YouTube-Tipp
Die Geschichte vom „König in Gelb“ lebt in einem Minecraft-Video weiter

gustaf von zeipel/Pixabay
Wer dem König in Gelb begegnet, entdeckt sehr schnell, wie die Wirklichkeit zerfasert.
„Geh nicht nach links an der Weggabelung.“ Zumindest die englische Version dieses Satzes („At the Crossroads, don’t turn left.“) ist seit einigen Wochen das Mantra einer ganzen Reihe von Minecraft-Spielern. Auslöser ist ein Video des YouTubers Wifies mit dem Titel „Searching for a World that doesn’t exist“. Wie die meisten Videos auf Wifies Kanal dreht sich auch diese 42 Minuten lange Geschichte um Minecraft und die fiktionale Geschichte von Avery, dem etwas eigentlich Unmögliches widerfährt: Auf seinem Computer ist eine Minecraftwelt vorinstalliert, die so eigentlich nicht funktionieren sollte. Was dann passiert ist ein erstaunlich effektiver Horror-Trip, der innerhalb des einen Monats, in dem das Video jetzt existiert, mehr als 18 Millionen Aufrufe erhalten hat. Denn in „Searching for a World that doesn’t exist“ ist nur wenig so, wie es scheint.
Eine mysteriöse Gestalt, die durch die Medien geistert
Womit Wifies sich bei den Zuschauern jede Menge Extrapunkte verdient hat und was sicher mit ein Grund für den Erfolg des Videos ist: Für ein Minecraft-Horrorvideo ist es erstaunlich tiefgründig. Denn in der Gestalt, die Avery bei seiner Reise durch die mysteriöse Welt verfolgt, haben einige Nutzer sehr schnell den legendären König in Gelb entdeckt.
Dessen Geschichte beginnt im Jahr 1895 mit der gleichnamigen Kurzgeschichtensammlung des Autors Robert W. Chambers. Seitdem geistert er durch unterschiedliche Medien, etwa durch die 2014 erschienene TV-Serie „True Detective“, die Horrorgeschichten von H. P. Lovecraft oder sogar durch das „Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin. Dabei ist nicht einmal sicher, was der König in Gelb eigentlich ist. Chambers nutze den Namen gleichzeitig für eine mysteriöse Gestalt, die Wahnsinn und Verderben säht, aber auch für ein Theaterstück, das seine Leser in eine obsessive Spirale stürzt, die nie gut endet. Weitere Namen wie Hastur und Carcosa, die inzwischen auch fest zur Legende des Königs in Gelb gehören, hatte Chambers aus einer Kurzgeschichte des Autoren Ambrose Bierce entliehen, was die ganze Sache noch einmal ein Stück mysteriöser werden lässt.
Denn Antworten auf die vielen Ideen und Namen finden sich in Chambers Geschichten nicht. Eher im Gegenteil: Weil die vier Kurzgeschichten um den König in Gelb dem Verlag damals nicht genug für eine eigene Veröffentlichung waren, fügte Chambers kurzerhand noch andere Erzählungen von ihm hinzu. Diese Geschichten, allesamt eher Romanzen, haben auf den ersten Blick nur wenig mit den ersten Geschichten zu tun – zumindest so lange, bis man sie genauer liest. Das ganze Werk wird dadurch zu einem riesigen Fragezeichen, das sich durch nichts vertreiben lässt. Nicht zuletzt deshalb hat der König in Gelb in den vergangenen 130 Jahren Autoren und Künstler fasziniert. Immer wieder kommt sein Name vor, und wenn nicht der, dann vielleicht eine Gestalt, die dem König oder der Macht des Stücks sehr ähnlich sind. Oft nutzen Autoren auch die Grundlage des Mythos, um ihm eigene Ideen hinzuzufügen – das ist sehr einfach, da der König in Gelb mittlerweile gemeinfrei ist, sprich, jeder diese Idee benutzen kann.
Viel wird nicht verraten, das tut der Geschichte gut
Mittlerweile hat der König in Gelb auch den Sprung in andere Medien geschafft. Einer seiner bekanntesten Auftritte ist in der ersten Staffel der Thriller-Serie „True Detective“, in der der Mythos um den König das Hauptmotiv des Killers ist. Und natürlich bleibt auch das Internet nicht vor ihm verborgen.
Unter anderem als Gegenspieler in „Searching For A World That Doesn’t Exist“. Wifies verwehrt sich dabei dem Drang, zu viel über den König zu erzählen. Es gibt Hinweise auf ihn und auch über die Ursprünge der Minecraftwelt, die Hauptcharakter Avery erkundet. Den roten Faden zwischen den einzelnen Andeutungen müssen die Zuschauer selbst spinnen – und fallen so in ein mehr als 100 Jahre altes Rechercheloch.
Angeblich will Wifies „Searching For A World That Doesn’t Exist“ einen zweiten Teil spendieren, doch einige Nutzer sind sich nicht sicher, ob sie das überhaupt brauchen. Denn mit dem recht offenen Ende, das viele Fragen offen lässt erreicht dieses YouTube-Video ein ähnliches Resultat wie die Kurzgeschichten von Robert W. Chambers, die am Ende auch keine Antworten gaben und deshalb immer noch gelesen werden.










