Entschieden sind uns die Einheimischen näher, bei ihnen wollen wir angekommen sein. Daher stören wir uns auch an den Asiaten, die einerseits alles übernehmen, Geschäfte, Buden, Hotels, die andererseits - für uns - empfindungslos die "Highlights" als Kulisse für Selbstportraits entwerten. Vielleicht aber liegt hinter unserem Gestörtsein auch die Angst vor der eigenen Entfremdung. Suchen wir in Venedig etwas Ur-Heimatliches, etwas Zeit-Loses, die in Materie - wenn auch gefährdeter - verfestigte Kultur von Nietzsche und Wagner, von Vivaldi und Canaletto. Was wir, wenn wir endlich vor Ort sind, als etwas erkennen, das letztendlich eben doch vor allem nur Kulisse ist und eben nicht nur italienisch, europäisch, sondern der ganzen (fremden) Welt gehörend. Wir suchen das Außergewöhnliche und das Ur-Heimatliche zugleich, müssen aber erkennen, dass die Masse genau dasselbe sucht wie wir. Genau darin besteht das schmerzhafte Paradoxon.

Alle wollen das Juwel. Und gerade darin droht seine Entwertung. Die einzige Chance ist, alles wertzuschätzen, auch, dass man eine Stadt nicht für sich beanspruchen kann. Dass es Änderungen unterworfen ist. Man muss akzeptieren könnten, dass man in der Chiesa San Vidal Vivaldi hört und gerne im 18. Jahrhundert wäre, und draußen die neonblauen Propeller von verspieltenen Nordafrikanern in die Luft geschossen werden und die Coperta, die zusätzlichen Abgaben für jeden Gast im Restaurant, sich gegenseitig überbieten. Das ist die Kultur im 21 Jahrhundert. Man muss die Stadt freigeben für die Zeit, das Weltgeschehen, auch für Asiaten. Dann hat man etwas begriffen vom wahren Venedig, von der città vera. Wenn man glaubt, durch Gespräche mit den letzten Einheimischen, durch Anbiederung und Frontbildung vor der Gegenwart abtauchen zu können, geht man unter - mit Venedig.