Kritik nach Fehlentscheidungen

Kommen Reformen bei den Schiedsrichtern?


Beim Topspiel zwischen dem FC Bayern und dem BVB ahndet Schiedsrichter Daniel Siebert (2.v.r.) ein Foul von Bayern-Spieler Benjamin Pavard an Dortmunds Jude Bellingham (beide nicht im Bild) nicht, der VAR greift nicht ein. Experten fordern nun Reformen.

Beim Topspiel zwischen dem FC Bayern und dem BVB ahndet Schiedsrichter Daniel Siebert (2.v.r.) ein Foul von Bayern-Spieler Benjamin Pavard an Dortmunds Jude Bellingham (beide nicht im Bild) nicht, der VAR greift nicht ein. Experten fordern nun Reformen.

Von dpa/sid

Wieder einmal standen am Wochenende die Schiedsrichter in der Kritik. Ex-Referee Manuel Gräfe und Rekordnationalspieler Lothar Matthäus fordern Reformen. Für einen Vorschlag zeigt sich der DFB offen.

Nach den Schiedsrichter-Fehlentscheidungen am Bundesliga-Wochenende wird die Kritik immer größer - auch am Deutschen Fußball-Bund. Der frühere Top-Referee Manuel Gräfe macht eine jahrelange Fehlentwicklung im DFB für die Fehler verantwortlich und fordert einen "Neustart". Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus schlägt nach "Entscheidungen, die so einfach nicht mehr zu akzeptieren sind", ehemalige Profi-Fußballer als Unterstützung für den Video-Assistenten vor. Der DFB hatte selbst Fehler der Unparteiischen in zwei Partien eingeräumt.

Am Samstag hatte wieder einmal die Rolle des Video-Assistenten in der Bundesliga für Kritik gesorgt. Beim Topspiel zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund (3:1) griff der VAR nach einem elfmeterwürdigen Foul von Benjamin Pavard gegen BVB-Profi Jude Bellingham nicht ein. Beim 2:1-Sieg des 1. FC Union bei RB Leipzig meldete indes der Video-Assistent einen Tritt von Leipzigs Nordi Mukiele gegen den Berliner Niko Gießelmann, der Schiedsrichter revidierte seine Entscheidung aber nicht. Videobeweis-Projektleiter Jochen Drees erklärte in einer DFB-Mitteilung am Montag ein, dass in beiden Fällen falsch entschieden worden war.

Gräfe fordert personelle Konsequenzen

"Es wird Zeit, nachdem der DFB die Schiedsrichterei strukturell und personell zwölf Jahre gegen die Wand gefahren hat, die Verantwortungsfrage zu stellen", schrieb Gräfe in einem Gast-Kommentar bei der "Bild"-Zeitung und ergänzte: "Wenn es in einem Verein oder in einer Firma über Jahre nicht funktioniert, wird auch irgendwann zu Recht die Managementebene zur Verantwortung gezogen."

Die Schiedsrichter sind seit dem 1. Januar in einer ausgegliederten GmbH organisiert. Den Bereich "Sport und Kommunikation" verantwortet Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich, um "Management und Organisation" kümmert sich Abteilungsleiter Florian Götte. Der DFB ist mit 51 Prozent Mehrheitsgesellschafter, die Deutsche Fußball Liga ist ebenfalls Gesellschafter.

"Leistungsprinzip steht bei der DFB-Schiedsrichterführung hinten an"

Es seien einfach zu viele und zum Teil klare Fehlentscheidungen, so Gräfe, der betonte: "Da sind wir wieder beim Leistungsprinzip, das seit Langem bei der DFB-Schiedsrichterführung leider hinten ansteht. Früher bei den Bossen Fandel und Krug, heute bei Fröhlich, Meyer und Drees." Es seien der DFB - und mittlerweile auch die DFL - gefordert, denn es könne nicht sein, dass diese Problematik der Bundesliga derart schade. "Fehlentscheidungen haben offensichtlich keine notwendigen Konsequenzen, da man lieber nach persönlichen, regionalen oder politischen Aspekten die Schiedsrichter für Positionen oder Aufgaben auswählt."

Gräfe, der im Sommer 2021 seine Karriere wegen der Altersbeschränkung beenden musste und deswegen mit dem DFB im Clinch lag, fordert einen "Neustart ohne diese politischen Einflüsse". Der 48-jährige Berliner schlägt die Verpflichtung des früheren Schweizer Schiedsrichters Urs Meier vor, der "unabhängig und leistungsorientiert" agieren könne.

Matthäus: Ex-Fußballer können Situationen besser bewerten

Matthäus könnte sich indes vorstellen, dass ehemalige Profifußballer als Unterstützung eingesetzt werden. Neu ist der Vorschlag nicht. "Wir als ehemalige Fußballer können das deshalb besser bewerten, weil wir selber permanent und jahrelang in diesen Situationen waren und wissen, wie es aussieht, wenn man foult oder gefoult wird. Wie man fällt, wohin sich der Ball bewegt, wenn dieses oder jenes davor passiert. Und vor allem sehen wir es schneller", schrieb Matthäus in einer Sky-Kolumne. Die Intuition von Ex-Fußballern sei in solchen Fällen eine andere.

DFB meldet sich zu Wort

Der DFB zeigt sich indes offen für eine mögliche Zusammenarbeit mit Ex-Profis. Auf welcher Ebene dies "stattfinden könnte oder sinnvoll wäre, sollte vor allem fernab von emotionalen sowie spieltagsbezogenen Diskussionen sachlich bewertet werden", teilte Schiedsrichter-Chef Fröhlich auf SID-Anfrage mit. "Konstruktive Vorschläge" etwa von Matthäus nehme der DFB "gerne auf und auch wir streben einen verstärkten gemeinsamen Austausch mit weiteren Fußball-Experten, aktuellen und ehemaligen Spielern sowie Vereinsverantwortlichen an", sagte Fröhlich.

Die harte Kritik von Gräfe wies Fröhlich zurück. "Weniger konstruktiv schätzen wir die Form ein, wie ein ehemaliger Schiedsrichter die aktuelle Diskussion nutzt, um sich mit seiner persönlichen Meinung öffentlich einzuschalten", sagte er.