Einsam in Tokio

Videos von überarbeiteten Japanern: Was hat es mit Salarymen auf sich?

Außen KI-generierte Titelbilder, drinnen dröges Alltagsleben: Immer mehr Videos von Angestellten am Rande des Burn-outs fluten YouTube. Aber: Sind sie echt?

Salarymen sind auch außerhalb Japans bekannt. Eine Reihe von YouTube-Videos zeigt jetzt ihren vermeintlichen Alltag.

Salarymen sind auch außerhalb Japans bekannt. Eine Reihe von YouTube-Videos zeigt jetzt ihren vermeintlichen Alltag.

Das Schema ist immer dasselbe: Das Vorschaubild ist grundsätzlich KI-generiert, das Video selbst mit Handy oder kleiner Handkamera aufgenommen. Der Titel lautet „Ein langweiliges Wochenende im Leben eines überarbeiteten Salaraymans“ oder ähnlich. Zu sehen sind diese Videos auf Kanälen wie „Salaryman Tokyo“. Deren Betreiber zeigen nie ihr Gesicht, reden kein Wort, blenden dafür aber Untertitel ein, in denen sie über ihren Alltag berichten, während sie irgendwo Ramen oder etwas anderes essen.

Vielen Kommentatoren geht es bei der Schilderung von so viel Leid und Stress ähnlich: Sie sprechen den Kanalbesitzern gut zu und regen sich über ihre unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf. „Salaryman“ ist in Japan nämlich ein geflügeltes Wort. Es beschreibt einerseits einen einfachen Angestellten in Anzug und Krawatte, andererseits ist es ein Hinweis auf eine ganze Arbeitskultur, die von Überstunden, Stress und manchmal auch dem Tod durch Arbeit, dem sogenannten „Karoshi“, geprägt ist.

Nur manche stellen die Frage: Sind die Videos und ihre Inhalte überhaupt echt? Denn dafür, dass die Salarymen so viel über ihre Arbeitgeber lästern, sieht man sie erstaunlich selten arbeiten. Außerdem sind die Inhalte einzelner Kanäle mehr oder weniger voneinander kopiert: ein Besuch bei der Restaurantkette Ichiran zum Beispiel, in das es einen Kanalbetreiber nach dem anderen hineinzutreiben scheint.

Ein Besuch auf verschiedenen Japanforen zeigt: Auch hier werden die vermeintlichen Salarymen und ihre Videos diskutiert. Denn das Bild, das sie von Tokio und Japan zeigen, ist letztlich ein ziemlich negatives.

Der Konsens aus den meisten Diskussionen ist: Wahrscheinlich sind die Salarymen echt, nur ihre Videos sind bewusst übertrieben. Vielleicht auch als Möglichkeit, sich ein kleines Zubrot zu ihrem Gehalt zu verdienen. Denn allzu aufwendig sind diese Videos nicht zu machen und die meisten bekommen zumindest jetzt gerade ganz vernünftige Klickzahlen. Es scheint fast so, als würden die überarbeiteten Salarymen auch den Zuschauern im Westen aus der Seele sprechen.

Folgen Sie Themen dieses Artikels:

Alle Artikel zu gefolgten Themen und Autoren finden Sie bei mein Idowa

Keine Kommentare


Neueste zuerst Älteste zuerst Beliebteste zuerst
alle Leser-Kommentare anzeigen
Leser-Kommentare ausblenden

Dieser Artikel wurde noch nicht kommentiert.

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.