Phänomen

Oettingen ist die Stadt der Störche

Nachdem im Nördlinger Ries seit Menschengedenken nur ein Storchenpaar genistet hat, setzte vor zwölf Jahren eine regelrechte Invasion ein. Über 40 Nester finden sich dort. Warum?

Sehr beliebt ist das Dach der Volkshochschule, auf dem gleich mehrere Nester errichtet wurden.

Sehr beliebt ist das Dach der Volkshochschule, auf dem gleich mehrere Nester errichtet wurden.

So ganz leicht fällt es Heidi Källner nicht, die fast 200 Stufen im engen Treppenhaus des Turms der Oettinger Jakobskirche zu bewältigen. Doch ihre Mission verleiht der 85-Jährigen buchstäblich Flügel. Von dem inzwischen für die Öffentlichkeit gesperrten 50 Meter hohen Kirchturm nämlich lassen sich viele Bewohner der Storchenhauptstadt Bayerns in die Nester blicken.

Derzeit verbringt die Storchenbeauftragte des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) und des Bunds Naturschutz (BN) besonders viel Zeit mit Storch-Stalking auf erhöhten Beobachtungsposten. Denn sie will genau wissen, wie viel Nachwuchs die Störche auf den Dächern und Bäumen großziehen. In ihrem Zuständigkeitsbereich liegen 109 Storchennester verteilt auf 23 Ortschaften, darunter allein 49 in Oettingen. Sieben davon sind „tot“, weiß sie. Aus welchen Gründen auch immer hat dort kein Nachwuchs überlebt. Die Naturschutzbehörden der Region und darüber hinaus stützen sich auf die Daten der 85-Jährigen.

Storchenspezialistin und -beauftragte Heidi Källner ist immer auf Tour zu ihren Schützlingen.

Storchenspezialistin und -beauftragte Heidi Källner ist immer auf Tour zu ihren Schützlingen.

Von einem auf 56 Nester innerhalb von zwölf Jahren

Bis 2014 war ein einziges Nest, heute „Traditionsnest“ genannt, die alleinig bestaunte und geliebte Storchenattraktion in der 5.200-Einwohner-Stadt im Landkreis Donau-Ries. Doch dann setzte eine regelrechte Invasion ein, die im Vorjahr mit 56 Nestern ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte.

Die Gründe dafür kann auch die Storchenbeauftragte Källner nicht eindeutig benennen. Fast scheint es, als ob innerhalb der Storch-Population eine Art Instagram das Nördlinger Ries und insbesondere Oettingen zum Hotspot gemacht habe. Die meisten Oettinger freuen sich über die Vögel, die in vielen Kulturen als ausgesprochene Glücksbringer gelten. Vereine, Organisationen und Hauseigentümer wollen mit Nisthilfen ein Storchenpaar auf ihr Dach locken. Auch Masten mit Wagenrädern werden aufgestellt. Nur vereinzelt gebe es Sorgen und Beschwerden, sagt die Oettinger Stadträtin Martina Krommrei.

„Die hohe Anzahl an Nestern bringt für manche Anwohner durchaus auch Belastungen mit sich“, räumt Oettingens Erster Bürgermeister Thomas Heydecker (SPD) ein. Die Stadt unterstütze Storchen-Gastgeber und sorge beispielsweise einmal jährlich für die Reinigung der Dachrinnen und Schneefanggitter der Häuser.

Außerdem: „Eine weitere Ansiedlung von Störchen wird vonseiten der Stadt nicht aktiv gefördert.“ Bestandsregulierende Maßnahmen verbieten sich wegen des strengen Schutzes der Weißstörche von selbst, sagt das Stadtoberhaupt. Ein Nest darf nur beseitigt werden, wenn noch kein Ei darin liegt, sonst drohen empfindliche Strafen.

Der Tourismus nach Oettingen, das über seine Grenzen hinaus vor allem durch die ansässige Großbrauerei bekannt ist, hat bisher eher bescheidene Ausmaße. Doch die Störche sorgen für einen gewissen Rückenwind, sagt Stadträtin Krommrei. Die beste Zeit für „Stork Watching“ ist das Frühjahr, wenn überall in dem beschaulichen Ort Geklapper zu hören ist.

Das Thema werde auf verschiedene Weise touristisch begleitet und weiterentwickelt, berichtet Bürgermeister Heydecker. Neben zahlreichen Storchen-Souvenirs werden Storchennesterrundgänge sowie spezielle Storchenführungen für Kinder und Erwachsene angeboten.

„Wir haben sie gezählt - 29 passen auf ein Dach“

Die moderne Technik hilft auch in der Storchenforschung: Neuerdings stellt das Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie einige Hightech-Ringe zur Verfügung. In einer App kann Källner in Echtzeit sehen, wo sich der beringte Vogel aufhält - und wenn es Südafrika ist. Doch so weit fliegen Störche meist gar nicht mehr. Nur noch wenige treten die lange Reise bis zur Südhalbkugel an, berichtet die Storchenbeauftragte. Viele bleiben schon in Spanien „hängen“ und einige machen sich gar nicht mehr auf den Weg, die dann als „Winterstörche“ bezeichnet werden.

Es ist übrigens eine Mär, dass Störche immer wieder zu ihrem Geburtsort zurückkehren. Wenn das so wäre, würde Oettingen schon in wenigen Jahren mehr Störche als Einwohner zählen, zumal die Tiere 26 Jahre alt werden und bis zu sechs Junge pro Jahr aufziehen können.

Es ist auch eine Mär, dass Störche besonders liebevolle Eltern sind. Ist das Nahrungsangebot zu knapp oder hängt aus irgendwelchen Gründen der Segen im Hause Adebar schief, wird der Nachwuchs ab und an brutal getötet - aus dem Nest geworfen oder gar gefressen.

Ende Juli übrigens können Besucher ein weiteres Storchenspektakel beobachten. Wenn die Jungstörche das Nest verlassen haben, aber sich offenbar noch unschlüssig sind, wohin sie ihr Weg weiterhin führt, sammeln sie sich in großer Anzahl auf bestimmten Hausdächern.

„Wir haben sie gezählt - 29 passen auf ein Dach“, berichtet Heidi Källner. Ihr „Storchentagebuch“ ist für jedermann einsichtig und neuerdings kann man auch mit einer Webcam von zu Hause aus die Oettinger Störche beobachten.

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