Pipeline-Explosionen

Kreml greift unbelegte Nord-Stream-Vorwürfe gegen USA auf

Die Detonationen an den beiden Gaspipelines in der Ostsee geben seit Monaten Rätsel auf. Wer steckt dahinter? Den Blog-Eintrag eines einst gefeierten US-Journalisten nutzt Moskau nun für seine Zwecke.


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Das Nord-Stream-Gasleck im September 2022 in der Ostsee, fotografiert von der schwedischen Küstenwache.

Russland hat mit Genugtuung auf die Verbreitung einer unbelegten Behauptung reagiert, wonach die USA hinter der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines stecken sollen. Die russische Führung griff den Blog-Eintrag des US-Journalisten Seymour Hersh auf, der ohne jeden Beleg und unter Berufung auf eine einzelne anonyme Quelle schrieb, US-Marinetaucher seien für die Explosionen der Gaspipelines in der Ostsee im vergangenen September verantwortlich.

Das Weiße Haus tat das als freie Erfindung ab. Der Vorsitzende des russischen Parlaments erhob dennoch schwere Vorwürfe gegen US-Präsident Joe Biden, der Kreml forderte Aufklärung. Dabei steht Moskau selbst im Verdacht, die Pipelines sabotiert zu haben.

Explosionen hatten Ende September 2022 in der Nähe der dänischen Ostsee-Insel Bornholm vier Lecks in die beiden Pipelines Nord Stream 1 und 2 gerissen, die von Russland nach Deutschland führen. Die Gaslecks waren in internationalen Gewässern aufgetreten, jeweils zwei in den Ausschließlichen Wirtschaftszonen Dänemarks und Schwedens.

Russland hatte Nord Stream 1 zum Zeitpunkt der Explosionen wegen angeblicher technischer Probleme abgeschaltet. Die nach Angaben aus dem Kreml trotz Beschädigung weiter einsatzfähige Leitung Nord Stream 2 hat bis heute keine Zulassung von deutschen Behörden erhalten.

Schwedens Staatsanwaltschaft war im November zu dem Schluss gekommen, die Lecks an den Pipelines seien auf schwere Sabotage zurückzuführen. Damit bestätigte sie den schon länger im Raum stehenden Verdacht, dass die Explosionen vorsätzlich mit Sprengladungen herbeigeführt wurden. Tatverdächtige wurden bislang noch nicht benannt. Auch deutsche Ermittler gehen den Hintergründen nach. Mithilfe zweier Forschungsschiffe seien Wasser- und Bodenproben sowie Reste der Pipelines entnommen worden, der Tatort sei auch umfassend dokumentiert worden, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank vor wenigen Tagen der "Welt am Sonntag". "Das alles werten wir derzeit kriminaltechnisch aus." Die Ermittlungen dauerten an.

Russland wehrt sich gegen die Vorwürfe, die Sabotage verursacht zu haben. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte in der Vergangenheit stattdessen angedeutet, die USA oder Großbritannien seien für die Tat verantwortlich. Mit entsprechend großem Interesse reagierte Moskau nun auf die These des US-Journalisten Hersh.

Der bekannte Investigativ-Journalist schrieb in seinem Blog, US-Spezialtaucher hätten die Sprengsätze bei einer Nato-Übung im Juni an den Leitungen in der Ostsee angebracht und später - unterstützt durch Norwegen - per Fernzündung detonieren lassen. In seinem langen Text berief er sich aber lediglich auf eine einzelne, nicht näher genannte "Quelle mit direkter Kenntnis der operativen Planung".

Der 85-Jährige war vor Jahrzehnten durch die Aufdeckung des My-Lai-Massakers in Vietnam durch US-Truppen bekannt geworden, ist zuletzt aber immer wieder mit fragwürdigen Recherchen aufgefallen. Er nennt sich selbst "den weltweit führenden Enthüllungsjournalisten".

Seriöse US-Medien griffen Hershs These nicht auf. Die US-Regierung wies seine Recherche scharf zurück. "Das ist völlig falsch und eine vollkommene Erfindung", erklärte die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates, Adrienne Watson. Auch aus Norwegen kam ein Dementi.

In Moskau allerdings wurde der Bericht in Medien und Politik breit diskutiert. "Biden schreibt sich in die Geschichte als Terrorist ein", schrieb der Vorsitzende des russischen Parlaments, Wjatscheslaw Wolodin, am Donnerstag in seinem Telegram-Kanal. Nach den veröffentlichten "Fakten" sei eine internationale Aufklärung des Falls und die Bestrafung der Verantwortlichen nötig.

Der Kreml forderte erneut eine Beteiligung an den internationalen Ermittlungen zu dem Fall. Sowohl Schweden als auch Dänemark hatten gemeinsame Untersuchungen mit Russland abgelehnt. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte am Donnerstag der Nachrichtenagentur Interfax zufolge: "Sie wissen, dass es auch von unserer Seite Erklärungen zu Informationen gab, die auf eine Beteiligung der Angelsachsen an der Organisation dieses Sabotageakts hindeuten." Leider sei Russland nicht gehört worden, doch die neuen Informationen sollten als Grundlage für eine internationale Aufklärung dienen, verlangte er.

Selbst Peskow räumte aber Schwächen bei der Quellenlage in Hershs Text ein. "Einige Momente (in dem Artikel) kann man bestreiten, andere brauchen Beweise", sagte er, "aber er ist bedeutsam durch die Tiefe der Analyse und die Klarheit der Auslegung." Gerade Deutschland als Geschädigter dürfe nicht über den Bericht hinwegsehen.