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Artikel vom 17. January 2013 08:28, 95 mal gelesen

Straubing

Rollentausch: Das Publikum auf der Bühne

Ein Blick hinter die Kulissen des Theaters am Hagen – Künftig öfter Führungen

Autor: vro
Die Besucher hatten viele Fragen über den Alltag im Theater und den Bühnenaufbau und sogar Kritik am Spielplan.

Die Besucher hatten viele Fragen über den Alltag im Theater und den Bühnenaufbau und sogar Kritik am Spielplan.

Konrad Krukowski, Pressesprecher des Landestheaters Niederbayern, zeigte am Dienstag 29 Besuchern, was sich hinter der Bühne abspielt. Es war die erste Führung dieser Art anlässlich des 60-jährigen Bestehens des Städte-Theaterverbunds. Die Gruppe wanderte durch die Garderobe, den Orchestergraben und sogar auf die Bühne. In Zukunft werden regelmäßig Führungen angeboten. Die Nächste findet am 20. Februar statt.

Konrad Krukowski empfängt seine Gäste im Foyer mit einem kurzen geschichtlichen Überblick. Recht viele kennen das jetzige Sparkassengebäude noch als früheren Standort des Stadttheaters. Während Sanierung und Umbau des Theaters am Hagen vor vielen Jahren wurden die Theaterbegeisterten zur Überbrückung dieser Phase mit eigens bestellten Bussen in die Spielhäuser Passaus und Landshuts transportiert.

Zusammen mit dem Theater am Hagen gründeten die Theater in Passau und Landshut bereits 1952 den zweiten Zweckverband dieser Art: das Landestheater Niederbayern.

Fotos: (4 Einträge)

 


Enteignete Haarpracht


Die erste Station der Führung ist die Garderobe. Die sieht ganz normal und leer aus, wie bei einer Turnhalle. Krukowski erzählt aus dem Schauspielerleben. Dass sie elfmal in der Woche je drei Stunden proben und selbst ihre Haartracht vertraglich geregelt ist. "Sie dürfen nicht einfach zum Friseur gehen und sich eine Glatze rasieren lassen", erzählt er. "Das hätte womöglich zur Folge, dass die ganze Inszenierung umgeschmissen werden muss."

Bei den Maskenbildnern beeindrucken die Perücken für 2500 Euro, handgeknüpft in 80 Arbeitsstunden. "Mit Echthaarperücken kann man alles machen, was man mit angewachsenen Haaren auch machen kann", erklärt Maskenbildnerin Doris Plattner die Vorzüge, "Bei guter Pflege halten sie 20 Jahre." Der Harzkleber für falsche Bärte und Ohren, der nur mit Spiritus wieder zu entfernen ist, wird herumgereicht.


"Das Schminken ist nur die geringste Arbeit", sagt Doris Plattner. "Die meiste Zeit geht für die Vorbereitungen für die Aufführungen drauf."

Die Spielhäuser Straubing, Landshut und Passau teilen ihre Schauspieler, Sänger, Requisiten, Perücken und Theaterstücke miteinander. Bei jeder Aufführung wird kräftig umgezogen. Das Bühnenbild wird immer zusammenklappbar konstruiert. Gemeinsam haben die drei Spielhäuser ein jährliches Budget von 9,5 Millionen Euro. Als staatliches Theater haben sie einen Bildungsauftrag und müssen sowohl Operetten, die ein breites Publikum ansprechen, als auch moderne Opern und Schauspiel im Spielplan aufführen, wo der Interessenkreis kleiner ist.

Wie ein Burggraben

"Einmal, als ein Sänger plötzlich krank wurde, haben wir einen eingeflogen, der sich die Inszenierung innerhalb von zwei Tagen reingeprügelt hat", erzählt Krukowski in lockerem Ton. "Nur im äußersten Notfall werden Vorstellungen abgesagt." Die Sicht von der Bühne ist weniger romantisch als die Sicht vom Zuschauerraum aus. Die Techniker haben ihre Spuren hinterlassen. Überall sind Kabel und Markierungen auf dem Boden, Bildschirme und Lautsprecher an den Seiten angebracht. "Früher zog man an Seilen", erzählt er. "Heutzutage bewegt man den Schnürboden per Knopfdruck."

Erst heute Morgen kamen die ganze Technik und das Bühnenbild aus Passau an. Nachher ist Premiere der "Lustigen Witwe" und man hört im Orchestergraben schon einen Tenor die Tonleitern trällern. Der Graben ist tief wie ein Burggraben und teilweise sitzen die Musiker unter der Bühne. Einen Souffleur gibt es in Straubing nicht. "Wir erwarten, dass alle den Text können", erklärt Krukowski.

Strudel statt Bohnen

"Weil der Regisseur es so wollte, mussten wir extra ein Rezept für ein serbisches Bohnengericht suchen und kochen", erzählt Requisiteurin Gabi Anacker-Dorsch auf der Seitenbühne. "Aber der ist schon längst wieder in London und die Bohnen können die Darsteller nicht mehr sehen, deswegen gibt es heute Apfel- und Quarkstrudel."

Krukowski erzählt von Eigenheiten der einzelnen Regisseure. "Wir möchten mit unseren Inszenierungen neue Sichtweisen auf das Theater ermöglichen", erklärt er. "Kritiken sind uns sehr wichtig, aber Theater ist Geschmackssache. Manche wollen unterhalten werden, andere wollen nachdenken. Mit seinem Licht, der Musik und dem Bühnenbild wird im Theater die Wirklichkeit kontrolliert. "Hier entscheiden wir, ob es Tag oder Nacht ist." Ob Frühling oder Winter ist, ob man traurig wird oder lustig.

"Leider sind die Erwachsenen schon zu abgebrüht", bedauert Krukowski. Nur Kinder ließen sich vom Geschehen vollends in Bann ziehen.

Beim Rückweg zum Ausgang trifft die Gruppe auf eine Sängerin in Gymnastikkleidung, die mit einer Thermos-Tasse in der Hand vor den Kulissen auf und ab geht. Ihre Haare sind so aufgesteckt, dass die Perücke darüber passt. Ungeachtet der unvermuteten Zuschauer trällert sie sich schon mal warm und womöglich Lampenfieber weg. Denn in nur einer Stunde wird sie, perfekt geschminkt und in einem langen eleganten Rock auf der Bühne des Theaters am Hagen singen, wo kurz vorher noch Publikum kurzzeitig ein Gastspiel gab.

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Straubing, Bayern, Deutschland

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