Literatur

Im Sog der Wörter


Laura hat zusammen mit ihrem Projektseminar ein eigenes Buch geschrieben: "Sommertanz" von Die Goethinnen, ISBN: 978-3844808766, 9,90 Euro

Laura hat zusammen mit ihrem Projektseminar ein eigenes Buch geschrieben: "Sommertanz" von Die Goethinnen, ISBN: 978-3844808766, 9,90 Euro

Von Laura Habenberger

Ich glaube, dass in jedem begeisterten Leser auch ein Schreiber steckt. Dabei ist es ganz egal, ob man Harry Potter bevorzugt oder die Werke von Thomas Mann und Tolstoi; Jeder, der schon einmal nachts unter der Bettdecke heimlich ein Buch gelesen hat, Seite für Seite wie im Fieber, weil die Geschichte einen einfach nicht loslassen will, der hat auch schon einmal mit dem Gedanken gespielt, selbst zu schreiben. Wer sich viel mit Musik beschäftigt, lernt oft ein Instrument. Wer Gemälde und Museen liebt, wird selbst zu malen versuchen. Und wer etwas für Literatur übrig hat, greift irgendwann zur bildlichen Feder.
Dementsprechend groß war das Interesse an meinem Gymnasium, als vor ungefähr zwei Jahren die Redaktion und Herausgabe eines Jugendromans als Projektseminar für die Q-Stufe angeboten wurde. Schließlich fand ich mich mit zehn Mitschülerinnen und der Deutschlehrerin Frau Barbara Ghai zu diesem hochtrabenden Vorhaben zusammen. Doch ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich damit eingelassen hatte...

Am Anfang stand die Frage. Wie schreibt man zu zwölft ein Buch? Schon bald wurde klar, dass die Meinungen hier bereits auseinandergingen. Sollte es ein zusammenhängender Roman werden? Oder lieber Kurzgeschichten, bei der jeder sein eigenes Süppchen kocht? Oder gleich ein Gedichtband? Wer schreibt überhaupt? Wie teilt man sich die Arbeit ein, wie konstruiert man die Handlung? Kurzum: Wir brauchten Hilfe. Nachdem wir mit zwei Autoren gesprochen hatten, die uns in ihre Arbeitsweise einweihten, nahm die Planung dann langsam Gestalt an. Ideen wurden gesammelt, mögliche Schauplätze erörtert, die verschiedensten Genres von Fantasy bis hin zur Liebesgeschichte debattiert. Wir teilten uns in Gruppen auf, für jeden Handlungsstrang eine. Schneller als gedacht ging es los mit dem wohl schwierigsten und zugleich essentiellsten Part des Projektes: dem Schreiben.

Schreiben ist leicht - eigentlich
Oberflächlich betrachtet ist Schreiben leicht. Man braucht einen Computer mit Tastatur, nostalgischere Geister, Stift und Papier. Der Plan ist in Gedanken bereits vorhanden, jetzt muss er nur noch ausformuliert werden. Flugs sind die ersten Sätze getippt, ein ganz natürlicher Vorgang. Substantive, Verben, Objekte, Adjektive. Hier und da ein paar Konjunktionen eingestreut, vielleicht auch Adverbien. Und dann... kommt das Nichts.

Irgendwann (meist nach einer beschämend kurzen Zeitspanne) beginnt man zu zögern. Denn das größte Problem an der Schriftstellerei ist der Anspruch, gut zu sein. Damit aus einem bloßen Text ein Roman wird, braucht es mehr. Wörter dürfen sich nicht zu oft wiederholen, die Satzstruktur muss abwechslungsreich sein. Vergleiche und Beschreibungen müssen richtig klingen, wobei es fast unmöglich ist, zu erklären, wodurch sich dieses "richtig" eigentlich definiert.

Aus dem blanken Papier wird der schlimmste Feind, das personifizierte Böse. Egal, wie viel man auch schreibt, es ist nie genug. Man kann neunundneunzig Seiten füllen, die hundertste wartet bereits mit anklagendem Weiß. Immer bleibt die Angst vor der Leere.

Zeitgleich entwickelt sich auch eine gewisse Abhängigkeit: man muss einfach schreiben. Zu einer beinahe kindlichen Freude über das kreative Schaffen gesellt sich das Gefühl, dass ein Tag "verloren" ist, wenn man nicht für eine halbe Stunde auf der Tastatur herumhackt. Man fühlt sich gefangen in einem Sog der Wörter, ein geheimnisvolles Labyrinth, dessen Ausgang zu finden manchmal Stunden dauert.

In jenen Wochen entwickelte ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zu meinem Laptop. Euphorie (über ein fertiges Kapitel) und Beinahe-Depressionen (wenn mir besagtes Kapitel beim Durchlesen später völlig unbrauchbar vorkam) lagen oft dicht beieinander. Doch mit viel gutem Willen und Teamwork entstand schließlich"Sommertanz", eine Geschichte über Liebe, Geheimnisse und den oft spielerischen Verlauf des Lebens, den mancher so gerne als Schicksal bezeichnet. Da gibt es Lara, die von ihren Eltern zum Urlaub "gezwungen" wird, und Aliena, die ihrer Großmutter einen letzten Gefallen tun möchte. Eine ganze kleine Welt, erschaffen aus den Gedanken und Ideen von elf Schülerinnen. Damit hatte das Projekt jedoch noch lange nicht sein Ende gefunden. Das Manuskript musste lektoriert und an den Verlag geschickt, zudem eine Lesung vorbereitet werden. Noch mehr Arbeit, die wir neben dem täglichen Lernpensum für die Schule zu bewältigen hatten. Allerdings war alle Mühe vergessen, sobald die Lesung im Silentiumraum der Schulbibliothek begann. Als ich dort hinter dem Tisch saß, mir gegenüber mehr als fünfzig aufmerksam lauschende Menschen, wurde mir zum ersten Mal wirklich klar, welch enorme Leistung wir eigentlich vollbracht hatten. Wie viele Siebzehnjährige können schon von sich behaupten, an einem Roman mitgeschrieben zu haben?

Und wenn ich heute in die örtliche Buchhandlung gehe und dabei an dem Stand vorbeigehe, auf dem unser Buch präsentiert wird, bin ich ehrlich gesagt so stolz wie selten zuvor in meinem Leben.