Zwei Menschen erschossen

Per Livestream: Täter zeigte Anschlag im Internet!


Bei einer Schießerei in Halle sind am Mittwoch zwei Menschen getötet worden.

Bei einer Schießerei in Halle sind am Mittwoch zwei Menschen getötet worden.

Von Bernhard Lackner

Halle steht unter Schock! Ein Schwerbewaffneter will eine Synagoge stürmen und scheitert. Kurz danach werden zwei Menschen vor der Synagoge und in einem Döner-Imbiss erschossen. Wenig später erscheint ein mutmaßliches Manifest des Täters sowie verstörende Videoaufnahmen.

Halle/Saale - Bei Angriffen mitten in Halle/Saale sind vor einer Synagoge und in einem Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen worden. Die jüdische Gemeinde entging unmittelbar vorher womöglich einer Katastrophe.

Ein Täter mit Stahlhelm und Stiefeln versuchte Mittwochmittag die Synagoge mit Waffengewalt zu stürmen, scheiterte jedoch, wie die Deutsche Presse-Agentur (dpa) aus Sicherheitskreisen erfuhr. In dem Gotteshaus feierten zu dem Zeitpunkt 70 bis 80 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

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Bei einer Schießerei in Halle sind am Mittwoch zwei Menschen getötet worden.

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Bei einer Schießerei in Halle sind am Mittwoch zwei Menschen getötet worden.

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Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat nach dem Angriff auf eine Synagoge in Halle/Saale schwere Vorwürfe gegen die Polizei erhoben. "Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös", teilte Schuster am Mittwochabend mit. ""Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt."

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Polizisten mit Schutzhelmen sichern den Bereich am jüdischen Friedhof.

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Polizisten mit Schutzhelmen übersteigen eine Mauer am jüdischen Friedhof.

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Blick auf den Friedhof und die Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Halle/Saale. (Archivbild)

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Polizisten sichern die Umgebung von Wiedersdorf/Landsberg.

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Ein Bus mit der Aufschrift "Evakuierung" wird von Polizeikräften eskortiert.

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Polizisten stehen an einer Straßensperre bei Wiedersdorf/Landsberg. Neben den Schüssen in Halle hat es auch Schüsse im rund 15 Kilometer entfernten Landsberg (Saalekreis) gegeben.

Polizei nimmt eine Person fest

Die Stadt Halle sprach am frühen Mittwochnachmittag von einer "Amoklage". Die Polizei hatte zuvor mitgeteilt, mehrere bewaffnete Täter seien mit einem Auto auf der Flucht. Fotos und Videos, die von Medien veröffentlicht wurden, zeigten aber nur einen maskierten Schützen.

Auch Augenzeugen sprachen nur von einem Täter. Am frühen Nachmittag meldete die Polizei die Festnahme einer Person. Aus Sicherheitskreisen hieß es am Abend, es deute nun doch alles auf einen Einzeltäter hin.

Synagoge in Halle/Saale: Gemeinde feiert Jom Kippur

Der Generalbundesanwalt zog die Ermittlungen an sich - wegen Mordes von besonderer Bedeutung. Ob es sich um eine antisemitische Tat handelt, sei noch unklar, sagte ein Sprecher in Karlsruhe. Die Stadt rief die Menschen am frühen Nachmittag überall in Halle dazu auf, in Sicherheit in Gebäuden zu bleiben.

Die Polizei gab erst am Abend gegen 18.15 Uhr Entwarnung. "Sie können wieder auf die Straße, die Warnungen sind aufgehoben", twitterte die Polizei. Die Gefährdungslage werde nicht mehr als akut eingestuft.

Täter kam nicht in Synagoge

Bei dem Angriff auf die Synagoge legte der Täter auch selbstgebastelte Sprengsätze vor dem Gotteshaus ab. Es seien dabei mehrere Schüsse gefallen. Ein weibliches Opfer sei vor der Synagoge von den tödlichen Schüssen getroffen worden, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur weiter. Ob sie ein Zufallsopfer sei, sei unklar. Außerdem habe es einen männlichen Toten im oder an einem Döner-Imbiss gegeben.

Nach Angaben des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Halle, Max Privorozki, richtete sich der Angriff der Täter direkt gegen die Synagoge. "Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen", sagte Privorozki der "Stuttgarter Zeitung" und den "Stuttgarter Nachrichten". "Aber unsere Türen haben gehalten." Der oder die Täter hätten außerdem versucht, das Tor des danebenliegenden jüdischen Friedhofs aufzuschießen, sagte der Vorsitzende.

Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus bestätigte der dpa nach einem Telefonat mit Privorozki, der maskierte Täter habe gegen die Tür geschossen, dabei aber nicht in die Synagoge eindringen können.

Rund 20 Menschen seien am Nachmittag noch in der Synagoge verschanzt gewesen, darunter auch mehrere Gäste aus den USA. Laut Salomon wurden auch Flaschen mit Flüssigkeit geworfen. Eine habe die Sukka (Laubhütte), eine andere den Jüdischen Friedhof in unmittelbarer Nähe und eine den Hof der Synagoge getroffen. Nur die Flasche gegen den Friedhof habe sich entzündet.

Tat live ins Internet übertragen?

Etwa 30 Meter vor der Synagoge lag ein Todesopfer auf einer Straße mit einer blauen Decke bedeckt, wie ein dpa-Reporter berichtete. Zudem soll nach Augenzeugenberichten ein Täter in einem Kampfanzug mit einem Gewehr in einen Döner-Laden geschossen und einen Besucher getötet haben. Der mutmaßliche Rechtsextremist Stephan B. aus Sachsen-Anhalt soll die Tat gefilmt und per Helmkamera live ins Internet übertragen haben, bevor er vom Tatort floh.

Nach der Tat tauchte ein Dokument im Internet auf, bei dem es sich nach Angaben einer Expertin um eine Erklärung des Angreifers zu handeln scheint. Das PDF-Dokument zeige Bilder von Waffen und enthalte einen Verweis auf das Live-Video, das von der Tat verbreitet worden sei, schrieb Rita Katz, Leiterin der auf die Beobachtung von Extremisten spezialisierten Site Intelligence Group, auf Twitter.

Mutmaßliches Manifest aufgetaucht

In dem Text wird laut Katz das Ziel genannt, "so viele Anti-Weiße zu töten wie möglich, vorzugsweise Juden". Das Dokument sei anscheinend am 1. Oktober angelegt worden und gebe Hinweise darauf, wie viel Planung und Vorbereitung der Täter in die Attacke gesteckt habe. Ob es tatsächlich von dem mutmaßlichen Täter stammt, ist bislang unklar. Nach ersten Prüfungen werde es von den Ermittlern aber als "authentisch" bewertet, berichtete der "Spiegel" unter Berufung auf Sicherheitskreise. Unter anderem stimmten die in dem "Manifest" abgebildeten und vom Täter offenbar teils selbst gebauten Schusswaffen mit den tatsächlich bei dem Anschlag eingesetzten Waffen überein.

Katz bezog sich auch auf ein Bekennervideo, dass der mutmaßliche Täter in sozialen Netzwerken hochgeladen haben soll. Das Video dokumentiert allem Anschein nach den Ablauf der Angriffe in Halle aus Sicht des Attentäters. Bis zum Morgen gab es aber keine Bestätigung der Behörden dafür, dass es sich bei dem Mann im Video um den Attentäter handelt. Das Video wurde nach Angaben der Streaming-Plattform Twitch von rund 2.200 Menschen angesehen, bevor es dann nach 30 Minuten gelöscht wurde. Über den vor etwa zwei Monaten erstellten Account sei zuvor nur einmal etwas veröffentlicht worden.

Ladehemmungen verhindern wohl weitere Opfer

Eine noch höhere Opferzahl wurde möglicherweise von Defekten an mindestens einer Waffe des Täters verhindert. In dem angeblichen Tatvideo ist zu sehen, wie in mindestens zwei Fällen Ladehemmungen das Leben von Menschen zu retten scheinen. Der Täter setzte eine vermutlich im Selbstbau hergestellte Langwaffe, eine Pistole und Sprengsätze ein.

Es gab mindestens zwei weitere Verletzte. Sie wurden in das Universitätsklinikum Halle gebracht. "Ein Patient hat Schussverletzungen und wird gerade operiert", sagte ein Kliniksprecher. Die "Mitteldeutsche Zeitung" aus Halle zeigte ein Foto, auf dem ein dunkel gekleideter Mann mit Helm und Stiefeln zu sehen ist, der ein Gewehr im Anschlag hat. Der MDR zeigte ein Video, auf dem womöglich derselbe Mann aus einem Auto aussteigt und mehrfach seine Waffe abfeuert.

Video soll Schützen von Halle zeigen

Auch in Landsberg, rund 15 Kilometer östlich von Halle, gab es Schüsse, bestätigte eine Polizeisprecherin in Halle. Menschen sollen auch hier Gebäude und Wohnungen nicht verlassen, hieß es. Die Zufahrt zu dem Ortsteil Wiedersdorf war abgesperrt.

Mehrere Mannschaftswagen der Polizei, darunter auch Fahrzeuge aus Sachsen, waren vor Ort. Auch zwei Krankenwagen waren zu sehen. Am Mittwochnachmittag gegen 16 Uhr landete auf einem Feld bei Wiedersdorf nach Angaben eines dpa-Reporters zudem ein Hubschrauber der Bundespolizei. Angaben zu den Hintergründen machte die Polizei nicht. Die Stadt Halle hatte einen Krisenstab einberufen.

Alle Rettungskräfte der Feuerwehr waren in Alarmbereitschaft versetzt worden. Die Polizei hatte seit den Mittagsstunden alle verfügbaren Kräfte in Sachsen-Anhalt abgezogen und sie nach Halle verlegt.

Im benachbarten Leipzig hatte die Polizei ihre Kräfte vor der Synagoge verstärkt. Auch in anderen deutschen Städten wurde der Schutz von Synagogen verstärkt. Der Bahnhof von Halle war wegen polizeilicher Ermittlungen gesperrt. Es kam zu Verspätungen. Die Bundespolizei verstärkte ihre Kontrollen an Bahnhöfen und Flughäfen in Mitteldeutschland. Das gelte auch für die Verkehrswege nach Polen und Tschechien, hieß es.

Schwere Vorwürfe gegen die Polizei

Der Präsident des Zentralrats der Juden erhob schwere Vorwürfe gegen die Polizei. "Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös", sagte Schuster. "Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt." Nur glückliche Umstände hätten ein Massaker verhindert, sagte Schuster in Würzburg. "Die Brutalität des Angriffs übersteigt alles bisher Dagewesene der vergangenen Jahre und ist für alle Juden in Deutschland ein tiefer Schock."

Nach Einschätzung von Extremismusforscher Matthias Quent wollte der Täter offenkundig eine international verbreitete, rechte Internet-Subkultur erreichen. "Er spricht Englisch, und er greift Verschwörungstheorien auf, zum Beispiel über die angeblich zerstörerische Macht des Judentums. Er äußert sich auch abwertend über Feminismus", sagte Quent der Deutschen Presse-Agentur. Das seien Motive der weltweiten populistischen und radikalen Rechten. "Das Video folgt der Ästhetik eines Videospiels, auch durch die Ego-Shooter-Perspektive", sagte Quent.

Schießerei in Halle: Politiker drücken ihr Beileid aus

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) zeigte sich entsetzt über die Tat. "Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land." Regierungssprecher Steffen Seibert sagte in Berlin, die Bundesregierung hoffe, dass der Täter oder die Täter schnell gefasst würden. Die Gedanken gingen "an die Freunde und die Familien der Todesopfer".

Der Grünen-Politiker Cem Özdemir twitterte: "Schreckliche Nachrichten aus Halle, heute am jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur. Ich bin erschüttert & traurig." Allen Verletzten und Angehörigen wünschte er viel Kraft und dankte den Einsatzkräften.

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch schrieb auf Twitter: "Am höchsten jüdischen Feiertag ein Anschlag auf jüdisches Leben in Deutschland - ekelhaft! Antisemitismus darf in unserer Gesellschaft keinen Millimeter Platz haben. AfD-Fraktionschefin Alice Weidel twitterte: "Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien. Ich hoffe, die Polizei fasst den oder die Täter schnell, ohne dass weitere Menschen zu Schaden kommen."

Aus dem Ausland kamen ebenfalls bestürzte Reaktionen. Das Europaparlament legte eine Schweigeminute für die Opfer ein. In Gedanken sei man bei Deutschland, der deutschen Polizei und bei der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, sagte Parlamentspräsident David Sassoli. Auch UN-Generalsekretär António Guterres bewerte den Vorfall als "eine weitere tragische Demonstration von Antisemitismus", teilte ein UN-Sprecher in New York mit.

Bundespräsident will Synagoge besuchen

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier will am Donnerstagmittag die Synagoge besuchen. Geplant ist auch ein Treffen mit Ministerpräsident Haseloff, wie das Bundespräsidialamt am Morgen mitteilte. Erwartet wird auch Bundesinnenminister Horst Seehofer. Er will auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, und Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) über neue Erkenntnisse informieren.

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