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Artikel vom 03. März 2013 13:40, 1293 mal gelesen

Straubing

Total verplant

Bayern will einen ausgeglichenen Haushalt. Was das kostet, kann man in unseren Grundschulen sehen

Autor: Wolfgang Engel
Die Zustände an den Grundschulen werden allmählich chaotisch. Überall fehlen Lehrer. Es ist normal geworden, dass Schulen in Straubing kurzzeitig 100 Unterrichtsstunden pro Woche und mehr ersetzen müssen. An der Ulrich-Schmidl-Grundschule konnte gerade noch verhindert werden, dass zwei Klassen aufgelöst und die Schüler auf andere Klassen verteilt werden. Das ist aber nicht wirklich ein Erfolg.

Die Zustände an den Grundschulen werden allmählich chaotisch. Überall fehlen Lehrer. Es ist normal geworden, dass Schulen in Straubing kurzzeitig 100 Unterrichtsstunden pro Woche und mehr ersetzen müssen. An der Ulrich-Schmidl-Grundschule konnte gerade noch verhindert werden, dass zwei Klassen aufgelöst und die Schüler auf andere Klassen verteilt werden. Das ist aber nicht wirklich ein Erfolg.

Dienstag früh ist eine neue Lehrerin an der Ulrich-Schmidl-Grundschule eingetroffen. Sie ist die letzte Patrone, die das Schulamt noch hatte, sie verhindert an der Schule das Schlimmste. Am Tag zuvor nämlich hatte das Schulamt zwei Klassen an der Grundschule aufgelöst und die Schüler auf andere Klassen verteilt. Das Schulamt wusste keine andere Lösung mehr. Auf dem Kollegiumsfoto sind 21 Lehrer, aber nach den Faschingsferien fehlten fünf, langfristig großenteils. Dienstag früh stand deshalb die erste Mutter vor der Schule. Ihr Kind war von der Auflösung betroffen, der neue Stundenplan kollidiert mit ihrer Arbeitszeit. "Wie soll das gehen?", wollte sie wissen. Ein Glück, dass wenig später alles wieder anders war.

Kurzfristig hat Schulamtsleiter Johannes Müller diese eine Lehrerin aufgetrieben, 45 Kilometer von Straubing entfernt, hinten in Roding. Um acht Uhr früh erfuhr die Schule, dass die neue Lehrerin auf dem Weg ist. Eine Gymnasiallehrerin, Fächerverbindung Deutsch/Französisch. Jetzt soll sie Erstklässlern einer Grundschule die Buchstaben beibringen, eine ganz andere Ausbildung eigentlich, aber egal. Hauptsache, irgendwer. Und weil auch noch ein Krankheitsfall überraschend zurückkam, konnten die Auflösungen rückgängig gemacht werden: Puh. Noch einmal Glück gehabt.

Die Zustände an den Grundschulen werden allmählich chaotisch. Überall fehlen Lehrer. Die Grundschule Ittling hatte in den letzten zehn Monaten dreimal Klassen ohne Klassenleitungen, es ging zum Teil über Monate, Alburg genauso. Jetzt war es Ulrich Schmidl. Bald wird es eine andere Schule treffen. Lehrer sind knapp. Die, die noch da sind, sind zunehmend überlastet. Kann Unterricht da noch Qualität haben? Schule, total verplant.

In Ulrich Schmidl gibt es Klassen mit einem Migrationsanteil von 80 Prozent. In den ersten Klassen sind Kinder, für die Deutsch die erste Sprache ist, und Kinder, für die es die zweite Sprache ist. Und es gibt Kinder in diesen Klassen, die kein einziges Wort Deutsch sprechen. Manche Kinder sind so begabt, dass sie eine Klasse überspringen können. Andere haben Sonderförderbedarf. Manche müssten eigentlich in das Förderzentrum im Straubinger Süden. Aber das geht nicht, weil dort kein Platz frei ist. Das ist die Realität, in der die neue Lehrerin seit Dienstag unterrichtet. Grundschule: Das ist nicht Gymnasium. Französisch? Wird nicht allzu viel helfen.

Dass die Klassenauflösung rückgängig gemacht ist, ist nicht wirklich ein Erfolg. Es ist nur ein Minimalst-Kompromiss. Ein Erfolg ist das letztlich nur für die Statistik im Ministerium: Klassenauflösung? Nö. Alles in Ordnung. Bayerns Schulsystem ist doch prima.

Diese Klassen, die jetzt nicht aufgelöst sind, sind sogenannte Flexible Eingangsklassen, ein Modellversuch. Zwei Jahrgangsstufen sind hier zusammengefasst; Kinder können, je nach Leistungsfähigkeit, in einem, zwei oder drei Jahren durch dieses Modell laufen, es ist neue Pädagogik. Es gibt eigene Lehrpläne und Bücher für dieses Modell. Eine Gymnasiallehrerin kann hier nicht einfach einsteigen. Also muss umorganisiert werden. Erfahrene Grundschullehrerinnen geben ihre eigene Klassen auf und übernehmen die Flexiblen Klassen, die Gymnasiallehrerin übernimmt die bisherigen Klassen der erfahrenen Grundschullehrerinnen. Es ist ein Notplan, sonst nichts. Not ist kein guter Plan.

Das kann vielleicht Seehofer

"Die Situation ist unhaltbar", hat Katrin Stippe noch am Montag gesagt, "seit Anfang des Schuljahres kompensieren die Lehrer schon Krankheitsausfälle mit Stundenumschichtungen". Katrin Stippe ist Vorsitzende des Elternbeirats. Sie hat beim Ministerium protestiert und bei der Schulaufsicht in Landshut. Eltern sind die Einzigen, die offen protestieren können. Lehrer dürfen nicht offen sagen, dass die Lage immer öfter katastrophal ist. Viele sagen es trotzdem, immer verbunden mit der dringenden Bitte, ihren Namen nicht zu verwenden. Im Ministerium und bei der Schulaufsicht in Landshut, so sagen sie, wird sofort nachgeforscht, wer Interna über die Lage nach draußen gibt. Dann gibt es Ärger. Im Ministerium wollen sie, dass alles glänzt im System Schule, und dass das System als Erfolg erscheint. Die Realität sieht zunehmend anders aus. Immer öfter wird normal, dass ein Lehrer zeitweise zwei Klassen betreut, dann hat er die Aufsicht über 60 Kinder. Immer öfter gilt das Prinzip der offenen Tür, dann ist ein Lehrer zuständig für die eigene Klasse und die Klasse im Nebenraum, in der der Lehrer fehlt. Immer öfter werden Klassen aufgeteilt auf andere Klassen.

Das ist Schule 2013

"Ich frag dann, 'habts a Arbeit'?" sagt ein Mittelschullehrer, der immer wieder lehrerlose Klassen aufnehmen muss, "und wenn die sagen, 'ja, hamma', dann können die von mir aus 'Mensch ärger dich' nicht" spielen, solange sie ruhig sind. Ich muss meinen eigenen Stoff mit meiner Klasse durchbringen." Das ist die Wirklichkeit. Auch dieser Lehrer will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Wie soll er alle gleichzeitig unterrichten? 30 bis 40 Schüler, verschiedene Stoffe. Verschiedenes gleichzeitig vertreten, das kann vielleicht Seehofer. Aber nicht jeder heißt Seehofer.

Seit zwei Jahren werden die Arbeitsbedingungen für Lehrer rapide schlechter. Das Ministerium stellt zu wenig Lehrer ein. In den Zeitungen können Lehrer lesen, wie das Ministerium sagt, dass Unterrichtsausfälle in Bayern gering sind; das Ministerium definiert einfach, dass Unterrichtsausfall dann ist, wenn Schüler heimgeschickt werden, und das kommt nur selten vor. Käme es öfter vor, hätte das Ministerium einen Elternaufstand niederzuschlagen, und das könnte nicht einmal das Ministerium. Aber die Lehrer wissen alle, dass Unterricht ausfällt, massenweise.

Sie wissen, dass kein sinnvoller Unterricht möglich ist, wenn das Prinzip der offenen Tür gilt. Sie wissen, dass kein sinnvoller Unterricht möglich ist, wenn Grundschulklassen über andere Klassen verteilt werden. Den Kleinen fehlt dann die Bezugsperson, der Rekord soll bei sieben Vertretungslehrern für eine Klasse liegen. Jeder weiß, dass alles daher kommt, dass der Freistaat Bayern zu wenig Lehrer einstellt. Die Lage ist inzwischen so, dass Johannes Müller im Schulamt ganz offen sagt: "Uns fehlt Personal. Punkt, aus. Das ist ganz sicher." Und er sagt: "Uns fehlen so viele Lehrer, dass wir nicht mehr alle ersetzen können." Es ist normal geworden, dass Schulen in Straubing kurzzeitig 100 Unterrichtsstunden pro Woche und mehr ersetzen müssen, irgendwie. An manchen Schulen müssen über Monate jede Woche 50 Unterrichtsstunden ersetzt werden, irgendwie. Dann unterrichten Handarbeitslehrerinnen fachfremd im Buchstabenschreiben nach einer Methode, die es zu ihrer Schulzeit noch gar nicht gab, im Rechnen ist es genauso, und die Rektoren sind glücklich, wenn sie von irgendwo einen Examenskandidaten ohne Erfahrung bekommen, oder wenn netterweise ein Pensionist einspringt. Das ist Schule 2013.

Pervertierte Mobile Reserve

Das System, das die ministeriale Schulbürokratie entstehen hat lassen, wirkt gelegentlich geradezu pervers. Da gibt es zum Beispiel die Mobile Lehrer-Reserve. Das heißt, dass es eine Reserve an Lehrern gibt, die im Lauf eines Schuljahres dahin geschickt wird, wo Not am Mann ist, damit der Unterricht weitergeht. Pervers daran ist, dass es die Mobile Reserve gar nicht gibt. Sie war faktisch schon am ersten Schultag total verplant.

Die Mobile Reserve ist vom ersten Schultag an wie jeder andere Lehrer im Einsatz. Das ist, als ob ein General seine Reserve schon mit der ersten Angriffswelle in die Schlacht schicken würde. Welcher General würde das tun? Nur einer, der vollkommen verrückt ist, oder einer, der das tun muss, weil er sonst nicht einmal mehr eine erste Angriffswelle zusammenbringt. Der Staat verhält sich wie ein General, der entweder verrückt oder verzweifelt ist. Und dann gibt es junge Lehrer, die nicht eingestellt werden, wie diese junge Frau.

Die Frau steht seit ihrem Examen auf der Warteliste. Ab November, wenn die erste Krankheitswelle rollt, darf sie mit einem Anruf rechnen. Dann bekommt sie einen Angestelltenvertrag. Der ist zeitlich befristet, er gilt dann von November bis Juli, oder nur von Februar bis Juli. Dann arbeitet sie wie jeder Lehrer, die gleiche Arbeit, nur für sehr viel weniger Geld. Vergangenes Jahr war sie mit solch einem Vertrag an einer Grundschule und hat dort zeitweise zwei Klassen doppelt geführt, Prinzip Offene Tür. Für Hin- und Herspringen zwischen zwei Räumen ist sie gut genug. Für eine Festanstellung nicht. Rund 2 000 Grund- und Mittelschullehrer stehen auf der Warteliste. Die junge Frau seit heuer nicht mehr. "Ich fühl mich verarscht", sagt die Frau. Sie sieht, wie es an immer mehr Schulen immer mehr brennt, und dass 2 000 Leute wie sie trotzdem nicht angestellt werden. Sie ist verheiratet, hat Kinder, sie ist nicht unbedingt angewiesen auf ihren Beruf. Also stellt sie sich nicht mehr zur Verfügung. "Ich würde gern arbeiten", sagt die Frau, "aber hier wird man verarscht." Es gibt einige Frauen in der Region, die so denken: Ein Staat, der dringend Lehrer braucht, der aber nicht bezahlen, sondern wie Brennholz verheizen will.

In Ulrich Schmidl unterrichtet ein junger Mann, dessen Ausbildung noch nicht abgeschlossen ist, "er ist ein Segen", sagen sie an der Schule. In Konzell und Laberweinting sind Klassen unversorgt. Sie holen pensionierte Lehrer zurück wie in Konzell, sie lassen Studenten unterrichten, die sie über Aushänge an den Unis finden: Billiglösungen für den Staat, und im Schulamt sagt Johannes Müller, dass die Motivation der Lehrer langsam den Bach hinunter geht, und ihre Gesundheit auch. Und ein erfahrener Lehrer sagt, wenn er über seine Arbeit spricht: "An der Front."

"So geht es nicht weiter"


Immer wieder stehen Lehrer vor Müller und sagen, dass es so nicht mehr weiter geht. Von 656 Lehrern auf der Aktivliste waren im Januar 68 völlig oder teilweise nicht einsetzbar, das sind gut zehn Prozent. Die Mobile Reserve ist pulverisiert, zerschellt im Angriff auf den ersten Schultag. 36 Prozent der Lehrer sind zwischen 55 und 65. Wenn sie ausfallen mit alterstypischen Krankheiten zwischen Bandscheibe, Hüfte und Schlaganfall, fallen sie länger aus. Wenn junge Lehrerinnen durch Schwangerschaft ausfallen, fallen sie länger aus. Ersatz für sie? Gibt es nicht. Der Freistaat spart. Wichtig ist ein ausgeglichener Haushalt, sonst nichts. Bayerns Schulsystem? Reicht doch, wenn man's in Sonntagsreden hochlobt.

Kommentare zum Artikel


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von Sabine Preiß am 10. March 2013 20:04
trotzdem viele arbeitslose Grundschullehrer

Ich könnte mich jedesmal auf´s neue aufregen wenn ich solche Artikel lese! Ich selbst bin eine Grundschullehrerin die ihr Examen befriedigend bestanden hat und bin seit über 3 Jahren arbeitslos. Viele ...mehr Grundschullehrer die mit mir studiert haben, haben trotz des extremen Lehrermangels keine Stelle!!! Das Problem ist (wie bereits im Artikel viel zu schwach angedeutet) nicht, dass es keine Grundschullehrer gibt, sondern dass diese nicht eingestellt werden!!! Viele machen eine neue Ausbildung um die Arbeitslosigkeit zu umgehen, während der Staat billigere Alternativen (Lehrer anderer Schularten, Hochschulabsolventen, Klassenaufteilungen) seinen eigens ausgebildeten Lehrern vorzieht! Die Eltern müssten hier massiv auf die Straße gehen und fordern, dass mehr Lehrer eingestellt werden. Uns sind leider die Hände gebunden!!! Es liegt doch bestimmt nicht im Interesse der Eltern, wenn ihre Kinder statt eines qualitativ hochwertigen Unterrichts streckenweise nur noch beaufsichtigt werden! weniger

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Straubing, Bayern, Deutschland

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