Steigende Infektionszahlen

RKI rät dazu, Großveranstaltungen abzusagen


Das Robert Koch-Institut (RKI) fordert die Rückkehr zu massiven Einschränkungen in Deutschland.

Das Robert Koch-Institut (RKI) fordert die Rückkehr zu massiven Einschränkungen in Deutschland.

Von mit Material der dpa

Im Kampf gegen das Virus ruft das Robert Koch-Institut auch Geimpfte dazu auf, sich besser zu schützen. Sachsens Regierungschef Kretschmer warnt vor einer humanitären Katastrophe.

Das Robert Koch-Institut (RKI) fordert angesichts der Wucht der vierten Corona-Welle die Rückkehr zu massiven Einschränkungen in Deutschland. Man rate "dringend dazu, größere Veranstaltungen möglichst abzusagen oder zu meiden, aber auch alle anderen nicht notwendigen Kontakte zu reduzieren", heißt es im neuen Wochenbericht der Behörde. Die Kommunen verlangten eine einheitliche Strategie. Am nächsten Donnerstag wollen die geschäftsführende Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten über den weiteren Kurs beraten.

Es sei "eine verbindliche Vereinbarung zwischen Bund und Ländern notwendig, wie wir mit der aktuellen Corona-Lage durch den Winter kommen", sagte der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Dazu gehöre eine Strategie für die erforderlichen Booster-Impfungen. "Nach Möglichkeit sollten bis Weihnachten 20 Millionen Menschen diese Impfung erhalten haben."

RKI: Bürger sollten auch eigenes Verhalten ändern

Die Corona-Zahlen sind zuletzt auch in Deutschland steil angestiegen. Mit 50.196 Neuinfektionen binnen eines Tages gab das Robert Koch-Institut (RKI)gestern den nächsten Höchstwert bekannt. Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz sprang auf 249,1 und stieg am vierten Tag in Folge auf einen Rekordwert.

Immer mehr Kliniken melden, dass nicht zwingend nötige Behandlungen verschoben werden und Intensivstationen am Limit sind. "Wenn sich diese Dynamik fortsetzt, können wir sehr bald nur noch Notfall- und Covid-Patienten behandeln", sagte Gernot Marx, Präsident der Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Das RKI fordert einschneidende Verhaltensänderungen von den Bürgern. Falls Kontakte nicht vermieden werden können, sollte man in jedem Fall vorher einen Test machen, auch wenn man geimpft oder genesen sei, raten die Experten in ihrem jüngsten Wochenbericht. Auch Geimpfte und Genesene sollten Masken tragen und Abstand halten. Das RKI schätzt die Gefährdung der nicht oder nicht vollständig Geimpften in Deutschland weiterhin als sehr hoch ein. Für vollständig Geimpfte sei sie moderat, aber ansteigend.

Seit Wochen steigen die Inzidenzen in allen Altersgruppen an. Den höchsten Wert gibt es dem RKI-Wochenbericht zufolge unter den 10- bis 14-Jährigen - mit 411 gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Kindern in einer Woche, den 5- bis 9-Jährigen mit 345 und den 15- bis 19-Jährigen mit 302. In Schulen wird besonders häufig getestet.

Wird die "pandemische Notlage" doch verlängert?

Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und RKI-Präsident Lothar Wieler wollen an diesem Freitagmorgen über die aktuelle Lage informieren. Wegen der hohen Ansteckungszahlen rücken zusätzliche Schutzmaßnahmen immer stärker in den Blick. SPD, Grüne und FDP wollen in einem Fachgespräch mit Experten über mehr Tempo für die Impfungen beraten.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) schließt inzwischen auch einen neuerlichen Lockdown nicht mehr aus. Sein Bundesland hat bundesweit die höchsten Zahlen, die Wocheninzidenz hat laut RKI mittlerweile die Marke von 500 überschritten. Die 2G-Regel werde im Kampf gegen die aktuelle Corona-Welle nicht reichen, sagte Kretschmer am Donnerstagabend in der ZDF-Sendung "Maybrit Illner". "Wir müssen weitere Instrumente dazusetzen." Andernfalls könne die jetzige Situation in einer "humanitären Katastrophe" enden.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff übte scharfe Kritik an den Corona-Plänen der Ampel-Parteien im Bund. "Ich halte die Entscheidung, die pandemische Notlage von nationaler Tragweite zu beenden, für einen gravierenden politischen Fehler", sagte der CDU-Politiker der Deutschen Presse-Agentur in Magdeburg. "Das ist auch in der Sache eine Fehlentscheidung." Die pandemische Lage nationaler Tragweite müsse verlängert werden.

Die potenziellen Regierungspartner SPD, Grüne und FDP wollen den Sonderstatus am 25. November auslaufen lassen. Die bisherige Rechtsbasis für Corona-Beschränkungen soll durch ein neues Infektionsschutzgesetz ersetzt werden, das einen kleineren Katalog möglicher Corona-Maßnahmen rechtlich absichern soll.

FDP-Vize Wolfgang Kubicki forderte die Union zur Unterstützung auf. "Die Situation, die wir jetzt haben, mit 50.000 Infektionen am Tag und den volllaufenden Intensivstationen, die geschehen ja unter dem aktuellen Regime", sagte er bei "Maybrit Illner". Außerdem werde die epidemische Lage nicht abgeschafft, sie laufe am 25. November aus - und niemand im Bundestag habe bisher den Vorstoß unternommen, den Sonderstatus zu verlängern.