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Artikel vom 18. Januar 2013 20:13, 59 mal gelesen

Hauptstadtkolumne

Ganz klar vernebelt

Autor: Klaus Sterzenbach
In den USA ist es so, dass ein Präsident meist erst nach seiner Wiederwahl das umsetzen kann, was er schon beim ersten Mal versprochen hat. Weil er ein drittes Mal in Folge gar nicht antreten darf. So einer muss nichts mehr werden und denkt sich, er könne infolgedessen auch nichts mehr verlieren. Bei uns erlebt man das beim Politiker im Ruhestand. Die sprechen dann oftmals viel verständlicher als früher. Da gab es noch Fraktionszwang und Parteiräson, vielleicht auch ein Karriereversprechen bei Wohlverhalten, manchmal eine ganz bewusste Vernebelung. Oder schlicht die Einsicht, dass die Dinge komplizierter sind, als sie scheinen. Der Ehemalige ist gern gesehen in den Talkshows, denn da hört man gerne eine deutliche Meinung.

Die Älteren erlebten noch Brandt und Wehner, in der CSU gibt es kaum einen, der sich nicht mit leuchtenden Augen an Strauß erinnert. Dabei fällt auf, dass es offenbar einen Zusammenhang gibt zwischen deutlicher Sprache und klarem Standpunkt, denn wo diese Herren auftauchten, da wurden die Debatten hitzig. Damals war aber noch rechts schwarz und links war rot - diese Farben sind inzwischen etwas verblasst. Bis zum Herbst soll sich das ändern.

Bei der SPD hatte man sich einiges versprochen vom Kandidaten Peer Steinbrück. Der forsche Hanseat verschanzt sich nicht hinter Schwurbelsätzen, der kommt mit offenem Visier. Und könnte die Kanzlerin alt aussehen lassen, die sowieso erst spricht, wenn es unvermeidlich wird. Und dann Sätze sagt wie "es geht nicht um Entweder-oder, sondern um Sowohl-als-auch". Angriff und scharfe Debatte statt Politik im Hinterzimmer, so war wohl der Plan der SPD-Strategen. "Eine gute Grundlage ist die beste Voraussetzung für eine solide Basis" - das, sagt Steinbrück, sei eine Formulierung, mit der man nirgends anecken würde und also von ihm nicht zu erwarten sei.

Doch stattdessen fliegt ihm nun seine flinke Rhetorik um die Ohren. Und man sieht: Wer intelligent ist, muss nicht auch clever sein. Und wer Kanzler werden will, sollte sich nicht dumm anstellen. Wer nach seinen Ausführungen zur Höhe des Kanzlergehalts von den Medien so dermaßen an die Wand genagelt wird, der macht dann gerne aus dem Fehler eine Stärke. Das klingt dann so: "Ich werde nicht versuchen, mich grundsätzlich zu ändern oder an einem Coaching teilzunehmen, in dem man lernt, Beliebtheitspunkte zu sammeln."

Nachhilfe in Kommunikation könnte aber auch kein Fehler sein. Denn wer mehr Zeit dafür braucht, um zu erklären, wie er es wirklich gemeint hat, der hätte besser gar nichts gesagt. Er kann sich bei Wolfgang Schäuble bedanken, dass der ihn diese Woche nicht mit teurem Wein, bequemen Autos und Vortragshonoraren verspottet hat, sondern mit den Plänen zur Bankenrettung. Die Vorschläge von SPD und Grünen, so der Finanzminister, wären "das Dümmste, was man machen kann".

Dabei hatte die SPD nur eine Initiative gestartet, um notfalls auch Banken abwickeln zu können. Weil es den Finanzinstituten in Europa gelungen sei, "Infusionskanäle in die Staatshaushalte hineinzulegen". Solche Debatten sind viel wesentlicher als die Frage, wer mit wem auf der Couch sitzt und ob dabei Eierlikör getrunken wird. Wahr ist aber auch: Wer sich in der Politik nur auf das bessere Argument verlassen will, der hat schon verloren.

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