Die Rolle der Deutschen – im Ausland und am Strand

Wie oft kommt man schon dazu, sich darüber Gedanken zu machen, was die eigene Nationalität bedeutet. Der eine entdeckt sich bereits nach einer Woche Urlaub in Indonesien neu, während andere selbst nach zwei Jahren Selbstfindung in Brisbane die Welt um sich herum nicht verstehen. Mit Sicherheit ist Mexiko eines der Länder, die sich nur schwer und mit extremer Sorgfalt verstehen lassen. Aber wozu wären wir denn hier, wenn wir es nicht wenigstens versuchen würden?

Gut, jetzt sind wir schon beim „wir“. Vierzehn junge Deutsche, die sich im September kennengelernt haben und individuell versuchen, ihr jeweils ganz besonderes Alltagsleben in verschiedenen Teilen des Landes zu bewältigen. Dabei sind wir doch alle so verschieden: Kulturwissenschaftler*innen mit Masterabschluss, angehende Jurastudierende und schließlich eben auch die sich selbst Suchenden. Wohnorte wie Monterrey, Pachuca, Guadalajara und auch Mexiko-Stadt. Die Gesprächsgrundlagen und die Austauschbereitschaft sind so umfangreich, dass ein gemeinsames Seminar schon fast den Rahmen sprengen würde. Und was macht man da? Richtig: Ein Seminar!

Den Eindrücken nach knapp drei Monaten vida loca entsprechend groß war die Vorfreude auf das Seminar im ländlichen Dorf Jilotzingo. Endlich wieder die alt bekannten Gesichter sehen und über die guten alten Zeiten vor ein paar Wochen philosophieren. Die Gespräche hatten nie ein Ende – und dann sollte auch noch Seminarprogramm zwischen den Austausch von Erlebnissen passen. Die Themen, die unsere beiden Trainerinnen für uns vorbereitet hatten, ergänzten unsere Erzählungen und Erlebnisse allerdings perfekt. Denn Dinge wie Pressefreiheit, Religion im Zusammenhang mit dem Kolonialismus und vor allem extreme Gesellschaftsverhältnisse spielen in unserem täglichen Lebensumfeld eine gravierende Rolle. Ein paar Aktivitäten füllten unseren Seminarplan dann endgültig aus. Erst eine landestypische Feier des Revolutionstags gefolgt von hautnahem Erleben der Herstellung von Pulque auf einer Farm mit vielen Kilometern Feldweg. Die Krönung bildete letzten Endes eine interessante Debatte mit einer Vertreterin der deutschen Botschaft. Nach all den Gesprächen und der vielen teilweise neuen oder auch alten Information waren wir definitiv bereit für einen Neuanfang. Selbst dieser wurde uns noch ermöglicht, als wir uns in Tepotzotlán zum Temazcal trafen. Nach einer kurzen Einweisung in den Ablauf der spirituellen Zeremonie nahmen wir auch schon in einer Kuppel Platz, die ein bisschen an einen übergroßen Steinofen erinnerte. In absoluter Dunkelheit nebeneinander aufgereiht, saßen wir auf dem Boden und warteten auf den Beginn des Rituals. Bald darauf wurden die in der Mitte liegenden heißen Steine mit den ersten heilenden Kräutern begossen und wir sangen gemeinsam traditionelle Gesänge aus dem Bundesstaat México. Schwitzend wie in einer Sauna wurden wir mit verschiedenen Pflanzen versorgt und bekamen immer wieder die Möglichkeit, Gedanken, Gefühle oder Wünsche zu äußern. Gegen Ende des dreistündigen Ritus verließen wir das heiße Gemäuer und wurden symbolisch wiedergeboren. Dass so eine Wiedergeburt anstrengend ist, zeigte sich anschließend. Nachdem alle wieder angezogen waren, machten wir uns auf den Weg zurück in unser Seminarhaus. Die einzigen hörbaren Geräusche auf dem Heimweg waren leises Atmen, lautes Schnarchen und rollende Steine auf dem Feldweg. Genauso friedlich schlief die Mehrheit wohl auch zuhause ein: Erledigt, friedlich und glücklich über dieses unglaubliche gemeinsame Erlebnis.

Anstatt nach der Seminarwoche wieder voller Energie an die Arbeitsplätze zurückzukehren, nahmen uns Karl und ich im Anschluss Zeit für eine Woche Sprachurlaub. Der Ort dafür hätte kaum ein besserer sein können als Puerto Escondido an der Pazifikküste. Im tropischen Klima und unter unzähligen Reisenden aus Deutschland, Schweiz, Frankreich und den U.S.A. nutzten wir die entspannte Atmosphäre, um unsere Spanischniveaus weiter anzuheben. Da war sie also, die touristische Seite Mexikos. Lange Zeit fragten wir uns, warum so viele Einheimische beim Reisen nie ihr Land verlassen. Je mehr Orte wir allerdings von diesem traumhaften und vielfältigen Flecken Erde sehen, desto mehr verstehen wir auch die Leute in unserem Umfeld. Auch meine Chefin und zwei Kolleg*innen ließen sich am Wochenende vom Paradies magnetisieren und so kam es, dass wir uns sogar noch am Strand trafen und einen Tag gemeinsam am Meer verbrachten. Noch eine letzte Tour mit dem Motorroller an einen verlassenen Strand und da war sie wieder: die Rückkehr ins Büro. Rechtzeitig zu Workshops mit Amewu und Ximbo. So also verbringt man den ersten Advent bei über 30° und findet bei der Heimreise nach Mexiko-Stadt plötzlich meterhohe Christbäume im prallen Sonnenschein. Schön fand ich es ja schon, aber ein Weihnachten mit Schnee ist mir dann doch etwas lieber.