Russland

Nawalnys Mutter hat Leiche ihres Sohns erhalten


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Der am 16. Februar in einem russischen Straflager gestorbene Oppositionsführer Alexej Nawalny bei einem Gedenkmarsch für den 2015 ermordeten Kremlkritiker Boris Nemzow.

Von dpa

Die Mutter des in Haft gestorbenen Kremlgegners Alexej Nawalny hat dessen Leiche von den Behörden erhalten. Das teilte Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch am Samstag bei X (vormals Twitter) mit. Angehörige und Unterstützer des Oppositionellen hatten die russische Führung seit Tagen zur Herausgabe des Toten aufgefordert, um ihn menschenwürdig beerdigen zu können.

Nawalnys Team dankte dafür, dass prominente Russen öffentlich Druck machten. Ljudmila Nawalnaja, die Mutter, sei noch in Salechard im Norden Russlands, sagte Jarmysch. Jetzt solle die Beerdigung vorbereitet werden.

"Wir wissen nicht, ob die Behörden es so ablaufen lassen, wie das die Familie will und wie es Alexej verdient", sagte Jarmysch. Ljudmila Nawalnaja hatte eine öffentliche Beerdigung gefordert, damit sich nicht nur die Familie, sondern auch Anhänger von dem russischen Oppositionsführer verabschieden können. "Wir werden Informationen dazu bekannt geben, wenn sie hereinkommen", sagte Jarmysch. Zuvor hatte es geheißen, dass Nawalnys Mutter eine Beerdigung auf dem Chowanskoje-Friedhof anstrebt, der größten der mehr als 100 Ruhestätten der russischen Hauptstadt.

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«Und kein wahrer Christ könnte jemals tun, was Putin jetzt mit dem toten Alexej tut»: Nawalnys Ehefrau Julia Nawalnaja.

Nawalnys Vertrauter Leonid Wolkow, der im Exil im Baltikum lebt, sagte, dass wunderbare Leute auf der ganzen Welt den "Menschenfresser" Putin dazu gebracht hätten, den Toten freizugeben und nicht weiter die Leiche des Opfers zu verhöhnen. "Aber das ist kein Sieg. Es gibt keinen Grund zur Freude. Und Nawalny kommt auch nicht zurück", schrieb Wolkow im Nachrichtendienst Telegram. Es sei aber trotzdem eine Niederlage für Putin, weil er nicht erreicht habe, den Toten einfach unter Verschluss zu halten.

Erst am Morgen hatten die Witwe und die Tochter Nawalnys die Herausgabe der sterblichen Überreste des 47-Jährigen verlangt. Russlands Präsident Wladimir Putin, der sich selbst als gläubiger Christ bezeichne, verhöhne die Überreste des Toten und lege einen "offenen Satanismus" an den Tag, sagte die Witwe Julia Nawalnaja in einer Videobotschaft. "Geben Sie Alexej heraus. Sie haben ihn lebendig gefoltert und foltern ihn tot weiter", sagte sie. "Sie brechen jedes menschliche und göttliche Gesetz."

"Gebt Oma den Körper meines Vaters", schrieb Nawalnys Tochter Darja im sozialen Netzwerk X (vormals Twitter). Ihre Großmutter Ljudmila Nawalnaja hatte am Donnerstag in einem Video erklärt, dass Putins Behörden sie zu einer geheimen Beerdigung zwingen wollten und ihr gedroht hätten, der Leiche etwas anzutun. Nawalnys Witwe warf Putin vor, Alexejs Mutter weiter zu quälen und brechen zu wollen.

Putin inszeniere sich zwar mit Kerze in der Hand in russisch-orthodoxen Kirchen und küsse Ikonen, sei aber in Wahrheit von Hass und Rachegelüsten getrieben, sagte Julia Nawalnaja. "Nein, es ist nicht einmal Hass, es ist Satanismus, Heidentum." Im Glauben aber gehe es um Güte, um Barmherzigkeit, um Erlösung. "Und kein wahrer Christ könnte jemals tun, was Putin jetzt mit dem toten Alexej tut."

Nawalny starb am 16. Februar nach Behördenangaben im Straflager mit dem inoffiziellen Namen "Polarwolf" in der sibirischen Arktisregion Jamal. Die Umstände seines Todes sind nicht geklärt. Der durch den Giftanschlag und wiederholte Einzelhaft im Lager geschwächte Politiker soll bei einem Rundgang auf dem eisigen Gefängnishof zusammengebrochen und trotz Wiederbelebungsversuchen gestorben sein. Nach Angaben von Nawalnys Team ist im Todesschein von "natürlichen" Ursachen die Rede.

Die Gruppe der sieben führenden Industrienationen G7, zu der auch Deutschland gehört, würdigte in einer am Samstag veröffentlichten Erklärung "den außergewöhnlichen Mut Alexej Nawalnys". Die Gruppe stehe an der Seite seiner Frau, seiner Kinder und all jener, die ihm nahe waren. Nawalny habe sein Leben dem Kampf gegen die Korruption des Kreml und für freie und faire Wahlen in Russland geopfert. "Wir rufen die russische Regierung auf, die Umstände seines Todes lückenlos aufzuklären", hieß es in der Erklärung.

Zugleich fordert die G7 Russland auf, andere politische Gefangene freizulassen und die Verfolgung Andersdenkender zu beenden. "Wir werden diejenigen, die die Schuld am Tod Nawalnys tragen, zur Rechenschaft ziehen, auch indem wir als Antwort auf Menschenrechtsverletzungen und -verstöße in Russland weiterhin restriktive Maßnahmen verhängen und andere Maßnahmen ergreifen."


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