Serie zu Zivilcourage
Warum es wichtig ist, im Notfall zu helfen – Auftaktfall Teil 3

Rückblick: Die Vorfälle beschäftigen die Region inzwischen seit Wochen. Was an einer Bushaltestelle mit Einschüchterungen begann, entwickelte sich über körperliche Angriffe, Sachbeschädigungen und weitere Straftaten zu einer Serie von Ereignissen, die viele verunsichert.
Weiterhin berichten Zeugen von denselben jungen Männern. Immer wieder gehen Hinweise bei der Polizei ein. Und immer wieder stellt sich dieselbe Frage: „Was kann ich eigentlich tun, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen oder zur Zielscheibe der Täter zu werden?“ Die Antwort darauf sollte sich schon bald zeigen.
Es ist kurz nach Mitternacht. Eine Anwohnerin wird durch laute Stimmen geweckt. Zunächst versucht sie, weiterzuschlafen, dann hört sie Schreie, sie tritt ans Fenster.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite erkennt sie mehrere Personen, die auf einen Mann einschlagen. Als dieser zu Boden geht, treten mindestens zwei der Angreifer weiterhin auf ihn ein. Die Frau zögert keinen Augenblick: Sie greift zum Telefon und wählt den Notruf. Gleichzeitig macht sie weitere Nachbarn auf die Situation auf der Straße aufmerksam. Auch andere Anwohner reagieren: Lichter gehen an, Fenster öffnen sich, Menschen treten auf Balkone. Ein Passant ruft laut: „Die Polizei ist verständigt! Hört sofort auf!“
Die Angreifer merken, dass sie nicht mehr unbeobachtet sind. Sie lassen von ihrem Opfer ab und flüchten. Als Polizei und Rettungsdienst eintreffen, liegt der Mann verletzt am Boden. Mehrere Zeugen kümmern sich um ihn, ein Nachbar bringt eine Decke, eine Ersthelferin versorgt eine blutende Wunde. Wieder andere beruhigen den Verletzten bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes.
Niemand hat versucht, die Täter zu verfolgen. Niemand hat sich selbst in Gefahr gebracht. Aber viele Menschen haben geholfen.
Noch in derselben Nacht beginnen die Ermittlungen. Die Polizeibeamten vor Ort sprechen mit Zeugen und nehmen erste Aussagen auf: Eine Anwohnerin beschreibt die Täter, ein Passant kennt die Fluchtrichtung, ein anderer erinnert sich an ähnliche Personen aus früheren Vorfällen. Nach und nach fügen sich die Informationen zusammen.
Für sich genommen erscheint keine dieser Beobachtungen spektakulär. Doch erfolgreiche Ermittlungen leben oft von vielen kleinen Details: die Aussage der Frau von der Situation an der Bushaltestelle, die Notrufe und Zeugenaussagen aus dem Stadtpark, die Hinweise der Anwohner nach den Sachbeschädigungen, die Beobachtungen rund um das Geschäft und schließlich die Aussagen der Zeugen dieser Nacht. Wie bei einem Puzzle entsteht Stück für Stück ein Gesamtbild.
Die Ermittler können schließlich mehrere Tatverdächtige identifizieren und die einzelnen Vorfälle miteinander in Verbindung bringen. Am Ende zeigt sich: Nicht ein einzelner Hinweis war entscheidend. Sondern viele Menschen, die nicht weggesehen haben.
Das war der dritte und letzte Teil unseres Auftaktfalls zur neuen Freistunde-Serie über Zivilcourage. Ab jetzt stellen wir im monatlichen Rhythmus Kriminalfälle rund um Zivilcourage vor.
Fazit zum Auftaktfall
In Teil eins vor zwei Wochen begann die Geschichte mit einer Frau an einer Bushaltestelle. Sie hat nicht weggesehen. Später meldete in Teil zwei aus der vergangenen Woche ein aufmerksamer Nachbar seine Beobachtungen. Passanten wählten den Notruf, Zeugen leisteten Erste Hilfe, andere machten Aussagen bei der Polizei.
Keiner von ihnen musste ein Held sein. Keiner musste sich selbst in Gefahr bringen. Aber jeder Einzelne hat Verantwortung übernommen. Und genau deshalb konnten Zusammenhänge erkannt, Straftaten aufgeklärt und weitere Opfer verhindert werden. Zivilcourage beginnt nicht mit Mut zur Konfrontation. Zivilcourage beginnt mit der Entscheidung, hinzusehen.
Wichtige Fragen
➔ Muss ich bei einem Vorfall eingreifen?
Ja – soweit dies möglich und zumutbar ist. Niemand ist verpflichtet, sich selbst in Gefahr zu bringen. Wichtig ist jedoch, Hilfe zu organisieren, den Notruf zu wählen oder andere Menschen auf die Situation aufmerksam zu machen.
➔ Muss ich Erste Hilfe leisten?
Auch hier gilt: Ja – soweit dies möglich und zumutbar ist. Niemand muss dabei aber seine eigene Sicherheit gefährden. Schon einfache Maßnahmen bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes können wichtig sein.
➔ Muss ich Täter verfolgen?
Nein. Die Verfolgung von Tatverdächtigen kann gefährlich sein. Merke dir stattdessen wichtige Merkmale wie Kleidung, Anzahl der Personen oder die Fluchtrichtung und teile diese Informationen der Polizei mit.
Polizeihauptmeister Robert Zwickenpflug rät
Die Polizei kann nicht überall gleichzeitig sein. Auch nicht die Sicherheitswacht. Deshalb spielen aufmerksame Bürger eine wichtige Rolle bei der Verhinderung und Aufklärung von Straftaten. Zivilcourage bedeutet dabei nicht zwangsläufig, sich zwischen Täter und Opfer zu stellen oder körperlich einzugreifen.
Zivilcourage bedeutet auch und vor allem:
• aufmerksam sein
• je nach Situation präsent sein und zu signalisieren: „Ich bin hier!“
• Hilfe organisieren
• den Notruf wählen
• andere Menschen ansprechen
• Erste Hilfe leisten
• Beobachtungen mitteilen Jede dieser Handlungen kann dazu beitragen, Straftaten zu beenden, Opfer zu schützen und Ermittlungen zu unterstützen.












