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Sebastian Vollmer im AZ-Interview: "Mahomes kann der Brady der Neuzeit werden"

Der Super Bowl zwischen den Kansas City Chiefs und den Philadelphia Eagles steigt in Arizona. In der AZ spricht die Football-Ikone Sebastian Vollmer über das Event, Tom Brady und Lebensgefahren im Sport.


Der Knöchel der Nation: Patrick Mahomes.

Der Knöchel der Nation: Patrick Mahomes.

Von Matthias Kerber

AZ-Interview mit Sebastian Vollmer: Der 38-Jährige ist der einzige Deutsche, der jemals den Super Bowl, den Titel in der Football-Liga NFL, zwei Mal gewinnen konnte. Der Offensive Tackle, der auch als Tom Bradys Lebensversicherung bezeichnet wurde, war an der Seite der Quarterback-Ikone jeweils im Finale 2015 und 2017 erfolgreich. Danach beendete der Koloss (2,03 Meter, 145 Kilo) seine Karriere.

AZ: Herr Vollmer, kaum ein Begriff im Sport hat einen mystischeren Klang als die Worte Super Bowl. Sie sind der einzige Deutsche, der dieses Endspiel in der Football-Liga NFL zwei Mal gewinnen konnte. Können Sie uns die Super-Bowl-Mania, die speziell in den USA herrscht, ein bisschen näherbringen?

SEBASTIAN VOLLMER: Das ist kollektiver Ausnahmezustand. Es ist das größte Einzelsportereignis der Welt - mit Abstand. Die deutschen Football-Fans, sind - im absolut positiven Sinne - schon crazy, aber in den USA ist das alles noch eine Nummer größer. Viele Amis gehen am Tag danach nicht zur Arbeit und das, obwohl sie theoretisch viel früher ins Bett gehen könnten als die Anhänger in Deutschland, die es mit der Zeitverschiebung zu tun haben. Egal, ob du Fan eines der Klubs bist, es ist das Highlight des Jahres, ein unfassbares Spektakel. Was die NFL unglaublich macht: Es ist nicht nur der Sport - und für mich natürlich der großartigste Sport der Welt - es ist auch ein unglaubliches Entertainment-Business: Von der Halbzeitshow - diesmal tritt Rihanna auf - über die Werbung, die sind wie ein Minikinofilm, alles. Hier kommt jeder auf seine Kosten.

Und die Abwasserversorgung stößt stets an ihre Grenzen.

Es schauen so viel Menschen zu, dass es in den USA echt das Problem mit den Toilettenspülungen gibt, weil die meisten, direkt bevor der Halftime-Showact auftritt, auf die Toilette gehen. Da hat man nur zwei, drei Minuten Zeit, ehe es losgeht, und da wollen alle erledigen, was erledigt werden muss (lacht). Der Super Bowl ist das Ereignis in Amerika, das alles andere in den Schatten stellt.

Dieses Mal stehen sich die Kansas City Chiefs und die Philadelphia Eagles gegenüber. Die beiden Teams, die über die Saison auch die wirklich besten waren.

Absolut. Wie immer im Football, spielen Verletzungen eine große Rolle, wer sich am Ende durchsetzt. Man ist im Football oft nur eine Verletzung des Schlüsselspielers davon entfernt, dass die Saison mehr oder weniger beendet ist. Oft kommt es darauf an, wer am Ende am gesündesten ist - und das sind wahrscheinlich die Eagles. Daher haben sie sehr gute Karten, am Ende die Vince-Lombardi-Trophäe in die Luft zu recken. Wenn man sich ihren Kader anschaut, sind sie alles in allem einfach das bestbesetzte Team der Liga. Dazu haben sie wenig Verletzungen. Und Quarterback Jalen Hurts hat zudem eine Saison gespielt, die auf dem Niveau eines MVP ist, des besten Spielers der Liga.

Klingt trotzdem irgendwie nach einem großen Aber. . .

Nun, die Chiefs haben Patrick Mahomes als Quarterback. Der Mann, der sein Team auf mehr oder weniger nur einem Bein, da er sich ja im Spiel gegen Jacksonville eine schwere Knöchelverletzung zugezogen hat, in den Super Bowl geführt hat. Er ist wirklich in den Super Bowl gehumpelt, was für eine Story. Ich denke, dass er vielleicht im Moment bei 80, 90 Prozent seiner Fitness steht. Aber damit ist er besser als fast alle anderen mit 100 Prozent. Es gibt nicht viele Spieler, die so gut sind, dass sie dir immer die Chance geben, den Sieg zu holen. Die Frage ist, kann eine gehemmte Mahomes-Offensive gegen eine unglaubliche Eagles-Defense, die 70 Sacks geholt hat, das sind die drittmeisten der NFL-Geschichte, bestehen?

Und: Was sagt der Experte?

Gerade hat mich das schon jemand gefragt: Nachdem ich aufgelegt habe, dachte ich mir: Ich glaube, meine Prognose war falsch. Ich bin hin- und hergerissen. Und zwar aus einem Grund: Ich habe bei Tom Brady, dem Größten aller Zeiten, immer gesagt, dass ich nicht gegen ihn wetten würde - das gilt auch für Mahomes. Ich denke, dass die Eagles das bessere Team sind. Trotzdem glaube ich, dass Mahomes den Unterschied machen kann. Dieses Genie in Person von Mahomes kann das Spiel allein entscheiden. Im Moment sage ich: Chiefs. Wenn Sie morgen noch mal anrufen, kann es aber sein, dass ich was anderes sage (lacht).

Mit Mahomes und Hurts treten erstmals in der NFL-Geschichte zwei schwarze Quarterbacks im Super Bowl gegeneinander an.

Das ist toll. Die NFL steht ja mit voller Überzeugung dazu, dass es für Rassismus - welcher Art und Ausprägung auch immer - in unserem Sport keinen Platz gibt. Und dieses Gift darf auch in der Gesellschaft keinen Platz haben. Deswegen ist es super, dass der Superbowl erstmals von zwei schwarzen Quarterbacks bestritten wird. Es ist ein Duell zweier toller Quarterbacks und natürlich mit der Story im Hintergrund, dass Brady gerade seinen endgültigen Rücktritt erklärt hat, wird das Duell noch interessanter.

Glauben Sie, dass Mahomes in die Fußstapfen von Brady, mit dem Sie zwei Mal den Super Bowl gewinnen konnten, treten kann?

Absolut! Er kann der Brady der Neuzeit werden. Sein Problem ist natürlich, dass er am Ende über seine Erfolge und Rekorde gemessen wird. Und in einer Mannschaftssportart hängt es eben nicht nur von dir alleine ab, ob du Erfolg hast - oder nicht. Wenn er an Brady am Ende vorbeiziehen will, muss er acht Mal den Super Bowl gewinnen. Das ist eine Hausnummer. Mahomes ist ein Spieler, der auf einem ähnlichen Level wie Brady ist. Ob er am Ende über ihm oder unter ihm angesiedelt wird, wird sich zeigen. Er hat hoffentlich noch einige Jahre im Football vor sich. Es gibt sehr wenige Spieler, von denen man sagen kann - und muss -, dass sie so gut sind, dass sie einem in jedem Spiel die Chance geben, als Sieger vom Platz zu gehen. Zu dieser Gruppe gehört er auf jeden Fall. Mahomes und Brady - beide haben eine spezielle Magie.

Brady, der Mann ohne Nerven und Mahomes, der Kerl mit den verrückten Würfen.

Sie sind verrückt, aber nicht wahnsinnig. Wenn man sich die Trainingsmethoden von Mahomes anschaut, es ist ja so, dass er genau diese Würfe trainiert. Das sind nicht nur Bauchentscheidungen, sondern da ist viel Kopf dahinter. Man kann gewisse Abläufe im Körper und Kopf vorbereiten - das tut er. Währen Brady geübt hat, dass er jeden Ball absolut identisch wirft, er immer perfekt ist, trainiert Mahomes unterschiedliche Schulterstellungen. Bei ihm sieht man, dass er ein großartiger Baseballer war, der andere Winkel und Bewegungsabläufe einsetzen kann, um zu werfen.

Seine Bewegungsabläufe sind durch die Knöchelverletzung gehandicapt. Es handelt sich um einen "High ankle sprain" - das kann vom verstauchten Knöchel bis zum Bänderriss alles bedeuten. Eine Verletzung, die Sie aus Ihrer Karriere auch kennen.

Stimmt, und ich kann versichern, es ist schmerzhaft. Ich hatte schon eine Stahlplatte unter meinem Fuß, ich wurde dann nur extrem bandagiert. Das ist wie ein Gips. Es ist als Offensive Lineman, wie ich es war, okay, wenn man seinen Fuß nicht wirklich bewegen kann. Ich muss keinen Wettlauf machen, muss nur an der Stelle sein, wo ich sein muss. Aber für einen Spieler wie Mahomes, der beweglich sein, der möglicherweise selber laufen muss, ist so eine Verletzung was ganz anderes. Es wird im Super Bowl sicher noch nicht komplett verheilt sein, aber er wird sich auf jeden Fall schon besser bewegen können als im Spiel gegen die Cincinnati Bengals.

Waren Sie vom neuerlichen Rücktritt Bradys überrascht?

Am Wochenende davor hatten wir noch miteinander gesprochen, da hätte er mir ja mal einen Tipp geben können, was da kommt (lacht). Hat er aber nicht. Es hat sich ein wenig angebahnt, dass es kommt. Aber das sagen wir auch schon seit mindestens zehn Jahren. In kleinem Maße kann ich nachvollziehen, wie er sich fühlt. Man hat in dem kleinen Clip, in dem er die Ankündigung macht, gesehen, wie emotional er war. Er steht natürlich auf einem ganz anderen Level als ich damals. Ich habe das nicht bekanntgegeben, sondern für mich selber gesagt: Das war es jetzt. Der Tag ist komisch. Du weißt, dein Leben verändert sich fundamental. Gerade für die Amerikaner, die teilweise seit sie drei Jahre alt sind, nichts anderes gemacht haben als Football zu spielen. Du warst 25 Jahre der Superstar, fast alles, was du angefasst hast, ist zu Gold geworden, du hast alles gewonnen - und plötzlich ist das alles weg. Von einem Tag zum anderen. Unser Sport ist nicht wie Fußball, wo du dir danach mit ein paar Freunden einen Ball schnappst und auf irgendeinem Rasen rumkickst. Das geht bei Football nicht, das ist zu komplex. Es braucht zu viele Spieler, du brauchst die Ausrüstung. Und wahrscheinlich willst du es nach all den Jahren auch nicht mehr, sich gegenseitig die Köpfe einzurennen. Die Welt liegt ja Brady jetzt zu Füßen. Er hat alle Optionen, er kann machen, was er will. Es hat mich auch gefreut, dass er jetzt die Entscheidung getroffen und damit auch seinen Frieden hat.

In dieser Saison hatte man vielleicht auch erstmals gesehen, dass er wirklich 46 Jahre alt ist.

Wobei wir eigentlich schon seit einem Jahrzehnt sagen, dass er zu alt ist (lacht). Er hat es allen immer wieder aufs Neue bewiesen, dass er es noch kann - und das besser als fast jeder. Aber irgendwann gewinnt am Ende immer Mutter Natur. Den Kampf gegen das Altern, kann man nicht gewinnen. Am Ende war es für seine Legende auch eine gute Entscheidung. Er muss schon sehr, sehr lange niemand mehr irgendwas beweisen und ich bin mir sicher, dieses Mal - anders als vor einem Jahr - ist die Entscheidung endgültig. Noch einmal wird er nicht zurückkommen, da bin ich mir sicher.

Ist er für Sie ganz persönlich der GOAT, der Größte aller Zeiten?

Ja. Aber ich bin da natürlich parteiisch. Ich habe ihn so lange als Teamkamerad erlebt. Ich habe gesehen, wie er auf dem Spielfeld seine Brady-Magie wirken ließ. Es hat nie ein Spiel, eine Aufgabe gegeben, die zu groß für ihn war. Je größer die Herausforderung umso besser war er. Für mich ist er der Größte, der je Football gespielt hat. Es ist aber auch schön zu sehen, dass eine neue Generation Quarterbacks kommt. Mahomes, Hurts, Joe Burrow, Lamar Jackson, Justin Fields. Klar hat Brady ein Riesenloch hinterlassen, das kaum zu füllen ist. Auf dem Feld, aber auch so. Er war der Superstar, das Gesicht des American Footballs für so lange Zeit. Jeder Mensch kennt seinen Namen. Ich bin froh und stolz, dass ich mit ihm gespielt habe. Aber auch jeder Fan kann einfach froh sein, dass wir einen solchen Spieler in seiner besten Zeit gesehen und erlebt haben.

Zum Beispiel in München, beim ersten echten Auftritt der NFL in Deutschland.

Genau, eines seiner letzten Spiele überhaupt hat Brady in München bestritten. Was er für den Sport, die Liga geleistet hat, ist nicht in Worte zu fassen. Aber selbst für ihn gilt: Nichts und niemand ist größer als das Spiel. Ich denke, dieses Spiel ist jetzt bei der neuen Generation Quarterbacks in sehr, sehr guten Händen. Ich bin gespannt, ob sie auch so lange spielen können wie Brady, wie viele Super Bowls sie gewinnen werden. Kann Mahomes jetzt seinen zweiten Super Bowl holen und die Jagd auf Bradys Rekord starten? Ich kann nur sagen, es ist eine wunderbare Zeit, um Football-Fan zu sein.

Wie war es denn für Sie, als Sie dann endlich den Super Bowl gewinnen konnten?

Der Super Bowl, das kannst du mit keinem anderen Spiel, das du je bestritten hast, vergleichen. Das ist noch mal ein ganz anderes Level. Ich selber war bei drei Super Bowls auf dem Platz: am Anfang, in der Mitte und am Ende meiner Karriere. Es ist schwierig, diesen Triumph in Worte zu fassen. Es war eine halbe Stunde extremstes Glücksgefühl. Bei mir war es so, dass ich meinen ersten Super Bowl verloren hatte. Da bricht fast eine Welt zusammen. Man hat diesen Traum und dann verlierst du und kein Mensch weiß, ob du je wieder diese Chance erhältst. Es gibt so viele großartige Footballer, die eine unglaubliche Karriere hatten, die es aber nicht ein einziges Mal in den Super Bowl geschafft haben. Die Niederlage tat weh. Daher war es aus genau dieser Erfahrung heraus so emotional, als ich dann gewinnen konnte. Man war ganz unten, und plötzlich bist du ganz oben. Das ist eine unglaubliche Freude, aber auch Genugtuung. Ich habe auf dem Feld meine Frau gesucht, ich wollte diesen Moment unbedingt mit ihr teilen. Es war in der Saison klar, dass ich operiert werden muss und eigentlich haben die Ärzte klar gesagt, dass es gleich sein müsste. Ich habe den Eingriff aber hinausgeschoben, immer wieder Bandagen drüber. Du versuchst alles, um diesen Traum zu erfüllen. Wenn man am Ende gewinnt, weiß man, dass es die richtige Entscheidung war, all die Schmerzen auf sich zu nehmen. Du bist auf dem höchsten Punkt deiner Sportlerkarriere. Egal in welchem Sport - ob Tennis, Fußball oder Football - wenn man das größte Event gewinnt, ist es ein Glücksgefühl ohne Ende. Letztlich hat man Jahre, eigentlich Jahrzehnte, auf diesen Moment hingearbeitet. Es ist ein sehr kleiner, sehr elitärer Kreis an Personen, der das nachvollziehen kann.

Beim Spiel der Buffalo Bills gegen die Bengals erlitt Damar Hamlin einen Herzstillstand, musste auf dem Platz reanimiert werden. Der Fall zeigt: Football ist ein Sport, in dem es nicht nur um die Gesundheit, sondern ums Leben gehen kann.

Ja, dieser Sport ist gefährlich, das wird sich nicht ändern. In jedem Kontaktsport sind wir Verletzungen gewohnt. Ich hatte selber sämtliche Beinbrüche und viele andere Verletzungen. Das ist nicht schön, aber - so traurig es ist -, sie sind ein Teil eines Kontaktsports wie Football. Wenn es aber zu inneren Verletzungen kommt, wie bei Hamlins Herzstillstand, hat es natürlich eine ganze andere Dimension. Wenn es nicht nur um die Gesundheit, sondern tatsächlich um das Leben geht, ist das fürchterlich. Man leidet mit. Wenn man irgendetwas Positives an der Situation sehen möchte, dann, dass der Vorfall an einem Ort passiert, wo sofort Mediziner vor Ort waren, die alles Menschenmögliche getan haben, um die ultimative Katastrophe zu verhindern. Wenn ein Mensch in einem Kaufhaus zusammenbricht, wird er wohl nie die gleiche fantastische Erstversorgung erhalten. Ob Hamlin noch leben würde, wenn es woanders passiert wäre, ist fraglich. Die NFL tut aber wirklich alles, um die Risiken zu minimieren. Jedes Jahr wird sehr genau analysiert, was man noch verbessern kann. Jedes Jahr werden die Regeln geändert und den Erkenntnissen angepasst. Aber am Ende muss es Football bleiben.

Was hat sich zuletzt im Alltag des Footballers verändert?

Viel. Als ich angefangen habe, hatten wir zwei Mal am Tag volles Training, heute gibt es noch zwei Einheiten, aber eine ist dann ohne Ausrüstung. Wir haben uns früher zwei Stunden die Rübe eingehauen, dann gehst du essen, danach ziehst du die nassen, verschwitzten Klamotten an, und weiter ging es. Das gibt es nicht mehr - und das ist gut so. Unser Sport war früher um vieles brutaler. Die NFL macht alles richtig, aber ein Kontaktsport wie Boxen, Football, Eishockey birgt Gefahren, das gehört dazu. Im extremsten Fall kann es auch Lebensgefahr sein. Wir Spieler sind uns dessen bewusst. Wir betreiben den Sport freiwillig, genießen den Kontakt, die Physis auch. Wir stecken nicht nur Hits ein, wir teilen sie auch aus. Das gehört zum Charakter dieses Spiels dazu, wir müssen weiter alle Gefahren minimieren, ohne das Wesen des Sports zu zerstören.

Was macht so ein Extremvorfall mit einem Spieler, mit einer Gruppe von Menschen, die Sie als Bruderschaft beschreiben?

Es kommt auch darauf an, wie eng man mit der Person ist, der das passiert ist. In der Umkleide sind mit allen Spielern, Trainern, Betreuern um die 100 Leute und natürlich ist man nicht mit jedem bester Freund. Trotzdem verbringt man 15, 16, 18 Stunden am Tag miteinander, sowas nimmt einen brutal mit. Bei den Patriots war es so, dass Psychologen zum Betreuerstab gehören, da konnte man sich mentale Hilfe holen. Jeder verarbeitet so eine Extremsituation anders. Die meisten Footballer - Sportler im Allgemeinen - sind gut darin, sich auf eine Sache zu konzentrieren, gewisse Schubladen zu haben, so dass man in einer Situation nur an diese eine denkt und alles andere ausblendet. Man versucht, die Probleme im Gebäude zu lassen. Das ist natürlich nicht immer ganz wahr und auch nicht realistisch, aber trotzdem sind die Spieler darin gut, auch wieder abzuschalten und die Welten - die private und die berufliche - zu trennen.

Die Patriots hatten zu Ihrer Zeit auch Extremsituationen zu überstehen. Junior Seau, einer der besten Linebacker der Historie, mit dem Sie noch 2008 zusammen im Super Bowl standen, nahm sich 2012 das Leben.

Junior war nicht nur ein unglaublicher Spieler, sondern auch eine einzigartige Persönlichkeit. Ich war immer einer der allerersten am Morgen in der Umkleide: Aber einer war meist schon vor mir da - Junior. Da kam ich um 4.30 Uhr mit einem Kaffee in der Hand rein - und wer sitzt da nassgeschwitzt, weil er schon die ersten Übungen gemacht hat? Junior. Und er hat die Ukulele in der Hand, spielt einen Song und hat dieses riesige Lächeln im Gesicht. Seau war jemand, zu dem man sich als Mensch automatisch hingezogen gefühlt hat. Er war freundlich, lebenslustig. Ein krasser Spieler und eine wunderbare Person. Es war erschreckend und erschütternd, als man dann damit konfrontiert wurde, dass sich dieser Mensch umgebracht hat.

Auch zu Ihrer Zeit bei den Patriots passierte der Fall von Aaron Hernandez. Ihr Teamkollege wurde wegen Mordes angeklagt, zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Er nahm sich dann im Gefängnis das Leben. Hernandez steht sogar im Verdacht, ein Serienmörder gewesen zu sein.

Aaron war eine völlig andere Person als Junior. Mit Aaron hatte ich sehr wenig zu tun. Wir hingen in ganz unterschiedlichen Kreisen ab. Klar, man hat sich auf dem Spielfeld getroffen, aber sonst war ich nie einer, der um drei Uhr nachts noch um die Häuser gezogen ist. Ich war da längst bei mir zu Hause. Bei meiner Frau, meiner Familie. Aber mir war auch nie bewusst, welche Dämonen Hernandez in sich hatte - und dies, obwohl er in der Kabine nur zwei Plätze neben mir gesessen hat. Es ist schon schockierend, dass ein Mann mit derartigen Dämonen direkt neben einem sitzt - und man davon nichts mitkriegt.