Viermal angeschossen
Bluttat von Bodenmais: „Manchmal gibt es Tage, da vermisse ich ihn“

privat
Auf ihrem Arm hat sich Christiane ein Blumen-Tattoo stechen lassen - es überdeckt die Schussnarbe.
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Im Video erzählt idowa- und Seite 3-Redakteur Patrick Beckerle, wie die Geschichte hinter diesem Türchen entstanden ist.
Ein schwarzes Blumengeflecht schlängelt sich von ihrer linken Hand den Arm entlang. Auf dem Weg zu ihrer Schulter beginnt es zu wachsen. Die Knospen, erst klein, öffnen sich und blühen. Oben thront eine Libelle, die Flügel weit ausgebreitet, bereit, zu fliegen. Dass diese Blumen auf vernarbtem Boden wachsen, sieht man nicht. „Hier war der Durchschuss“, sagt Christiane und deutet auf ihren Oberarm. Sie wollte die Narbe nicht mehr sehen. Konnte sie nicht mehr sehen. Die Tinte kann verbergen, doch lindern kann sie den Schmerz nicht. Er ist da. Er wird bleiben.
Während sie spricht, lässt sie stets einen Akupressur-Ring über ihre Finger gleiten. Auf und ab. Auf und ab. Er hilft - ein bisschen. Der Schuss hat ihren Radialisnerv durchtrennt, sagt sie. In einer sechsstündigen OP haben ihr die Ärzte Nerven aus den Beinen in den linken Arm transplantiert. Vieles musste sie danach neu lernen. Manches kann sie bis heute nicht. Flaschen aufdrehen, einen Knopf zumachen, leserlich schreiben. Ihre Finger fühlen sich an, als stünden sie permanent unter Strom. Ohne Schmerzmittel käme sie nicht durch den Tag. Sie dachte, die Schmerzen würden irgendwann wieder weggehen. Heute ist sie sich nicht mehr sicher. Die Ärzte meinten, wenn die Schmerzen länger als sechs Monate andauern, bleiben sie wohl dauerhaft. Das ist jetzt über ein Jahr her. „Es vergeht kein Tag, keine Stunde, wo ich nicht daran denke“, sagt sie. An den 29. April 2024. An den Tag, an dem er sie töten wollte. Was an diesem Tag passiert ist, hat Hunderte Seiten Polizeiakten gefüllt und ihr Leben in ein Vorher und ein Nachher geteilt. Heute kann sie darüber sprechen. Heute will sie darüber sprechen.
Zwischen Fürsorge, Eifersucht und Kontrolle
Fast 14 Jahre war sie mit ihm zusammen. Gekannt hat sie ihn schon viel früher, schon in ihrer Jugend. Bodenmais im Landkreis Regen ist nicht groß. Da kennt man sich. Im August 2010 kamen sie zusammen. Sie hatte sich da gerade von ihrem Mann getrennt, war nun alleinerziehend, ihre Töchter damals zwei und zwölf Jahre alt. Als geschiedene Mama wird man auf dem Dorf schnell geschnitten. Doch er rief sie an. Fragte, wie es ihr geht. Ob er vorbeikommen könne. Er war nett, half ihr im Alltag, kümmerte sich. Irgendwann war er fast immer da - „und ich war nicht mehr allein“, erzählt sie. Doch mit der Zeit wird aus seiner Fürsorge etwas anderes. Damals nennt sie es Liebe.
Es beginnt mit Nachrichten. „Wo bist du?“, fragt er mehrmals am Tag. Wenn er anruft, dann über Facetime, damit er sieht, wo sie ist. Wenn sie keine Zeit für ihn hat, muss sie sich rechtfertigen. Manchmal freut sie sich mehr auf die Arbeit als auf ihn. Im Seniorenheim versteht sie sich gut mit ihren Kollegen und ihren Schützlingen. Sie scherzen oft - etwa über die Krähen. Wenn sie über das Heim fliegen und dabei krächzen, stirbt kurz darauf jemand, heißt es. Christiane steckt den Senioren dann gerne Süßigkeiten oder Zigaretten zu, um schwere Gedanken zu zerstreuen. Doch schon solche Kleinigkeiten können ausreichen, um ihn eifersüchtig zu machen.
Mit den Jahren schottet er sie zunehmend ab. Wartet vor und nach der Arbeit auf sie. Macht ihr ein schlechtes Gewissen, wenn sie mit ihren Töchtern und nicht mit ihm unterwegs ist. Handgreiflich wird er nie - doch oft beleidigt er sie aufs Übelste, erzählt sie. Dann wieder überschüttet er sie mit Zärtlichkeiten und Geschenken. Wenn er sie in den Arm nimmt, fühlt es sich richtig an. Er sagt, dass er sie liebt und immer lieben wird. Sie weiß, dass ihre Beziehung anders ist. „Es war ein Auf und Ab. Immer wieder gut, aber auch immer wieder schlecht. Rückblickend finde ich es extrem, dass ich es überhaupt so lange ausgehalten habe.“
Am 3. April 2024 zieht die 49-Jährige die Reißleine und trennt sich. Auch auf Druck ihrer Töchter, die nicht mehr mitansehen wollen, wie ihre Mutter herumkommandiert wird. Was danach folgt, beschreibt sie als „Psycho-Terror“. Teilweise habe er über 100 Nachrichten pro Nacht geschrieben. Sie vor der Arbeit abgepasst. Nachts auf dem Parkplatz vor ihrem Haus im Auto übernachtet. „Ich hätte schon da die Polizei rufen sollen“, sagt sie heute. Stattdessen redet sie ihm weiter zu. „Ich dachte, ich könnte ihm helfen.“ Am Abend des 28. April schickt er ihr per WhatsApp ein Foto einer Pistole. Schreibt, dass er ohne sie nicht leben kann. „Danke für die Zeit, die ich haben durfte mit dir! Ich hätte dich ewig geliebt“, lautet seine letzte Nachricht um 21.28 Uhr. Danach: Stille.
Ja, sie hatte Angst, sagt sie heute. Aber nicht um sich. „Ich hatte Angst, dass er sich etwas antut.“ Am nächsten Morgen hat sie weiterhin keine Nachricht von ihm. Es ist ein Montag und sie muss funktionieren. Also fährt sie ihre jüngere Tochter zur Schule und dann zur Arbeit. Wie so oft parkt sie vor dem Seniorenheim. Es ist zehn vor acht. Dann sieht sie ihn. Er wartet auf sie, hat sich gut gekleidet. „Lauter Sachen, die ich ihm gekauft habe“, sagt sie. Er möchte mit ihr reden. Eine ihrer Kolleginnen steht da gerade zum Rauchen in der Tür. Sie sagt ihr, sie könne ruhig schon reingehen. Sie komme gleich nach.
„Ich habe ihn angeschaut, aber da war nur Leere“
Sie setzen sich zum Reden in ihr Auto. Sie auf dem Fahrersitz, er neben ihr auf dem Beifahrersitz. Er sagt, er brauche Abstand. Er wolle wegfahren, ein paar Tage Urlaub machen. Er sagt, es sei alles in Ordnung. Sie glaubt ihm, schlägt vor, nach der Arbeit länger zu reden. Als sie aussteigt, folgt er ihr. Sie geht zur hinteren Autotür, holt ihre Tasche. Er geht auf sie zu und nimmt sie in den Arm. Sie sagt, dass sie jetzt in die Arbeit muss. Er sagt nichts. Dann geht er einen Schritt zurück und greift in seine Jackentasche. Er zieht eine P38. Dieselbe Pistole, von der er ihr am Vorabend ein Bild geschickt hat, setzt er ihr nun auf die Brust. „Ich habe ihn angeschaut, aber da war nur noch Leere“, erzählt sie. „Da war keine Gefühlsregung. Ich habe ihm gesagt, bitte nicht. Ich will leben. Meine Töchter brauchen mich noch. Dann hat er geschossen.“
Der erste Schuss trifft sie in die Brust. Der zweite in den linken Arm. Der dritte wieder in die Brust. Sie trägt Weiß an diesem Tag. Als sie an sich heruntersieht, ist alles rot. Sie hält sich am Kofferraum fest, um nicht hinzufallen. Er geht zu seinem Auto zurück. Bevor er einsteigt, dreht er sich um und schießt ein viertes Mal. Die Kugel trifft sie in den Hals. Ein glatter Durchschuss. Dann fährt er weg.
Christiane sinkt zu Boden. Ihr Blick wandert nach oben. Über dem Heim sieht sie eine Krähe vorbeifliegen. Ob sie krächzt, kann sie nicht hören. Durch die Schüsse ist alles um sie herum dumpf geworden. „Ich habe um Hilfe geschrien, aber es hat sich angefühlt, als würde ich unter Wasser schreien“, sagt sie. „Ich hatte da abgeschlossen mit dem Leben. Es war ein ganz komisches Gefühl. Ich fühlte mich leicht, wie in Watte gepackt. Ich hatte keine Angst.“
Heute weiß sie, dass ein älteres Ehepaar ihre Schreie gehört und das Heim angerufen hat. Ihre Kollegen rufen die Polizei und den Rettungsdienst. Wenige Minuten später sind die Helfer da. Christiane bleibt trotz ihrer lebensgefährlichen Verletzungen die ganze Zeit bei Bewusstsein. Sie nennt den Namen des Täters. Seinen Wohnort. Das Kennzeichen seines Wagens. Sie sagt, wo ihre Tochter zur Schule geht, weil sie Angst hat, dass er ihr auch etwas antun will. Da weiß noch niemand, wo er sich befindet und ob er nicht vielleicht noch mehr Menschen verletzt. Ein Rettungshubschrauber fliegt sie ins Klinikum nach Deggendorf, wo ein OP-Team schon für sie bereitsteht. Bei Durchschüssen ist die Chance gering, dass die Organe unverletzt bleiben. Die 49-Jährige hat Glück. Ihre Lunge wurde nur gestreift. Sie hat mehrere gebrochene Rippen und Finger, außerdem viel Blut verloren. Doch sie überlebt diesen Tag. Er nicht.
Drei weiße Rosen für das Ende einer Liebe
„Durch Angehörige des Mannes wurde mitgeteilt, dass sich der 61-Jährige selbst suizidiert haben soll. Der Mann wurde kurz darauf durch Einsatzkräfte an seiner Arbeitsstelle tot aufgefunden“, schreibt die Polizei später in ihrem Bericht. Im Krankenhaus überlegen die Mitarbeiter, wie sie es ihr am besten sagen sollen. Für Christiane ist die Situation im Schockraum unwirklich. Sie fühlt sich, als wäre sie eine Zuschauerin in einem Film. Als wäre alles weit weg von ihr. Vielleicht sind es die Schmerzmittel. Die Ärzte verlassen den Raum kurz, um sich draußen zu besprechen. Ein junger Pfleger bleibt bei ihr. Er geht zu ihr, hält ihren Arm. Sie müsse sich nicht mehr fürchten, sagt er. Der Täter könne ihr nichts mehr tun. Er habe sich daheim erschossen. Für einen kurzen Moment lacht sie, als sie davon erzählt. Aber es ist ein bitteres Lachen.
Heute ist er fort. Aber ihre Angst ist es nicht. Schon Kleinigkeiten im Alltag können ausreichen, dann ist sie im Kopf für einen Moment wieder auf dem blutbeschmierten Parkplatzboden. Ihre Töchter mussten sich daran gewöhnen, im Familienchat kein „Wo bist du?“ mehr zu schreiben. Einmal ist sie wieder in das Seniorenheim gefahren, wo sie so gerne gearbeitet hat. Nach einer halben Stunde hielt sie es nicht mehr aus. „Ich habe keine Luft mehr bekommen, mir ist schwindelig geworden, meine Augen haben geflimmert“, erzählt sie. Eine Panikattacke. Nicht die letzte.
Sie würde gerne loslassen. Heilen. Sich wieder selbst spüren. Doch die Schmerzen erinnern sie ständig an ihn. Bis heute fragt sie sich, warum er es getan hat. „Ich würde ihn so gerne fragen. Aber ich werde nie die Möglichkeit haben“, sagt sie. Zwei Wochen, nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war sie an seinem Grab und hat Blumen gebracht. Drei weiße Rosen. Es war ein komisches Gefühl. „Ich habe auch jetzt keinen Hass“, sagt sie. „Er war die Liebe meines Lebens. Manchmal gibt es Tage, da vermisse ich ihn.“
Info
Für Betroffene von Gewalt in Beziehungen ist es oft schwer, sich zu offenbaren. Doch es gibt in Deutschland niedrigschwellige Hilfsangebote, die Unterstützung bieten können. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr unter der Rufnummer 116 016 erreichbar und hilft Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Auch Angehörige und Freunde können sich dort kostenlos und anonym beraten lassen. Bei akuten Bedrohungssituationen sollten sich Betroffene allerdings direkt unter der Notrufnummer 110 an die Polizei wenden.












