Politik

Nawalny-Freund Leonid Wolkow: "Auch Putin ist sterblich"

Der Oppositionelle Leonid Wolkow über die Zukunft Russlands, seinen Freund Alexej Nawalny und den Krieg in der Ukraine


Leonid Wolkow

Leonid Wolkow

Von Interview: Natalie Kettinger

AZ-Interview mit Leonid Wolkow: Der 42-Jährige ist politischer Direktor der von Kremlkritiker Alexej Nawalny gegründeten Antikorruptionsstiftung FBK. 2013 leitete er dessen Kampagne bei der Bürgermeisterwahl in Moskau und 2018 als Stabschef dessen Präsidentschaftswahlkampf. Seit 2019 lebt Wolkow, der in Russland mehrmals inhaftiert war, in der litauischen Hauptstadt Vilnius.

AZ: Herr Wolkow, Sie sind ein enger Vertrauter von Alexej Nawalny, der seit 2021 in einem russischen Straflager inhaftiert ist. Wie halten Sie Kontakt?

LEONID WOLKOW: Die Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Die einzigen, die noch direkten Zugang zu ihm haben, sind seine Rechtsanwälte. Wenn sie ihn besuchen, werden die Gespräche abgehört und jegliche private Kommunikation ist verboten. Wir anderen können Alexej Nawalny Briefe schreiben - aber die werden zensiert und dauern sehr lange.

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Seit fast einem Jahrgehen weltweit Menschen gegen den russischenAngriffskrieg auf die Ukraine auf die Straßen, hier in der slowenischen HauptstadtLjubljana. In Russland selbst sind die Proteste nach dem brutalen Vorgehen der Sicherheitskräfte weitgehend verstummt. "Aber das heißt nicht, dass die Protestbewegung nicht existiert oder die Proteststimmung verschwunden ist", sagt der Nawalny-Vertraute Leonid Wolkow. "Es gibt nur keine Möglichkeit, sie zu äußern."

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Leonid Wolkows Buch heißt "Putinland"

Er soll in der Isolationshaft gezielt mit Grippe infiziert worden sein. Was genau ist vorgefallen?

Ein an Grippe erkrankter Mithäftling wurde absichtlich in seiner Zelle untergebracht und hat ihn angesteckt. Für uns ist eine Grippe nicht gefährlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass man daran stirbt, weil es Komplikationen gibt, liegt vielleicht bei einem Prozent. Für Alexej Nawalny hingegen liegt sie bei mindestens 25 Prozent, weil er keine ärztliche Hilfe bekommen kann und keinen Zugang zu Medikamenten hat. Deshalb dauerte die Grippe sehr lang. Aber jetzt sieht es so aus, als ob es ihm besser ginge: Er ist wieder in der Lage, an gerichtlichen Anhörungen teilzunehmen.

In Ihrem Buch "Putinland" schreiben Sie, Nawalny musste - in der Logik Wladimir Putins - nach seiner Rückkehr aus Deutschland inhaftiert werden, bevor der russische Präsident seinen Krieg in der Ukraine beginnen konnte. Warum?

Weil Alexej Nawalny eindeutig als Führer der russischen Oppositionsbewegung betrachtet wird - sowohl von seinen Unterstützern als auch von seinen politischen Konkurrenten. Er hat mehrmals bewiesen, dass er in der Lage ist, große Proteste zu initiieren. Putin hatte Angst, dass er das wieder tun würde, wäre er bei Kriegsbeginn noch in Freiheit.

Sie führen die Invasion nicht wie viele andere auf Putins Großmachtfantasien zurück, sondern auf den Wunsch, das korrupte System eines Mafia-Staates in Russland mit Hilfe eines "kleinen siegreichen Krieges" zu erhalten. Können Sie das erklären?

Ich denke, die Vorstellung, dass Putin von imperialen Ideen getrieben wird, ist nur bedingt richtig. Natürlich ist er Opfer seiner eigenen Propaganda: Seit 20 Jahren liest er nur die Informationen, die der Inlandsgeheimdienst FSB für ihn vorbereitet - und dort weiß man sehr gut Bescheid, was ihm gefällt: zum Beispiel, dass Russland wieder eine Weltmacht sein sollte. Deshalb wurde ihm viel darüber zu lesen gegeben und deshalb hat er begonnen, daran zu glauben.

Aber das ist nicht alles, oder?

Nein. Die tieferliegende Ursache für diesen Angriff ist die Korruption in Russland. Die hat so enorme Ausmaße, dass man es sich im Westen gar nicht vorstellen kann. Wenn man eine Schule oder eine Brücke für den Staat baut, und der Vertrag beläuft sich über 100 Millionen Rubel, geht ein gewisser Prozentsatz davon an den Staatsbeamten, der den Vertrag unterschreibt - das heißt auf Russisch Otkat. Anfang des Jahrtausends war es völlig normal, dass bei großen Bauprojekten zwei bis drei Prozent Otkat anfielen. Das ist ein Verbrechen, natürlich, aber man konnte damit leben. Doch dann stieg der Anteil. Heute kann er bei 50 bis 70 Prozent liegen. Zwei Drittel aller Gelder werden geklaut. Putin und sein Umfeld haben die Möglichkeiten der Korruption eifrig genutzt, während die Wirtschaft zusammenbrach: Seit 2012 ist das durchschnittliche Haushaltseinkommen jedes Jahr weniger geworden. Das macht elf Jahre Untergang.

Was hat das mit dem Krieg gegen die Ukraine zu tun?

Wenn die Lebensqualität nachlässt, gefällt das den Menschen natürlich nicht. 2013 ist Putins Popularität deshalb gesunken. Zum ersten Mal überhaupt lagen seine Zustimmungswerte unter 50 Prozent. Dann geschah die Maidan-Revolution in der Ukraine. Putin sah darin die Chance, die Krim zu annektieren und diese Tragödie mit Hilfe seiner Propaganda-Maschinerie als großen Sieg Russlands zu vermarkten. Putins Beliebtheit wuchs wieder enorm an und er und sein Umfeld konnten weitere Jahre von der Korruption profitieren. Doch irgendwann haben die Leute gefragt: Was bringt uns die Krim? Von der Krim wird man nicht satt. Im Herbst 2021 fielen Putins Zustimmungswerte dann zum zweiten Mal unter 50 Prozent. Leider wusste er da bereits, dass es eine wunderbare Arznei für dieses Problem gibt: einen kleinen, erfolgreichen Krieg.

Sein Plan ist allerdings nicht aufgegangen. Kiew ist nicht innerhalb weniger Tage gefallen. Die westlichen Staaten stehen zusammen und die Sanktionen treffen auch Putins Gefolgsleute, die sich nun nicht mehr ungestört bereichern können. Wie gefährlich ist das für ihn?

Sehr. Seine Günstlinge haben Milliarden verloren und werden weitere verlieren. Außerdem sehen sie keine Exit-Strategie. Aber Putin? Schweigt! Seine jährliche Pressekonferenz hat er 2022 ausfallen lassen, zum ersten Mal seit 20 Jahren. Seine Rede zur Lage der Nation hat er auch nicht gehalten, obwohl ihn die Verfassung eigentlich dazu verpflichtet. Er hat nichts zu sagen. Und diese Stille wird lauter und lauter. Denn die Menschen in seiner Umgebung stellen immer häufiger die Frage nach einem Plan B. Das ist gefährlich, denn am Ende könnten sie sie selbst beantworten: indem sie Putin durch jemanden ersetzen, der einen Ausweg aufzeigt.

Bislang sorgte Putin dafür, dass keiner seiner Günstlinge zu mächtig und ihm damit gefährlich werden konnte. Seit einiger Zeit liest man immer wieder über Jewgeny Prigoschin. Welche Rolle spielt der Chef der Söldner-Gruppe Wagner im russischen Machtpoker?

Er ist ein Krimineller, dessen politisches Gewicht man nicht überschätzen sollte. Er ist vermutlich der einzige in Putins direkter Umgebung, dem keine formelle Rolle gegeben wurde, was in Russland sehr wichtig ist. Prigoschin ist weder Mitglied des Sicherheitsrates noch Duma-Abgeordneter, es heißt, er sei einfach Unternehmer. Er hat zu Sowjetzeiten zehn Jahre wegen Raubes und Vergewaltigung im Gefängnis gesessen hat. Das macht ihn in den Augen der neuen russischen Aristokratie zu einem Paria. Seine Wichtigkeit gründete allein darauf, dass er im Krieg für Putin mit seiner Wagner-Gruppe Zeit gewonnen hat.

Wie meinen Sie das genau?

Man hat Prigoschin erlaubt, Häftlinge als Kanonenfutter zu benutzen. Dadurch hat die Armee drei oder vier Monate Zeit gewonnen, um die Soldaten auszubilden, die im Oktober mobilisiert wurden. Aber Prigoschins Zeit ist vorbei. Nahezu alle der 40 000 oder 50 000 von ihm rekrutierten Häftlinge sind tot - und neue wird er nicht finden.

Warum nicht?

In Russland gab es vorher etwa 360 000 Gefangene. Zieht man Frauen, Ältere, Verletzte, Kluge und die, die bald entlassen werden sollen und deshalb keine Motivation haben, ab, bleibt eigentlich niemand mehr übrig.

Über den Mann mit Plan B haben wir bereits gesprochen. Wie könnte Putins Regime noch enden?

Durch Zufall: Putin ist sterblich und 70 Jahre alt. Das ist in Russland schon ziemlich viel. Vielleicht könnte er auch durch Massenproteste beseitigt werden, aber: Er schickt seine Polizisten nicht an die Front. Seine etwa 1,4 Millionen Sicherheitskräfte sind in den größeren Städten stationiert und die wissen sehr genau, wie man gegen Protestierende vorgeht. In den ersten Wochen nach dem Angriff auf die Ukraine wurden mehr als 20 000 Leute verhaftet. Putin hat also deutlich aufgezeigt, dass es für seine Brutalität in Bezug auf Massenproteste keine Obergrenze gibt. Deshalb halte ich Massenproteste eher für unwahrscheinlich. Aber das heißt nicht, dass die Protestbewegung nicht existiert oder die Proteststimmung verschwunden ist. Unsere Meinungsumfragen zeigen, dass sie wächst. Es gibt nur keine Möglichkeit, sie zu äußern. Allerdings könnte ein "schwarzer Schwan", ein zufälliges Ereignis wie 2011 beim Arabischen Frühling in Tunesien, diese Situation grundlegend verändern.

Und dann wird Alexej Nawalny russischer Präsident? Sie schreiben, dass Sie davon überzeugt sind, dass er dieses Amt einmal innehaben wird.

Nicht sofort. Ich bin überzeugt, dass er dazu bereit ist. Er ist kompetent, hat ein großes, Team und kennt das Land sehr gut. Er hat Dutzende Städte besucht, mit Tausenden Leuten gesprochen und versteht die Verhältnisse. Aber wenn Putin weg ist, wird es zunächst eine turbulente Übergangsperiode geben, vergleichbar mit der Zeit nach Stalins Tod 1953 in der Sowjetunion. Die Menschen vergessen oft, dass es fünf Jahre dauerte, in denen Stalins Leute gegeneinander kämpften, bis Chruschtschow Regierungschef wurde. Allerdings gibt es in unserem aktuellen Fall Unterschiede: Wir haben eine Zivilgesellschaft, Internet sowie andere Kommunikationsmöglichkeiten und Russland ist nicht von der Welt isoliert.

Und was bedeutet das für die Zukunft Russlands?

Auch Putins Eliten werden einander bekämpfen. Aber die Klügsten unter ihnen werden rasch verstehen, dass man zu einem Abkommen mit dem Westen kommen und ihm Angebote machen muss: Schluss mit dem Krieg, Abzug aus der Ukraine und Kontrolle über die Atomwaffen, zum Beispiel. Ich glaube, der Westen würde diese Gruppe unterstützen, weil das Vorgehen auch in seinem Interesse ist: Es verhindert, dass ein neuer Diktator aus dem Kampf der Eliten hervorgeht. Teil eines solchen Deals müssten aber unbedingt die Freilassung politischer Gefangener und freie Wahlen in Russland sein.

Und dann schlägt die Stunde des Alexej Nawalny?

Ja. Wir wissen, wie politischer Wettbewerb funktioniert, wie man Wahlkämpfe führt und gewinnt. Dann ist unsere Zeit gekommen.

Leonid Wolkow stellt sein Buch "Putinland" (Droemer, 22 Euro) diesen Donnerstag ab 19.30 Uhr in der Buchhandlung Lehmkuhl, Leopoldstr. 45, vor. Der Eintritt kostet 10 Euro. Um Reservierung unter 089 / 380 1500 oder service@lehmkuhl.net wird gebeten.