Lügenpresse

Die «Front der Wütenden»: Über die Pressefreiheit in Deutschland


Der Vorwurf der "Lügenpresse" setzt Medien unter Druck. Aber die Kritik ufert immer häufiger in Gewalt gegen Journalisten aus.

Der Vorwurf der "Lügenpresse" setzt Medien unter Druck. Aber die Kritik ufert immer häufiger in Gewalt gegen Journalisten aus.

Von Monika Müller

"Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet", heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes. Doch Journalisten werden zunehmend Ziel von Anfeindungen und Gewalt. Ist die Pressefreiheit in Gefahr?

"Lügenpresse, Lügenpresse", grölt die Menge aggressiv. Nicht nur montagabends ins Dresden. Bundesweit haben im Zuge der fremden-, islam- oder asylfeindlichen Proteste auch die offen bekundeten Anfeindungen gegen die sogenannten "Staatsmedien der Merkel-Diktatur" zugenommen. Längst ist bei Kundgebungen wie denen der Dresdner Pegida der Protest gegen die Asylpolitik der Bundesregierung zur Fundamentalkritik am System geraten. Verstanden als Teil der als "Volksverräter" empfundenen Machtelite, werden auch Vertreter der Medien mehr und mehr zur Zielscheibe für Hass und Hetze. Sachlich begründete und berechtigte Medienkritik bleibt meist dahinter zurück.

Wut gegen Politiker kennt man, gegen Journalisten ist sie neu

"Die sich radikalisierende Medienverdrossenheit und Politikverdrossenheit, die wir im Moment erleben, hat Journalisten und Politiker in eine neuartige Gemeinschaft der Diffamierten hinein manövriert", analysiert der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen die Lage. "Auf einmal sehen sich Journalisten und Politiker, die sich sonst wechselseitig beharken, gemeinsam einer Front von Wütenden gegenüber."

Doch während Politiker Wut-Kundgebungen meist fernbleiben, stehen Reporter mittendrin und berichten. Die Folge: Nicht nur Beschimpfungen und Bedrohungen nehmen zu. Auch die Gewalt gegen Journalisten. Mindestens elf tätliche Angriffe verzeichnete das Leipziger Europäische Zentrum für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF) schon in diesem Jahr.

In einem dieser Fälle traf es die sächsische Landeskorrespondentin des Nachrichtensenders MDR Info, Ine Dippmann. Als sie im Januar in Leipzig bei der Jubiläumskundgebung des örtlichen Pegida-Ablegers den Pegida-Mitbegründer Lutz Bachmann mit der Kamera ihres Reporterhandys ablichten wollte, wurde ihr das Telefon von hinten aus der Hand geschlagen. "Und dann kam sehr schnell ein zweiter Schlag, der mich im Gesicht getroffen hat. Mit dem Handrücken auf die Wange", erinnert sie sich. Und auch daran, wie fassungslos sie war.

"Als ich mich dann umdrehte, stand mir eine ältere Frau gegenüber, die sich offenbar bemüßigt fühlte, mich daran zu hindern, diese Situation zu dokumentieren." Plötzlich war sie dicht umringt von anderen Demonstranten. "Es kam dann relativ schnell die Ansage: "Da musst du dich nicht wundern, ich würde mich an deiner Stelle hier überhaupt nicht mehr her trauen"."

Die Organisation Reporter ohne Grenzen, die regelmäßig im Vorfeld des Tags der Pressefreiheit am 3. Mai über die Arbeitsbedingungen für Journalisten in der Welt berichtet, betrachtet die Entwicklung in Deutschland mit Sorge. "Grundsätzlich kann man sagen, dass sich die Pressefreiheit mit Sicherheit verschlechtert hat. In unserem Ranking werden ja verschiedene Faktoren berücksichtigt. Und Gewalt gegen Journalisten ist natürlich ein wichtiger Faktor", sagt Vorstandssprecherin Britta Hilpert. Schon im vergangenen Jahr hätten die Übergriffe zugenommen. In der aktuellen Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen ist Deutschland daher um vier Plätze auf Rang 16 abgerutscht.

Journalisten werden auf Demos beschimpft

Es gebe Kollegen, die nicht mehr von Protestkundgebungen berichten wollten, erzählt Dippmann, die auch Vorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbandes in Sachsen ist. "Und es gibt auch viele Kollegen, die mit dem, was ihnen passiert ist, nicht an die Öffentlichkeit gehen, um sich nicht noch größerer Aufmerksamkeit durch aggressive Demonstrationsteilnehmer auszusetzen."

Dippmann ging nach dem Angriff zur Polizei und an die Öffentlichkeit. Seit dem Vorfall habe sie bei ähnlichen Reportereinsätzen zuweilen ein mulmiges Gefühl, lasse sich davon aber nicht abhalten. "Meine Position ist: Wir dürfen uns auf gar keinen Fall verstecken. Das wäre ein Einknicken. Aber das kann man niemandem verordnen."

Der Tübinger Professor Pörksen sieht die Gefahr, "dass eine ideologisch verhärtete Medienverdrossenheit das Gesamtbild zu stark bestimmt - und vielleicht der ein oder andere Journalist mit einer nicht minder problematischen Publikumsverdrossenheit reagiert - frei nach dem Motto: Es sind ohnehin nur Empörungsfanatiker, die sich hier zusammenfinden." Dabei gebe es durchaus auch kluge, analytische Medienkritiker, die sich im Netz artikulierten. "Das heißt: Der Dialog mit dem Publikum muss sich von der lähmenden Fixierung auf die radikalen Stimmen lösen. Sie vergiften das Diskursklima."

Dass die Medien auf die veränderte Stimmung reagieren, sieht man schon an dem verstärkten Bemühen, transparent mit zunächst falscher und dann berichtigter Berichterstattung umzugehen. Das war längst nicht immer so.

Hilpert, die das ZDF-Studio in Potsdam leitet, glaubt nicht daran, dass die Qualität der Berichterstattung angesichts der Anfeindungen leide. Sie sieht auch Positives in der "Lügenpresse"-Debatte: "Ich beobachte, dass man sich in manchen Teilen wieder besinnt auf die eigentlichen journalistischen Tugenden." Es werde wieder klarer abgegrenzt zwischen Analyse, Kommentar und Bericht. Im Fernsehen gebe es mehr O-Ton-Berichte mit möglichst wenig Text, in dem man Leute mit ihren unterschiedlichen Meinungen für sich sprechen lasse. "Das ist eine puristische Art, wieder an die Dinge heranzugehen. Das finde ich in mancher Hinsicht sehr anregend."