Lesenswert (4) Empfehlen Google +

Artikel vom 22. Mai 2012 11:24, 414 mal gelesen

Investitionen in die Zukunft des gedruckten Wortes

Autor: Dr. Dorit-Maria Krenn
Ein Agenturschild.

Ein Agenturschild.

Ein Streifzug durch die Geschichte der Cl. Attenkofer'schen Buch- und Kunstdruckerei und des "Straubinger Tagblatts.

Am 1. Juli 1860 erwarb Clemens Attenkofer, Buchhändler aus Landshut, in Straubing die Buchdruckerei des Franz Seraph Lerno. Attenkofer ließ sich in Straubing aber nicht nur nieder, um Bücher und Broschüren, Todesanzeigen, Billets und Ähnliches zu drucken. Zusammen mit seinem Stiefvater Johann Baptist von Zabuesnig, der 1849 die "Landshuter Zeitung" gegründet hatte, war von Anfang an geplant, in Straubing eine Tageszeitung einzuführen. (...) Am Montag, 1. Oktober 1860, erschien die erste vierseitige Ausgabe des "Straubinger Tagblatts". Attenkofer versprach darin als Devise seiner Zeitung: "... ohne sich in Partheidifferenzen einzulassen, ohne das religiöse Gefühl zu verletzen, ohne irgendwie Anstoß zu erregen, wird es treu dem Könige und Vaterlande einfach und wahrheitsliebend, kurz und gut die politischen Ereignisse berichten, Oertliches, Bayerisches und vermischte Nachrichten geben, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, die Mittelstraße zu wandeln suchen." Neben dem Zeitungsgeschäft baute der junge Unternehmer in der Flurlgasse auch eine moderne Akzidenzdruckerei sowie eine Verlagsbuchhandlung auf. (...)

Doch schon mit 28 Jahren erlag er einem Tuberkuloseleiden. Seine Witwe Josephine Rohrmayr, eine Landauer Brauerstochter, führte den Druckereibetrieb und die Zeitung weiter, wobei sie mit der Einstellung des Priesters Georg Aichinger als Redakteur einen radikalen Wechsel von der liberalen Tendenz des "Straubinger Tagblatts" zu einer ausgeprägt katholisch-konservativen Ausrichtung vollzog. Josephine Attenkofer fand 1870 in dem aus Neuburg an der Donau stammenden Buchhändler Georg Huber einen neuen Ehe- und engagierten Zeitungsmann. Der Name des Gründers aber lebt bis heute fort im Firmennamen "Cl. Attenkofer'sche Buch- und Kunstdruckerei. Verlagsbuchhandlung (KG)".

Sohn Georg Huber übernahm im April 1900 den Betrieb und stattete ihn mit den modernsten Druckmaschinen aus. Damit war er auch gerüstet für sein Kinder- und Bilderbuchprogramm, das in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg pädagogisch und künstlerisch wertvolle Kinderbücher, mit die schönsten in Deutschland, auf den Markt brachte. Der Verleger brachte sich auch in der Kommunalpolitik ein, initiierte ein Industrie-Propaganda-Büro in Straubing und gründete den Verein Bayerischer Zeitungsverleger mit.

Eine Großinvestition tätigte er mit dem Bau eines repräsentativen Verlags-, Druckerei- und Wohngebäudes zwischen Ludwigsplatz und Rosengasse, das am 9. März 1929 eingeweiht wurde. Die 1645 von dem damaligen Hausbesitzer, dem Apotheker und Bürgermeister Simon Höller, errichtete barocke Hauskapelle wurde in den Neubau integriert. Huber erweiterte auch das Zeitungsgeschäft durch Kauf oder Gründung niederbayerischer und oberpfälzischer Organe, zum Beispiel der Wörther Volks-Zeitung, der Kötztinger Zeitung oder der Allgemeinen Laaber-Zeitung. Zu Jahresbeginn 1933 existierten in Straubing, einer Stadt mit knapp 26 000 fast ausschließlich katholischen Einwohnern, drei Zeitungen: der seit 1896 erscheinende, eher linksorientierte "Niederbayerische Anzeiger", der "Straubinger Beobachter", ein seit September 1932 von der Ortsgruppe der NSDAP herausgegebenes Nachrichtenblatt, und als ältestes Presseorgan das "Straubinger Tagblatt".

Die Presse war für die Nationalsozialisten ein unerlässliches Mittel, um ihre Weltanschauung allen Deutschen einzuprägen. Nach der Machtergreifung betrieben sie die Aus- oder Gleichschaltung der Presse und die Verbreitung eigener Druckerzeugnisse. Die "schwarze Tante", wie das "Straubinger Tagblatt" von Nationalsozialisten verächtlich genannt wurde, war der NSDAP schon länger ein Dorn im Auge. Denn das "Straubinger Tagblatt" hatte überzeugt den politischen Katholizismus vertreten und maßgeblich zu den schlechten Wahlergebnissen der NSDAP in der Region beigetragen.

So wurde das "Straubinger Tagblatt" am 21. März 1933 für drei Tage verboten, der Chefredakteur Dr. Hans Kapfinger am 4. Mai verhaftet. Mit dem Amtsantritt des fanatischen NSDAP-Kreisleiters Alfons Putz im Juni 1934 begann eine neue Phase des Kampfes: Er wollte das Verlags- und Druckereigebäude der Familie Huber zum niederbayerischen Druckzentrum der Nationalsozialisten machen und zudem das "Straubinger Tagblatt" durch die NS-Zeitung "Bayerische Ostwacht" bzw. "Bayerische Ostmark" ersetzen. Am 29. Mai 1935 wurde Verleger Georg Huber senior, der wegen antinationalsozialistischer Äußerungen denunziert worden war, in Schutzhaft genommen; am selben Tag veranstaltete die NSDAP auf dem Straubinger Stadtplatz eine Kundgebung gegen das "Straubinger Tagblatt", das erneut für zwei Tage verboten wurde. Huber wurde aus dem Reichsverband deutscher Verleger wegen "politischer Unzuverlässigkeit" ausgeschlossen. Durch den Protest der Schweizer Verwandtschaft beim Reichswirtschaftsministerium in Berlin - 1935 hatte Dr. Georg Huber junior Elsy Wipf, die Tochter eines Verpackungsunternehmers aus Zürich, geheiratet - konnten eine vollständige Übernahme des "Straubinger Tagblatts" durch die Nationalsozialisten und eine Enteignung verhindert werden. Als Kompromiss wurde, ein vermutlich einzigartiger Vorgang in der nationalsozialistischen Pressepolitik, die "Verlag Straubinger Tagblatt GmbH" gegründet, die zu 55 Prozent der nationalsozialistischen Phönix Zeitungsverlag GmbH und zu 45 Prozent Dr. Huber gehörte. (...)

Während des Kriegsdienstes von Dr. Huber leitete seine Frau Elsy den Betrieb. Akzidenzdruckerei und Zeitungsverlag liefen trotz nationalsozialistischer Schikanen weiter, während andere Heimatzeitungen wie die "Münchner Zeitung", der "Fränkische Kurier" oder die "Landshuter Zeitung" unter dem Vorwand kriegswirtschaftlicher Gründe von den Nationalsozialisten stillgelegt wurden. Die letzte Ausgabe des "Straubinger Tagblatts" im Dritten Reich erschien am 18. April 1945; der Luftangriff, der Straubing an diesem Tag traf, unterbrach die Strom-, Wasser- und Gasversorgung und verhinderte auch den weiteren Druck des "Straubinger Tagblatts".

Nach Kriegsende bestimmten die alliierten Siegermächte, dass sämtliche bisher erscheinenden Zeitungen eingestellt werden mussten und Lizenzen für neue Zeitungen nur politisch völlig unbelastete Personen erhalten sollten. Prinzipiell erhielt niemand eine Lizenz, der vor und in nationalsozialistischer Zeit als Verleger tätig war, selbst wenn er unter politischem Zwang gehandelt hatte. Das Nachsehen hatten daher die "Altverleger" der traditionellen Heimatzeitungen. Betroffen waren auch Georg Huber senior und junior, die sich nach Kriegsende vergeblich um eine Lizenz bemühten. Stattdessen erschienen am 29. August 1947 zum ersten Mal die "Niederbayerischen Nachrichten" als neues, von den Amerikanern zugelassenes Straubinger Mitteilungsorgan, herausgegeben von Albert König und Hans Wetzel.

Als die Aufhebung des Lizenzzwanges für Zeitungen im Sommer 1949 absehbar wurde, brachte Dr. Huber am 12. August 1949 eine "unverkäufliche Probenummer" des "Straubinger Tagblatts" heraus - als "Nummer 1" des 89. Jahrgangs. Zehn Tage später hob die Militärregierung den Lizenzzwang der Zeitungen auf. So wie das "Straubinger Tagblatt" erschienen nach dem Erlass der Generallizenz viele "alte" Heimatzeitungen.

Das "Straubinger Tagblatt" war die einzige größer, nicht lizenzierte Tageszeitung in Bayern, die sich auf dem Markt halten und als selbstständiges Publikationsorgan auf Dauer durchsetzen konnte. Alle Konkurrenzzeitungen wie die "Niederbayerischen Nachrichten", die "Straubinger Post", eine Tochterzeitung der Landshuter "Isar-Post", und die "Straubinger Neue Presse", eine Nebenausgabe der "Passauer Neuen Presse", stellten ihr Erscheinen ein. Die "Passauer Neue Presse" und das "Straubinger Tagblatt" teilten in der Folge Niederbayern in zwei Einflussgebiete auf. Verleger Dr. Huber investierte laufend in moderne Drucktechnik und erweiterte das Zeitungsgeschäft. So pachtete er zum 1. Januar 1951 den "Verlag der Landshuter Zeitung" mit der "Thomann'schen Buch- und Kunstdruckerei" in der niederbayerischen Regierungshauptstadt; 1974 erwarb man die Zeitung von der letzten Vertreterin der Gründerfamilie Käthe von Zabuesnig. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten kamen weitere Zeitungen durch Gründung, Kauf oder Kooperation hinzu.

Im Jahr 1963 war Dr. Hermann Balle, der Christa, die Tochter von Dr. Georg Huber, geheiratet hatte, in die Verlagsleitung eingetreten. Gemeinsam trug das Ehepaar die wirtschaftliche und verlegerische Verantwortung, wobei sich Dr. Balle unter anderem im Aufsichtsrat der Deutschen Presseagentur (dpa) und als erster Vorsitzender des Verbandes bayerischer Verleger engagierte. 2004 erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Straubing, da er sich unter anderem für die Gründung des Kompetenzzentrums für Nachwachsende Rohstoffe und damit für Straubing als Hochschulstandort eingesetzt hatte. Die Familientradition führt Sohn Professor Dr. Martin Balle fort, der seit 1995 im Verlag tätig und seit 2002 persönlich haftender Gesellschafter ist.

Stets trug man der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung Rechnung: Man begann sich im Lokalrundfunk und -fernsehen zu engagieren - so startete die erste Sendung des Straubinger Lokalradios AWN am 11. September 1987 vom Tagblattgebäude aus. Und seit dem 13. Dezember 1996 ist auch die Zeitungsgruppe Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung im Internet präsent. Die im Bezug kostenlosen Anzeigenblätter wurden gegründet, als Erstes 1990 "Landshut aktuell".

Der Region verbunden ist man nicht nur durch den "Verlag Attenkofer", der belletristische und sachbezogene Publikationen zu/aus Niederbayern und der Oberpfalz, darunter den seit 1597 erscheinenden "Straubinger Kalender", herausgibt. Man übt auch Kultur- und Sportsponsoring und unterstützt in der Benefiz-Aktion "Freude durch Helfen" bedürftige Menschen sowie soziale und karitative Einrichtungen. In der Drucktechnik erfolgte die Umstellung vom Bleisatz über den Fotosatz auf den digitalen Lichtsatz. 1991 wurde im Süden Straubings ein Druckzentrum in Betrieb genommen, das 2010 um eine Nassoffsetrotationsmaschine "Commander CT" der Firma Koenig & Bauer erweitert wurde. Diese Großinvestition, getätigt im 150. Jahr des Firmenbestehens, dokumentiert das Vertrauen der Verlegerfamilie "in die Zukunft des geschriebenen und gedruckten Wortes ..., da die Menschen angesichts der Vielzahl auf sie einstürmender Meldungen und Meinungen immer mehr Orientierung suchen werden, die sie durch gute Aufbereitung der Nachrichten, durch gut recherchierte Reportagen und ausgewogene Kommentare und Leitartikel nur in den Printmedien finden werden".

Die 15 Tageszeitungen mit einer Wochenendauflage von über 14 3000 Exemplaren erreichen rund 360 000 Leser. Neben den Hauptausgaben Straubinger Tagblatt und Landshuter Zeitung werden folgende Bezirksausgaben verlegt: Allgemeine Laber-Zeitung, Bogener Zeitung, Chamer Zeitung (mit Viechtacher Anzeiger), Dingolfinger Anzeiger, Donau-Anzeiger, Donau-Post, Kötztinger Zeitung, Landauer Zeitung, Plattlinger Anzeiger sowie Hallertauer Zeitung, Moosburger Zeitung, Rottenburger Anzeiger, Vilsbiburger Zeitung. Alle zusammen bilden die "beste Heimatzeitung der Welt", wie Verleger Prof. Dr. Martin Balle stolz und augenzwinkernd zugleich behauptet.

Sie finden die Geschichte des Straubinger Tagblatts auch im Historischen Lexikon Bayern.

Kommentare zum Artikel


Artikel kommentieren


Straubing, Bayern, Deutschland

Anzeige
Anzeige

Verbreitungsgebiet Verbreitungsgebiet Cham Deggendorf Regen Dingolfing Straubing-Bogen Regensburg Landshut Erding-Freising-Kelheim
Anzeige
Anzeige