Neufahrn

„Keine Entscheidung, sondern Notwendigkeit“


Pfarrer Andreas Zwölfer outete sich am Sonntag als transsexuelle Frau. (Foto: bm)

Pfarrer Andreas Zwölfer outete sich am Sonntag als transsexuelle Frau. (Foto: bm)

Dass sich Andreas Zwölfer in letzter Zeit verändert hat, ist aufmerksamen Zeitgenossen nicht ganz verborgen geblieben: Die Haare wurden länger, die Stimme heller und die Gesichtszüge weicher, um nicht zu sagen: weiblicher. Das Rätselraten um sein neues Outfit hat der evangelische Pfarrer von Neufahrn nach dem gestrigen Sonntagsgottesdienst in der Friedenskirche mit einem öffentlichen Bekenntnis beendet: Andreas Zwölfer hat sich erstmals zu seiner Transsexualität bekannt und seiner Kirchengemeinde offenbart, dass er künftig als Frau leben will.

Der 49-jährige Seelsorger, der sich die Pfarrerstelle in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde von Neufahrn bislang mit seiner Ehefrau teilt, hat sich einer Hormontherapie unterzogen, um sein Geschlecht anzugleichen, eine Namens- und Personenstandsänderung vorzunehmen und sich in absehbarer Zeit ganz offiziell als Pfarrerin Dorothea Zwölfer ausweisen zu können. In Absprache mit dem Landshuter Dekan Siegfried Stelzner und der evangelischen Landeskirche werden die Zwölfers bis Ende Mai weiter gemeinsam als Pfarrer für Neufahrn, Ergoldsbach, Bayerbach und Mallersdorf-Pfaffenberg tätig sein (siehe auch den Bericht im Niederbayern-Teil der heutigen Ausgabe).

Wie bei einem Puzzlespiel


Die Entscheidung, ein Leben als transgeschlechtliche Frau führen zu wollen, hat sich Andreas Zwölfer nicht leicht gemacht, sondern erst nach reiflicher Überlegung und kritischer Selbstprüfung gefasst. "Für mich war und ist ganz zentral, dass ich keinen Schritt mache, ohne ihn genauestens zu prüfen und mit Psychiatern und Therapeuten zu erörtern", bekräftigte Zwölfer im Gespräch mit unserer Zeitung. Denn obwohl der Leidensdruck immer größer und der Wunsch immer stärker wurde, sich nie mehr verstecken zu müssen, sondern den eigenen Körper in Einklang mit Gehirn und Geist bringen zu können, um endlich so zu leben, wie es ihm in seinem Innersten schon immer vorschwebte, wollte er sich absolut sicher sein, dass es wirklich so ist, wie es ist - unabhängig davon, dass dies das deutsche Transsexuellengesetz vorschreibt. "Man sucht sich das nicht aus und macht das nicht aus Spaß", verdeutlicht der Pfarrer, "es ist eigentlich auch keine Entscheidung, sondern eine Notwendigkeit, weil es angeboren ist. Das ist wie bei einer Raupe, die irgendwann zum Schmetterling wird."

Dass bei Andreas Zwölfer rund fünf Jahrzehnte vergangen sind, ehe in seinem Leben der Zeitpunkt "irgendwann" gekommen war, hat, wie er versichert, beileibe nichts mit fehlender Courage oder mangelndem Mut zu tun, um die Konsequenzen zu ziehen und sich zu outen. "Es war wie bei einem Puzzle", beschreibt Zwölfer seine "lange Latenzphase", in der er zwar immer und immer wieder Anzeichen wahrgenommen habe, die typisch für eine Frau gewesen seien, doch die einzelnen Puzzleteilchen ergaben für ihn über viele Jahre hinweg schlicht und einfach kein Bild, zumal "das Leben als Raupe auf keinen Fall völlig verkehrt" gewesen sei. Deshalb könne er auch guten Gewissens behaupten, niemandem etwas vorgetäuscht, sich nicht bewusst verstellt und keinen im Unklaren gelassen zu haben. Am wenigsten seine Ehefrau, die wie er an eine gemeinsame Zukunft glaube, auch wenn es für beide Partner anfangs alles andere als einfach gewesen sei, sich mit der neuen Situation vertraut zu machen: "Dass sie hinter mir steht, ist für mich das größte Geschenk." Und er verrät, dass es auch ihr Vorschlag gewesen sei, dass Andreas' künftiger Vorname Dorothea lauten wird: Geschenk Gottes.

Rückblickend hat Pfarrer Zwölfer festgestellt, dass er mit fünf Jahren erstmals bewusst die Erfahrung gemacht habe, dass in seinem Leben irgendetwas nicht zusammenpasst: Als seine Mutter mit dem jüngeren Bruder schwanger war, sei Andreas Zwölfer in tiefe Traurigkeit verfallen, weil er als Mann niemals selbst ein Kind gebären könne. Solche und ähnliche Erfahrungen und Empfindungen, die ganz und gar nicht mit seinem männlichen Vornamen und Personenstand zu vereinbaren gewesen wären, habe es in Zwölfers bisherigem Leben immer wieder gegeben - ganz zu schweigen davon, dass in seiner Kindheit der Begriff Transsexualität noch ein Fremdwort war und Menschen, die sich anders verhielten, als es der gesellschaftlichen Norm entsprach, schnell weggesperrt wurden.

Fremd im eigenen Körper

Dass er als Bub überwiegend mit Mädchen befreundet war, immer schon sehr sensibel gewesen sei, für Sport nichts übrig gehabt und sich auch niemals mit gleichaltrigen Jungen auf dem Pausenhof geprügelt habe, sind weitere Puzzleteilchen. Außerdem erinnert er sich gerne daran, dass er als Jugendlicher auf einem musischen Gymnasium seine Neigungen ausleben konnte oder sich mit Vorliebe in Büchern vergraben habe. Gleichwohl interessierte er sich aber auch stets sehr stark für Technik und Computer, was wiederum dem gängigen Rollenklischee entsprochen hat.

Schon vor geraumer Zeit setzte sich Andreas Zwölfer eingehend mit dem damals für ihn noch unbekannten Thema Transsexualität auseinander: Er suchte Rat und Hilfe bei Experten, die ihm jedoch versichert hätten, "ich sei's nicht" - obwohl der Wunsch, aus dem eigenen Körper auszubrechen, mehr oder weniger konstant vorhanden gewesen und er sich deshalb zuweilen wie der Apostel Paulus vorgekommen sei, der Gott dreimal bat, den "Pfahl in seinem Fleisch" wegzunehmen. Die Selbstzweifel blieben jedoch, weder Gebete noch Gespräche konnten etwas daran ändern, dass er sich nicht "wie ein richtiger Mann" fühlte, auch wenn andere das Gegenteil behaupteten und seine persönlichen Wahrnehmungen nicht teilten. Außerdem hätte er zum damaligen Zeitpunkt die Beziehung zu seiner Frau auf keinen Fall aufs Spiel setzen wollen, zumal er sich nichts sehnlicher wünschte als "eine ganz normale Beziehung". Sein Unbehagen drückte sich letztlich dadurch aus, dass er "in die Arbeit geflohen" und zum Workaholic geworden sei, für den 70-Stunden-Wochen gang und gäbe waren.

Das Schlüsselerlebnis


Das Schlüsselerlebnis für sein "Coming Out" hatte Andreas Zwölfer schließlich im Fasching 2011, als er an seiner vorherigen Wirkungsstätte in Ansbach von einigen Damen beim Frauenfasching gefragt wurde: "Herr Pfarrer, dürfen wir Sie schminken?" Das sei natürlich kein Thema, sondern für alle Beteiligten ein großer Spaß gewesen. Als er sich dann aber im Pfarrhaus ans Abschminken machen musste, übermannte ihn eine "abgrundtiefe Traurigkeit". Zwölfer recherchierte im Internet und entdeckte zufällig den Hinweis auf einen Schminkkurs für Transsexuelle.

"Da war es auf einmal wieder", sagt er: das Stichwort, das fortan sein Leben bestimmen sollte. Denn zusammen mit vielen seriösen Informationen über Transsexualität fügten sich die zahlreichen Puzzleteilchen nunmehr nach und nach zu einem Bild zusammen, das für ihn auf einmal ganz klar erkennbar war: "Unterhalb dessen, was als männliches Bild immer wieder von außen zugesprochen wurde, tauchte das Bild der Frau auf, die Dorothea in ihrem Hirngeschlecht schon immer war." Viele weitere Puzzleteilchen tauchten auf und führten ihn schließlich zu dem roten Faden, der sich im Unterbewusstsein durch sein bisheriges Leben zog - und den er keinesfalls mehr fallen lassen und verlieren wollte.

Halt durch den Glauben

Im Februar 2012 vertraute er sich schließlich zwei Psychiatern und einem Therapeuten an, ohne deren Gutachten in Deutschland nach geltendem Recht keine Hormonbehandlung durch einen Endokrinologen erlaubt ist und damit auch keine geschlechtsangleichenden Maßnahmen möglich sind. Bei ihm war die Mitte November 2012 gestellte Diagnose gemäß der internationalen Klassifizierung der Weltgesundheitsorganisation WHO eindeutig: F 64.0 G, was im Klartext bedeutet: Transsexualismus gesichert. Damit stand nunmehr zweifelsfrei fest, dass er körperlich zwar eindeutig dem männlichen Geschlecht angehört, sich jedoch als Angehörige des weiblichen Geschlechts empfindet und danach strebt, als solche anerkannt zu werden und den eigenen Körper dem anderen Geschlecht durch hormonelle und operative Behandlung anzugleichen.

Die Diagnose der Experten empfand Andreas Zwölfer nach Jahren der Ungewissheit und der Selbstzweifel anfangs jedoch nicht als Bestätigung und Befreiung, sondern zunächst vor allem als geradezu bedrückende Belastung: "Das Schlimmste ist das Kopfkino", erzählt Zwölfer: "Ich hatte große Angst: Was wird aus meiner Ehe? Was werden meine Eltern sagen? Wie wird mein Arbeitgeber reagieren?" Gleichwohl stand für ihn fest, dass es jetzt kein Zurück mehr geben kann, denn zu groß war mittlerweile der Leidensdruck geworden, als dass er von sich aus in der Lage gewesen wäre, sich weiterhin fremd im eigenen Körper zu fühlen und seine wahre Identität zu verleugnen.

Während nicht wenige transsexuelle Menschen an diesem Punkt scheitern und sich keinen anderen Rat mehr wissen, als freiwillig ihrem bisherigen Leben ein Ende zu setzen, weil das eigentliche Leben für sie unerreichbar scheint, stand für Andreas Zwölfer fest: "Ich muss es jetzt riskieren." Unweigerlich kommt ihm dabei das berühmte Luther-Wort über die Lippen: "Hier stehe ich und kann nicht anders."

In dieser Situation war es der Glaube an Gott, der ihm Halt und Zuversicht gab, der Glaube an einen Gott, der die Menschen liebt, weil sie sein Ebenbild sind, egal ob sie Mann oder Frau sind, egal wie leistungsfähig oder unzulänglich der oder die Einzelne auch sein mag. Zuspruch und Kraft gab ihm dabei vor allem ein Spruch aus dem ersten Buch Samuel (Kapitel 16, Vers 7): "Schaue nicht auf sein Aussehen und seine hohe Gestalt, weil ich nicht auf das sehe, worauf der Mensch sieht. Denn der Mensch schaut ja auf den Augenschein, der Herr aber schaut auf das Herz." Für Andreas Zwölfer stand fest: "Selbst wenn ich meine Frau und meinen Beruf verlieren sollte, meinen Glauben werde ich nicht verlieren."

Dankbar für Solidarität

Umso größer war dann die Freude, als sich im vergangenen Herbst herausstellte, dass seine Befürchtungen unbegründet sein sollten, dass seine Ehe bestehen bleibt, dass seine Eltern und die engsten Freunde ihn nicht verstoßen würden - und dass er nach erfolgter Geschlechtsangleichung als Pfarrerin arbeiten kann, wenngleich noch nicht endgültig feststeht, wo dies künftig der Fall sein wird. Bei seinen Gesprächen mit dem Dekan, dem Regionalbischof und der Kirchenleitung habe er eine "große Unterstützung und Solidarität" erfahren, wofür er unendlich dankbar sei. Seinen Vorgesetzten, den Landshuter Dekan Siegfried Stelzner, hat er am 5. Oktober über seine beabsichtigte Geschlechtsangleichung informiert und von diesem Tag an alle weiteren Schritte in enger Absprache mit ihm unternommen. Dekan Stelzner erklärte gegenüber unserer Zeitung: "Wir respektieren seinen Entschluss und sehen mit Respekt, wie er diesen Weg geht. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, ihn bei diesem Weg zu begleiten. Das Ziel ist, eine gemeinsame Zukunft zu finden."

Reden statt richten

Andreas Zwölfer hofft nach seinem gestrigen "Coming Out", dass auch die Gläubigen in seiner Kirchengemeinde und alle Menschen, mit denen er beruflich und privat zu tun hatte und hat, ihn künftig in anderer Gestalt annehmen und akzeptieren mögen: "Ich will niemanden provozieren." Wer mit seinem Entschluss ein Problem habe, könne jederzeit mit ihm ins Gespräch kommen, statt über ihn zu reden und vorschnell oder voreingenommen zu richten: "Denn in meinem Leben war es mir immer wichtig, authentisch zu sein."