekturbüro zugeschrieben werden.

Doch über die Landesgrenzen hinaus wird das Ehepaar außerordentlich erfolgreich - ihre Arbeit wird in Deutschland, Österreich und Italien mitunter mehr geschätzt als in der Heimat: Beide nehmen an einer Ausstellung der Wiener Secession teil und werden in Turin bei der "Ersten Internationalen Ausstellung für moderne dekorative Kunst" gefeiert. Die meisten Projekte von Mackintosh und Macdonald sind ein Gesamtkunstwerk, wie ihr eigene Haus, in dem sie die gesamte Einrichtung bis hin zu den Tapeten und dem Besteck selbst entwarfen.

Lob aus Deutschland

Im Ausland erhalten sie Aufträge, etwa vom Möbelfabrikanten Karl Schmidt-Hellerau, und gewinnen Anhänger und Freunde, darunter den deutschen Architekten Hermann Muthesius und seine Frau Anna. Muthesius, der den Jugendstil eigentlich ablehnte und stattdessen "Sachlichkeit" forderte, lobt in seinem Buch "Dekorative Kunst" von 1902 Glasgow als "eine der schönsten Städte der Welt" und rät Kunstliebhabern, lieber dorthin zu gehen als nach London, denn es sei in Sachen Architektur eine "neue, junge Stadt".

Als Mackintoshs architektonisches Meisterwerk gilt das Gebäude der Glasgow School of Art von 1897 in der Renfrew Street, das tragischerweise durch einen Brand in der Nacht vom 15. auf den 16. Juni 2018 schwer beschädigt wurde - zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren.

Aber auch das restaurierte Teehaus von Miss Cranston in der Sauchiehall Street (siehe Mackintosh at the Willow: Ein Teehaus als Gesamtkunstwerk), das ehemalige Glasgow Herald Building mit dem "Lighthouse", in dem heute Schottlands Design- und Architekturzentrum untergebracht ist, das Hill House in Helensburgh (1902-04) und das "Haus eines Kunstfreundes" (The House for an Art Lover, erst 1996 aufgrund von Entwürfen fertiggestellt) sind einen Besuch wert.

Der Niedergang des "Glasgow Style" beginnt, als um 1910 Förderer und Künstler sterben oder die Stadt auf der Suche nach neuen kreativen Herausforderungen verlassen. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs versiegen Einnahmequellen. Mackintosh und Macdonald ziehen zunächst nach England, seine letzten Lebensjahre verbringt der Architekt in Südfrankreich, Italien und Spanien. Am 10. Dezember 1928 stirbt Mackintosh in London, seine Frau überlebt ihn um vier Jahre.

Späte Wertschätzung

Lange Zeit wussten Mackintoshs Landsleute mit seinem Werk nicht viel anzufangen: Noch in den 1970er Jahren wurden Werke zerstört, sein Wohnhaus 1962 abgerissen - allerdings wurde die Inneneinrichtung einiger Räume gerettet und kann nun in der Hunterian Art Gallery in Glasgow besichtigt werden.

Heute feiert Glasgow Mackintoshs großartiges Comeback: Zu seinem 150. Geburtstag öffnen denkmalgeschützte Häuser ihre Türen, zeigen Ausstellungen seine und Margaret Macdonalds Werke. Einen beeindruckenden Überblick über Mackintoshs künstlerische Entwicklung im Glasgow des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zeigt die umfangreiche Sonderausstellung "Making the Glasgow Style" in der Kelvingrove Art Gallery. Hier sind zahlreiche Kunstwerke und Möbel von ihm, Margaret Macdonald und ihren Künstlerfreunden ausgestellt.

Weitere Informationen: www.glasgowlife.org.uk/museums/venues/kelvingrove-art-gallery-and-museum

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