Ribéry und die Lehren

Medienexperte: "Manche Spieler sollten auf Social Media verzichten"


Franck Ribéry hat dem FC Bayern mit seinem Social-Media-Eklat geschadet, meint Medienexperte Christoph Neuberger im AZ-Interview.

Franck Ribéry hat dem FC Bayern mit seinem Social-Media-Eklat geschadet, meint Medienexperte Christoph Neuberger im AZ-Interview.

Von Bernhard Lackner

Medienexperte Christoph Neuberger spricht in der AZ über den Eklat um Franck Ribéry und Lehren für die Vereine.

München - Christoph Neuberger ist Professor für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der LMU. Im Interview mit der AZ spricht er über Chancen und Gefahren von Social Media für Fußballprofis und darüber, was der FC Bayern aus dem Goldsteak-Eklat um Franck Ribéry lernen können.

AZ: Herr Neuberger, der Social-Media-Ausraster von Franck Ribéry hat jüngst für viel Wirbel gesorgt. Zeigt der Fall, dass manche Stars mit den sozialen Medien überfordert sind?
CHRISTOPH NEUBERGER: Die Aktion war für Ribéry und seinen Verein definitiv ein Desaster. Der FC Bayern ist in der Bundesliga eigentlich Vorreiter, was die Social-Media-Arbeit betrifft. Auf diversen Kanälen ist man ja ziemlich erfolgreich. Was sich gezeigt hat, ist ein typisches Problem, das im Sport zu finden ist, aber auch in anderen Lebensbereichen.

Und welches?
In sozialen Medien kann jeder, vor allem, wenn er prominent ist, eine sehr große Öffentlichkeit erreichen. Da ist dann die Frage, wie man sich verhält. Das hat nicht jeder gelernt. Bei manchen Spielern posten Agenturen oder andere Helfer die Beiträge - andere betreuen die Kanäle selbst. Und manchmal ist es eben so, dass Prominente nicht damit zurechtkommen. Das ist im Fall Ribéry passiert. Wobei mich das schon gewundert hat. Gerade der FC Bayern, der doch ein Großmaß an Professionalität hat, auch was die Schulung der Spieler angeht, was den Umgang mit sozialen Medien angeht, hat das nicht verhindern können.

Neuberger: Social Media "immer eine zweischneidige Sache"

Müssten die Spieler also noch besser geschult werden?
Die Vereine achten schon seit Jahren darauf und geben Regeln an ihre Spieler heraus. Bei den letzten Olympischen Spielen gab es vom IOC auch Vorgaben an die Sportler, wie man mit Social Media umgehen soll. Diese waren aber sehr umstritten, weil sie vor allem die Marken- und Bildrechte sichern sollten. Die sozialen Medien sind immer eine zweischneidige Sache: Einerseits liefern sie die Möglichkeit, eine persönliche Nähe herzustellen. Gerade bei Prominenten kann man Nähe authentischer erleben, als es über die klassischen Medien der Fall ist. Das kann auch das Image eines Vereins stärken. Allerdings wissen wir, dass das auch sehr hohe Anforderungen stellt. Da ist Schulung unerlässlich, und möglicherweise sollten manche Spieler auch ganz auf Social Media verzichten.

Mats Hummels twittert selbst. Es kam allerdings schon vor, dass er Beiträge wieder gelöscht hat, nachdem sie Kritik hervorgerufen hatten.
Das ist ein Problem: Manchmal entsteht der Eindruck, die Spieler würden am Gängelband des Vereins stehen.

Thomas Müller meinte, dass Stars anonym und "unter aller Kanone" attackiert werden würden.
Die aktuellen Fälle von Robert Habeck, Stefan Kretzschmar und Ribéry sind verschieden, doch sie weisen auch Ähnlichkeiten auf. In allen Fällen geht es um Kontrollverlust und unerfreuliche Reaktionen. Bei Twitter etwa besteht die Gefahr, dass eine unheimliche Beschleunigung entsteht. Der Diskussionsstil ist sehr pointiert, emotional und oft auch aggressiv, sodass man die Folgen oft gar nicht kalkulieren kann. Manchmal löst man mit einem Satz einen Shitstorm aus oder lässt sich mitreißen und schreibt Unbedachtes.

Hier liegt der Reiz von Social Media

Sollten Prominente dann doch auf professionelle Agenturen vertrauen?
Man kann durch Social Media Authentizität schaffen, durch die Sprache, durch die Fotos. Man erlaubt einen Blick ins Privatleben, was Ribéry ja auch getan hat. Das hat einen enormen Reiz für die Fans, die sagen: Ich bin wirklich ganz nah dran an dem Spieler. Wenn man dann erfährt, dass bei Spielern eine Agentur dazwischensteht und sie nur so tun als ob, wäre das nicht gut für die Verbindung zu den Fans. Es sind übrigens auch jene Politiker in den sozialen Medien am erfolgreichsten, die nachweisen können, dass sie selbst twittern.

Welche Lösung schlagen Sie vor für Vereine und Spieler?
Man muss gewisse Mindeststandards festlegen. Beschimpfungen wie bei Ribéry gehen gar nicht. Das müsste eigentlich jeder Spieler begreifen. Darüber hinaus muss ein Verein wissen, welcher Spieler diese Kommunikation gut beherrscht und welcher nicht. Da müsste man individuell Ratschläge geben. Ich würde jemanden, der zu Überreaktionen neigt, der vielleicht auch nicht das richtige Wort trifft, raten, sich auf wenige und sachliche Informationen zu beschränken, um gar nicht in solche Situationen verwickelt zu werden. Einem Thomas Müller, der mir wesentlich versierter erscheint, würde ich eher raten, Social Media intensiv zu betreiben. Müller würde sicher auch in einer Diskussion bestehen. Eine Aussage von ihm hat mich allerdings irritiert.

Und zwar?
Er sagte kürzlich, dass es "nicht so einfach mit Social Media" sei und die "Gesellschaft" festlegen würde, "was man sagen darf und was nicht". Das ist Unsinn. Wenn man öffentlich kommuniziert, trifft man nicht auf die Gesellschaft, sondern auf andere User, die auf Twitter unterwegs sind. Man kann sich dann überlegen, wie man mit diesen Leuten umgeht. Und man muss auch mit Kritik rechnen. Das klingt ja bei Müller so, als gebe es Mächte im Hintergrund, die die Fäden ziehen. Auch diese Äußerungen von Stefan Kretzschmar, die intensiv diskutiert wurden, lassen ein eher naives Verständnis von Meinungsfreiheit erkennen. Wer sich öffentlich äußert, muss Widerspruch ertragen. Das hat nichts damit zu tun, dass in unserem Land die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist.

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