Zivilcourage-Serie
Warum es wichtig ist, sich für andere einzusetzen – Auftaktfall Teil 1

Symbolfoto: serienlicht/Imago
Eine Gruppe junger Männer tritt auf ihr Opfer ein, doch dann schreiten Passanten ein.

Ein gewöhnlicher Nachmittag an einer Bushaltestelle: Menschen warten auf ihre Fahrt, schauen auf ihr Smartphone oder blicken gedankenverloren die Straße entlang. Doch dann zerreißt eine aggressive Stimme plötzlich die Routine.
„Ey, was glotzt du so?“ Drei junge Männer haben sich vor einem einzelnen, etwa gleichaltrigen Jugendlichen aufgebaut. Die Stimmung kippt innerhalb weniger Sekunden. Zunächst sind es provozierende Blicke, dann folgen Beleidigungen. „Schieb dich weg, sonst schieben wir dich weg – und zwar so, dass du nicht mehr wieder herkommst!“
Der junge Mann wirkt eingeschüchtert. Er blickt zu Boden und versucht, der Situation aus dem Weg zu gehen. Die übrigen Wartenden bemerken die Szene. Doch niemand sagt etwas. Viele schauen weg. Dann tritt eine Frau aus der Menge hervor. Nicht zu den jungen Männern, sondern zu dem Betroffenen: „Ist alles in Ordnung bei dir?“
Ihre Stimme bleibt ruhig, aber sie spricht laut genug, dass alle Anwesenden sie hören können. Plötzlich verändert sich die Situation. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Gruppe. Weitere Menschen schauen hin. Die jungen Männer merken, dass ihr Verhalten beobachtet wird. Nach einigen weiteren Pöbeleien ziehen sie schließlich in Richtung Stadtpark davon.
Für den Moment scheint die Situation entschärft. Doch genau hier beginnt häufig das eigentliche Problem. Nicht jede Eskalation fängt mit Gewalt an. Oft stehen am Anfang Beleidigungen, Einschüchterungen und Provokationen. Und genau so entwickelt sich auch dieser Fall weiter.
Im Stadtpark setzt die Gruppe ihr Verhalten fort. Sie grölt, beleidigt Passanten und rempelt Spaziergänger gezielt an. Viele gehen weiter, einige wechseln die Wegseite. Dann kommt ihnen ein Jogger entgegen. Er bemerkt die Gruppe zu spät und kann nicht mehr ausweichen.
Ein Wort ergibt das andere. Plötzlich schlägt einer der jungen Männer zu, ein zweiter folgt. Der Jogger geht zu Boden. Während er noch versucht, sich aufzurichten, treten mehrere Täter nach ihm. Für einen kurzen Moment herrscht Schockstarre. Dann reagieren die Umstehenden.
„Hört sofort auf! Wir rufen die Polizei!“, ruft ein Passant laut. Ein anderer wählt den Notruf. „Polizei, hier wird gerade ein Mann angegriffen!“ Eine weitere Zeugin spricht gezielt andere Personen an: „Sie mit dem Fahrrad – helfen Sie bitte und rufen Sie einen Rettungswagen!“ „Sie, der Mann mit dem grünen Pulli, kommen Sie zur Hilfe!“
Währenddessen dokumentiert ein Zeuge aus sicherer Entfernung das Geschehen mit seinem Mobiltelefon zur Sicherung von Beweisen. Als die Täter bemerken, dass mehrere Menschen aufmerksam geworden sind und die Polizei verständigt wurde, flüchten sie, noch bevor die ersten Einsatzkräfte eintreffen. Zurück bleiben Zeugen, die Erste Hilfe leisten und sich um den Verletzten kümmern.
Die Täter jedoch werden schon bald wieder auftauchen.
Das ist Teil eins unseres Auftaktfalls zur neuen Freistunde-Serie über Zivilcourage. Nächste Woche geht es weiter mit Teil zwei. Teil drei folgt in der übernächsten Woche.
Polizeihauptmeister Robert Zwickenpflug rät
Für Opfer
- Sich möglichst aus der Gefahrenzone entfernen.
- Laut auf die Situation aufmerksam machen, Täter dabei mit „Sie“ ansprechen, um zu zeigen, dass keine „Kumpelsituation“ vorliegt.
- Andere Personen gezielt ansprechen, dabei hilft es, Personenmerkmale zu benennen.
- Die Polizei verständigen.
- Verletzungen ärztlich dokumentieren lassen.
- Mögliche Zeugen ansprechen und Kontaktdaten sichern.
Für Zeugen
- Sofort den Notruf 110 wählen. Dabei wichtig: Der Mitarbeiter in der Notrufzentrale beendet das Gespräch, deshalb so lange in der Leitung bleiben, bis keine Rückfragen mehr bestehen und das Gespräch durch die Polizei beendet wird.
- Ruhe bewahren und den Vorfall möglichst genau beschreiben.
- Weitere Personen gezielt ansprechen: „Sie mit der roten Jacke – rufen Sie bitte sofort die Polizei!“
- Abstand halten und sich nicht selbst gefährden.
- Tätermerkmale merken: Anzahl der Personen, Geschlecht, Kleidung, Größe, Haarfarbe, Besonderheiten, Fluchtrichtung
- Nach dem Vorfall als Zeuge zur Verfügung stehen. Fotos oder Videos nur den Ermittlungsbehörden übergeben.
Die neue Freistunde-Serie über Zivilcourage
„Damit habe ich nichts zu tun.“
„Da wird bestimmt jemand anderes helfen.“
„So schlimm wird es schon nicht sein.“
Gedanken wie diese gehen vielen Menschen durch den Kopf, wenn sie Zeugen einer unangenehmen oder bedrohlichen Situation werden.
Die meisten Straftaten geschehen nicht im Verborgenen. Oft gibt es Menschen, die etwas sehen, hören oder ein ungutes Gefühl haben. Dennoch bleibt Hilfe manchmal aus – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern häufig aus Unsicherheit.
Was darf ich überhaupt tun? Muss ich helfen? Darf ich die Polizei rufen, obwohl noch gar nichts passiert ist? Bringe ich mich dadurch selbst in Gefahr? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich unsere neue Serie über Zivilcourage. Jeden Monat schildern wir Fälle, die sich täglich so oder in ähnlicher Form auch im Alltag der Polizei abspielen. Zum Schutz aller Beteiligten wurden die genauen Abläufe teilweise verändert und zusammengefasst.
Im Mittelpunkt der Texte stehen dabei nicht die Täter. Im Mittelpunkt stehen Menschen wie du. Menschen, die beobachten, den Notruf wählen, Hinweise geben oder als Zeugen zur Verfügung stehen. Kurz gesagt: Menschen, die hinsehen, handeln, helfen. Menschen, die Zivilcourage zeigen.
Zum Auftakt der neuen Serie schildern wir über drei Wochen hinweg eine zusammenhängende Geschichte. Sie zeigt, wie Gewalt häufig nicht plötzlich entsteht, sondern sich schrittweise entwickelt – von ersten Beleidigungen über Einschüchterungen bis zu schweren Straftaten. Gleichzeitig wird deutlich, wie wichtig aufmerksame Bürger sind, um Fälle zu verhindern und aufzuklären.
Nach diesem Auftaktfall stellen wir jeden Monat einzelne Fälle aus unterschiedlichen Lebensbereichen vor und zeigen dabei immer wieder: Was kann ich tun, um zu helfen? Denn Zivilcourage bedeutet nicht, sich selbst in Gefahr zu bringen. Zivilcourage bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Mit Herz, aber auch mit Verstand.
Nach der erfolgreichen ersten Staffel „Real Cybercrime“ ist „Hinsehen. Handeln. Helfen.“ die Fortsetzung unserer redaktionellen Serie mit dem Polizeipräsidium Niederbayern. Wer die Texte zu „Real Cybercrime“ nachlesen möchte, findet hier alle Teile: idowa.de/cybercrime









