Freischreiben Kurzgeschichte von Annalena Leitermann: Herzinfarkt

Eine Kurzgeschichte von Annalena Leitermann. Foto: Patrick Lux/dpa

An einem lauen Sommertag nahe einer Wald- und Wiesenlandschaft, bereitet sich Klara mit entspannenden Atemübungen auf die vierte Fahrstunde vor. „Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Heute wird alles besser. Wirklich! Mach dir einfach keinen Kopf, dann läuft es von allein. Kupplung halten. Bremse treten. Schlüssel umdrehen. Handbremse hinunterklappen. Mit erstem Gang anfahren. Nichts dabei.“

Vor Aufregung zwirbelt sie mit ihren Fingern, kann sich kaum mehr ruhig auf der Bank halten und wird innerlich langsam von der Nervosität zerfressen. „Solange ich niemanden umfahre oder anderweitig das Auto beschädige, ist alles gut. Mach dir einfach keine Sorgen, dann läuft es von allein.“

Schon fährt das Auto der Fahrschule die Straße hinunter und der andere Fahrschüler parkt, nachdem er das Fahrzeug gewendet hat. Nun bin ich an der Reihe. Nach einer kurzen Begrüßung macht sich Klara fahrbereit, stellt den Sitz, das Lenkrad sowie die Spiegel ein und klopft sich danach gedanklich auf die Schulter. Anfang geschafft! Nun bringt sie das Auto zum Fahren und bewegt sich zunächst langsam, dann immer schneller nach vorne.

Durch zahlreiche Wälder kurvt sie mit dem Auto, während sie konzentriert nach vorne blickt, um möglichst die Spur zu halten. Klara versucht, mit einem Blick auf den Tacho eine gleichbleibende Geschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde beizubehalten. Leichter gesagt als getan, wenn der Fahrlehrer einen anspornt schneller zu fahren, falls man ihm gerade zu langsam ist, obwohl es letzte Stunde noch hieß, dass man ein Faible für das Gaspedal besäße.

Endlich innerorts nahe dem Zuhause des anderen Fahrschülers angekommen, bremst Klara gleichmäßig auf die erlaubten 50 ab und manövriert das Auto in unzähligen Kurven, während sie mit den Drehwinkeln des Lenkrades zu kämpfen hat. „Ist es genug oder komme ich nicht um die Kurve?“ Als es nicht zu genügen scheint, dreht sie das Lenkrad noch ein wenig nach rechts und es klappt. „Puh, das war besser als letztes Mal!“ Natürlich bleibt diese Sache nicht unkommentiert: „Warum drehst du nicht? Du musst übergreifen, wenn du lenkst! Bei dir sieht es noch so hektisch aus. Dafür muss man ein Gefühl entwickeln. Das kommt mit der Zeit. Bestimmt.“ Von diesen Worten, besonders dem ironisch klingenden „Bestimmt“, abgelenkt, fährt sie weiter und gibt ihm nicht den Anschein, als hätte sie ihn verstanden. Dennoch drehen sich ihre Gedanken ständig im Kreis, da sie sich ziemlich sicher ist, dass sie nie ein Gefühl dafür entwickeln werde. Die sogenannten Gefühle sind bei ihr nämlich etwas unterentwickelt.

Klara lebt von Zahlen und Fakten. Eine 150-Grad-Drehung braucht es, um im rechten Winkel abzubiegen. Mit diesem Wissen geht alles viel einfacher. Um Welten einfacher.

Nachdem der Mitfahrer auf der Rückbank zu Hause abgeliefert worden ist, beschleunigt die Fahrschülerin wieder bis zu einer Kreuzung, in der sie erneut fulminante Lenkradbewegungen vollführt, die den Fahrlehrer denken lassen, dass sie entweder völlig zurückgeblieben oder geistig durcheinander ist. „Tut mir leid, ich hab’ eben kein Gefühl dafür. Spätestens in zwei Fahrstunden wird er es bemerken, dass das Lenken nicht zu meinen Hochleistungsdisziplinen gehört. Und nie gehören wird. Wenigstens habe ich dieses Mal die Spur gehalten“, denkt sich Klara.

So drehen sich die Räder zwanzig Minuten ohne Probleme weiter, bis Klara auf die Bremse drückt, weil ein Auto vor ihr einen sehr kuriosen Fahrstil entwickelt. Zusätzlich stellt sich noch eine große Verwirrung bei ihr ein, als der Fahrlehrer sie anweist, dass sie beschleunigen und in den dritten Gang schalten soll. Braucht er vielleicht eine Brille? Um ihn zu beruhigen, beschleunigt sie trotz innerer Widerstände und schaltet, woraufhin er urplötzlich abbremst und sie belehrt, dass sie hätte bremsen sollen. „Ja, genau.“ Wie immer lässt sie alles unkommentiert und fährt weiter. Währenddessen gibt er ihr Bescheid, dass sie von nun an eigenständig fahren soll, um den Lerneffekt zu erhöhen. Er zieht sich in die Beraterrolle zurück. „Wunderbar.“

Kaum fünf Minuten später, in einem kleinen Dorf mit unzähligen, winzigen Gassen und Seitenstraßen angekommen, teilt er Klara mit, dass sie zu sehr in der Mitte fahre und weiter rechts fahren soll. Zehn Sekunden später verändert sich schlagartig die Stimmung, als sie ihn zurückschrecken sieht. „Geht es ihm gut?“ Er hält sich die Hand auf die Brust. „Was hat das zu bedeuten? Nicht, dass er einen Herzinfarkt bekommt, oder?“ Klara hofft, dass er nicht in ihrer vierten Fahrstunde stirbt! Das würde sie stark an ihren Fahrkünsten zweifeln lassen. Sie würde es nie wieder wagen, sich in die Nähe eines Wagens zu begeben.

Mit reduzierter Geschwindigkeit lässt sie das Auto weiterrollen, während sie ihn nicht aus den Augen lässt. Die Umgebung immer im Blick, bremst Klara dann vor einem Laster ab, da die Straße zu schmal zum Weiterfahren ist. Mit der Hand auf der Stirn sieht sie ihr Fahrlehrer an und fragt sie: „Was hat das zu bedeuten? Du bist fast gegen einen Baum gefahren. Fahr doch nicht so weit rechts!“

„Wer von uns beiden hat erst seine vierte Fahrstunde?“, gibt Klara gedanklich von sich. „Du oder ich?“ Als sie weiterfahren möchte, stirbt ihr der Wagen ab, da sie die Bremse vor der Kupplung gedrückt hat. „Na super!“ Das Chaos nach dem potenziellen Herzinfarkt ist nun komplett.

Natürlich kommt es noch schlimmer als erwartet. Kurz vor ihrem Zuhause hat Klara vergessen, vom vierten in den zweiten Gang zu schalten, ihr ist vor der Kurve mit bravissimo der Wagen abgestorben. Aus den Augenwinkeln betrachtet sie das Mienenspiel ihres Nachbarn und fährt nach seinen Anweisungen die letzten Meter heim und wendet das Auto, um einen neuen Start zu ermöglichen. Eine neue Fahrstunde wird ausgemacht und mit einer kurz ausfallenden Verabschiedung gehen beide wieder ihrer Wege, um sich von dem Fast-Herzinfarkt zu erholen und bis zur nächsten Fahrstunde, in Ruhe, den alltäglichen Dingen nachzugehen.

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