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Artikel vom 21. Januar 2013 08:46, 278 mal gelesen

Landshut

„Jeder Eindruck braucht seinen Ausdruck“

Nach zehn Jahren als Leiter der Notfallseelsorge Landshut Süd hat Andreas Maier aufgehört

Autor: Stefanie Platzek
Im Notfall trösten und traumatisierte Menschen nach einem traurigen Ereignis stabilisieren - das ist Aufgabe der Notfallseelsorger. (Foto: Norbert Försterling / dpa)

Im Notfall trösten und traumatisierte Menschen nach einem traurigen Ereignis stabilisieren - das ist Aufgabe der Notfallseelsorger. (Foto: Norbert Försterling / dpa)

"Gott sei Dank, dass Sie da sind." Worte, die Andreas Maier gut kennt. So oder so ähnlich war in den vergangenen Jahren oftmals die Begrüßung, wenn er als Notfallseelsorger an den Ort eines tragischen Unglücks oder Todesfalls kam. Kam, um zu helfen, um zu trösten, um zu unterstützen. Notfallseelsorger sind da, wenn die Polizei Angehörigen die Todesnachricht überbringt, helfen Zeugen, den Schock zu überwinden und stehen Eltern bei, die den plötzlichen Tod ihres Kindes verarbeiten müssen. Sie kommen bei schweren Verkehrsunfällen, bei Vermisstensuchen und wenn Kinder beteiligt sind, nicht nur bei Großschadensfällen.

Zehn Jahre lang war Maier Leiter der Notfallseelsorge Landshut Süd, zuständig für das Gebiet rechts der Isar. Ein Gebiet, das den Bereich zwischen Landshut, Vilsbiburg, Eching, Adlkofen und Niederaichbach umfasst. Natürlich gibt es Einsatzzentren. Landshut Stadt ist so eins. Oder Kumhausen. Oder die Bundesstraße. Aber er und seine Kollegen sind für alle da.

Maier hat von Anfang an geholfen, die Notfallseelsorge aufzubauen und zu etablieren. "Notfallseelsorge, die Seelsorge in Notfällen, ist so alt wie die Seelsorge selbst", sagt Maier. Neu sei lediglich, dass die Seelsorger für die Einsatzkräfte zuverlässig 365 Tage im Jahr rund um die Uhr zu erreichen sind. Sie sind aber nicht für die Einsatzkräfte zuständig, dafür gibt es eine eigene Seelsorge. Jetzt, nach zehn Jahren, hört Maier auf. "Am 1. Januar habe ich meinen Funkmeldeempfänger ausgeschaltet." Sein Nachfolger ist der Vilsbiburger Gemeindereferent Gerhard Valentin, dessen Stellvertreter ist Andreas Steinhauser. Valentin hat drei Monate nach Maier in der Notfallseelsorge angefangen. "Ich habe es zehn Jahre gerne gemacht, aber ich bin jetzt auch nicht traurig, dass ich nicht mehr ausrücken muss", sagt Maier. Aber die Neugierde, die treibe einen schon noch um, gibt er zu. Wenn er eine Sirene hört, horcht er auf.

"Ich muss die Leute unterstützen"

Seelsorge gehört für ihn zu seinem Leben, mindestens seit der Weihe zum Diakon. "Ich habe immer das Gefühl gehabt, ich muss die Leute unterstützen." Ähnlich ist es bei Valentin. Man werde mit einer Situation konfrontiert und frage sich: "Kann man das noch professioneller machen", sagt er. Vorreiter der Notfallseelsorge sei Diakon Dr. Andreas Müller-Cyran gewesen. Dieser habe während seines Studiums der Philosophie als Rettungsassistent Einsätze gefahren. Dabei habe er immer ein ungutes Gefühl gehabt, wenn der Rettungsdienst die Angehörigen in ihrem Leid allein zurücklassen musste, sagt Maier, der Müller-Cyran persönlich kennt. Er studiert bei Jeffry Mitschell, der in den USA die "Safer-Methode" entwickelt hatte, um traumatisierte Menschen durch eine strukturierte Betreuung wieder aufzufangen. In den nachfolgenden Jahren wurden schließlich in den Dekanaten Notfallseelsorgeteams aufgebaut.

Gerhard Valentin und Andreas Maier (von links): Seit Beginn der Notfallseelsorge in der Region dabei. (Foto: sp)

Gerhard Valentin und Andreas Maier (von links): Seit Beginn der Notfallseelsorge in der Region dabei. (Foto: sp)

Mittlerweile sind 14 Notfallseelsorger in diesem Gebiet im Einsatz, die abwechselnd den Dienst übernehmen. Zusammen mit dem Kriseninterventionsdienst KID des BRK. "Eine große Erleichterung", sagt Maier. Denn KID übernimmt die Schichten nachts und am Wochenende. 53 Einsätze verzeichnete die Notfallseelsorge im vergangenen Jahr, Tendenz steigend. Seit 2003 waren Maier und seine Kollegen 435 Mal im Einsatz. Wie vielen Menschen sie geholfen haben, das zu beziffern ist schwer. Denn pro Einsatz ist meist nicht nur eine Person betroffen.

Als am 28. Januar 2003 die Notfallseelsorge in der Rettungsleitstelle aufgeschaltet wurde, war Maier dabei. Er bekam als erster das Handy und dachte bei sich: "Bitte kein plötzlicher Kindstod." Es kam, wie es kommen musste: Sein erster Einsatz führte ihn in ein Haus, in dem ein Kind gestorben war. "Bei plötzlichem Kindstod läuft eine Maschinerie an", sagt Maier. Notarzt, Polizei - und das in einer Situation, in der Vater und Mutter den plötzlichen Tod ihres Kindes verarbeiten müssen. Maier kam an und erkannte: "Hier kann ich helfen." In der Rückschau ein Bilderbucheinsatz, wie er sagt. Ein Vorteil sei gewesen, dass er die Leute nicht gekannt habe. "Wenn es Fremde sind, dann packt es einen nicht so."

Die Religion spielt hier keine Rolle

Der Notfallseelsorger bringe Struktur ins Chaos, sei nur für die Betroffenen da, bringe sie zum Reden, sagt Maier. Denn mit Reden werde viel Belastung abgebaut. Und der Notfallseelsorger sei auch derjenige, der sich einmische. "Wenn ich sehe, derjenige braucht noch einen Moment Zeit, bevor er mit den Einsatzkräften sprechen kann, dann sage ich das auch", fügt Valentin hinzu. Dabei brauchen die Notfallseelsorger einen Blick für die einzelnen Typen von Menschen. "Der, der stur in eine Ecke starrt, der braucht meine Hilfe", sagt Meier. Die Starre müsse aufgelockert werden. "Wenn jemand weint, dann ist er in seiner Trauer schon weit."

Ganze Bandbreite an Einsatzsituationen

Dabei sei es egal, ob die Betroffenen religiös geprägt seien oder nicht. Der Diakon und der Gemeindereferent stellen sich auf die jeweilige Situation ein. "Ich als Mensch bin da", sagt Valentin. Und dieses Angebot nähmen die Betroffenen gerne an. Keiner der beiden habe einen Fall erlebt, bei dem sie abgewiesen worden waren. Einmal, als jemand an einem öffentlichen Ort plötzlich gestorben sei, hatten die Angehörigen zuerst gesagt, sie bräuchten keine Hilfe, erinnert sich Maier. Er habe dann die anderen Zeugen betreut, Unbeteiligte, die sich zufällig dort aufgehalten und alles mitbekommen hatten. Später hatten die Angehörigen dann doch das Gespräch mit ihm gesucht. Oft gehe es um Dinge, die die Betroffenen belasten, sagt Valentin. Wie sei man auseinandergegangen. Vielleicht im Streit? "Wir versuchen, den Angehörigen trotzdem einen Abschied zu ermöglichen", sagt er. Man wolle zeigen, dass man doch im Guten auseinandergehen könnte. Auf Wunsch werde auch ein Ritual mit den Angehörigen gestaltet.

Den ersten Schock habe ein gesunder Mensch im Normalfall nach ein bis zwei Tagen überwunden. Nicht die Trauer. Die Notfallseelsorger bleiben, bis sie das Gefühl haben, hier greift das soziale Netz, die Betroffenen sind jetzt gut versorgt. Das kann ein bis zwei Stunden dauern oder auch einen halben Tag. Dabei haben die Notfallseelsorger schon fast die ganze Bandbreite an Einsatzsituationen gehabt. Vom plötzlichen Todesfall in einer Akademie, in der ein Schüler bei einer Prüfung plötzlich verstarb, über Unfälle und Brände bis hin zu einem Banküberfall. Dinge, die einen auch selbst belasten.

Reden hilft auch dem Notfallseelsorger

Im Einsatz funktioniere man einfach. "Wenn das Handy klingelt, geht das Adrenalin hoch", sagt Valentin. Erst zu Hause komme man wieder runter und könne das Erlebte selbst verarbeiten. Und braucht dabei als Notfallseelsorger auch einmal selbst Unterstützung. "Am Anfang habe ich nach einem Einsatz zu meiner Frau gesagt, lass alles stehen, wir fahren in ein Café", erinnert sich Maier. Dann habe er geredet. Nach einem Tag habe man den Einsatz verarbeitet. "Aber an diesem Tag möchte ich keinen zweiten Einsatz haben." Das sei aber auch so geregelt. Die Ehefrau und der Pfarrer müssen schon mal als Stütze herhalten, sagt auch Valentin. "Jeder Eindruck braucht seinen Ausdruck." Bei schlimmen Fällen könne man sich auch Hilfe holen. Dabei werde natürlich immer das Dienstgeheimnis gewahrt. Denn das ist auch wichtig für die Vertrauensbasis zwischen Betroffenen und Notfallseelsorger.

"Man merkt, dass diese Einsätze wichtig sind", sagt Maier. Man könne die Trauer der Angehörigen nicht wegdrehen, aber man habe helfen können, dass die Menschen wieder auf den Füßen stehen können. "Wenn ich daran denke, was noch alles kommen könnte, dann denke ich mir schon, es gibt Schöneres", sagt Valentin. Aber hinterher, nach dem Einsatz, sei da das Gefühl: "Es war gut, dass jemand da war und helfen konnte." Und: "Wenn ich einmal in diese Situation komme, wünsche ich mir auch Menschen, die für mich da sind."

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