Ein Ministerpräsident im Sturm

Der Nockherberg bekommt durch die Flüchtlingskrise eine ernste Note


Antonia von Romatowski als Angela Merkel und Wowo Habdank als Anton Hofreiter, aufgenommen am 24.02.2016 in München (Bayern) beim Singspiel beim traditionellen "Politiker-Derblecken" auf dem Münchner Nockherberg.

Antonia von Romatowski als Angela Merkel und Wowo Habdank als Anton Hofreiter, aufgenommen am 24.02.2016 in München (Bayern) beim Singspiel beim traditionellen "Politiker-Derblecken" auf dem Münchner Nockherberg.

Im Keller von Horst Seehofer ist die Welt noch in Ordnung. Da fährt seine Modelleisenbahn durch eine Bilderbuchlandschaft und der Ministerpräsident darf sich selber loben: "Das ist mein Bayern. Das hab ich ganz allein geschaffen." Doch auch dieses Idyll ist bedroht. Denn über Seehofers Haus in Ingolstadt braut sich - wie über ganz Europa - ein gewaltiger Sturm zusammen, der alles zu vernichten droht.

+++ Lesen Sie hier: Böse wie lange nicht mehr: Spott und Moralpredigt auf dem Nockherberg +++

Der Sturm, das ist beim traditionellen Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg die Flüchtlingskrise. Mit ihrem Singspiel wollen Regisseur Markus H. Rosenmüller und Autor Thomas Lienenlüke am Mittwochabend vor allem ergründen, was die gefühlte Bedrohung in den Köpfen der Politiker bewirkt. Die Antwort: ziemliche Ratlosigkeit. Angela Merkel (Antonia von Romstowski) etwa fühlt sich von Europa verlassen, tröstet sich aber damit, dass die Geschichtsbücher auf sie warten: "Und Mütter werden ihren Kindern sagen, denk an die Angela, wir schaffen das." Sigmar Gabriel (Thomas Wenke) bittet gar um Asyl in Bayern, und zwar aus Glaubensgründen: "Ich glaube, ich bin Sozialdemokrat." Na und? "Der Rest meiner Partei glaubt es nicht."

Horst Seehofer selbst (Christoph Zrenner) fällt auch nicht mehr ein, als Markus Söder (Stephan Zinner) und Joachim Herrmann (Michael Vogtmann) sein Haus sturmfest machen zu lassen. Den Ratschlag des Münchner Oberbürgermeisters Dieter Reiter (Gerhard Wittmann), sich auf die Veränderung einzulassen, kommentiert er: "Mein Bayern verändert sich viermal im Jahr: Sommer, Frühling, Herbst und Winter. Alles andere macht mich nervös."

Doch ist das alles, was sich der CSU-Chef zum drohenden Unwetter so denkt? Mitnichten. Auf einer zweiten Bühnenebene erhält das Nockherberg-Publikum Einblick in Seehofers Gehirn. Dort verwalten zwei Hirnräte (Paul Kaiser und Maxi Schafroth), Horst Seehofer nicht unähnlich, die Gedanken und Gefühle des Ministerpräsidenten. Und damit haben sie gut zu tun. So springt plötzlich aus einem Aktenordner Karl-Theodor zu Guttenberg (Stefan Murr) heraus, neuerdings ein weltgewandter Global Player und dank eines Wochenendkurses auch Professor. Als Ratgeber Seehofers analysiert er die Wetterlage: "Yes, we have a solches Problem." Zitierung bitte nur mit Quellenangabe! Auch Ilse Aigner (Angela Ascher) kann sich aus ihrer Schublade befreien und singt tapfer gegen die politische Bedeutungslosigkeit an: "Ihr habt die Ilse vergessen, ihr Lumpenpack - genauso wie den Anstand, den ihr nie besessen habt."

Überdrehte von der Leyen

Aus der Gutmenschen-Klappe entsteigen Angela Merkel und - ebenfalls im Kanzlerinnen-Kostüm - Anton Hofreiter (Wowo Habdank). Ihnen folgt eine überdrehte Ursula von der Leyen (Nikola Norgauer), die zufällig ein paar Fotoalben mit Bildern des von ihr beherbergten Syrers dabei hat. Ob der auch einen Namen hat? "Da gehe ich ganz stark von aus", meint die Verteidigungsministerin. Und dann ist da noch das braune Huhn, das unentwegt "Wir sind das Volk" gackert. Aber das hat nur Heimweh. "Nach Sachsen-Anhalt?", fragt ein Hirnrat. "Nein, nach 1933", weiß der andere.

Singspiel mit ernster Note

Insgesamt gerät das Singspiel heuer ernster als in den vergangenen Jahren. Wie sollte es beim Thema Flüchtlinge aber auch anders sein. Parteipolitisches Taktieren und persönliche Machtgelüste bekommen da einen besonders faden Beigeschmack. Für die nötige Erdung sorgt aber auch die Musik von Gerd Baumann und Sebastian Horn, in der es schön-schaurig gewittert. Und geradezu poetisch wird es am Schluss, wenn ein "mit reinster Seele" dargebotener Tanz "zu einer rettenden Eintracht" der Politiker führt. Wie diese Eintracht aussieht, das bleibt freilich auch bei Rosenmüller und Lienenlüke ein Geheimnis.

Auch Kabarettistin Luise Kinseher schlägt zu Beginn des Abends immer wieder ernste Töne an. "Es ist schwer, eine Obergrenze für Menschen festzusetzen, wenn es fürs Leid keine gibt", mahnt sie als Mama Bavaria in ihrer Fastenpredigt. Auch sie wisse nicht, was in der Flüchtlingskrise noch alles auf Deutschland zukomme. Sicher sei sie sich aber: "Irgendwann werden alle erkennen, dass wir es nur miteinander schaffen können, und mit Menschenliebe und Humor." Humor sei es nämlich, "was uns grundlegend von Extremisten und Fanatikern unterscheidet".

Spott und Hohn

Sauber derbleckt werden die vielfach persönlich anwesenden Politiker aber natürlich auch. So sorgt sich die Mama etwa um ihren Hubsi, gemeinhin bekannt als Hubert Aiwanger, dessen Freie Wähler in den Umfragen nur noch verlieren: "Was soll jetzt bloß aus dir werden? Für die AfD bist du zu blass und für die CSU zu bleich." Nicht viel besser geht es da offenbar Ilse Aigner, die sich "von der weiß-blauen Rose der CSU zur Kellerprimel vom Horst" wandelte. Und dabei müsse sie sogar noch aufpassen, dass die Fensterbank nicht "mit dieser fleischfressenden Schlingpflanze" zuwächst. Markus Söder in der ersten Reihe grinst bereits. Er weiß, dass er gemeint ist.

Seehofer: "Passt schon"

Unerwartetes Lob bekommt Markus Rinderspacher, der kürzlich meinte, in der Flüchtlingskrise habe die Stunde der SPD geschlagen. "Diese Bescheidenheit!", freut sich Mama Bavaria. "Früher ist die SPD für vier Jahre angetreten, jetzt reicht scho a Stund!" Der Margarete Bause ist die Mutter hingegen beleidigt, weil diese nach Berlin wechseln will: "Arm, aber sexy - das kannst du als Grüne in Bayern auch haben!" Und was hält Mama Bavaria von Seehofers Reise nach Moskau? "Da sieht man, was man als Fremder in der Fremde alles erreichen kann, mit einem bisserl Integrationswillen - na gut, eigentlich war's Unterwerfung, aber auf Augenhöhe!" Ob ihn diese Kritik trifft, lässt der Ministerpräsident anschließend nicht erkennen. Während er das Singspiel allerdings als "sehr stark" lobt, meint er zur Fastenpredigt nur: "Passt schon."

Die Schauspielerin Luise Kinseher als Bavaria bei der Fastenpredigt, aufgenommen am 24.02.2016 in München (Bayern) beim traditionellen "Politiker-Derblecken" auf dem Münchner Nockherberg.

Die Schauspielerin Luise Kinseher als Bavaria bei der Fastenpredigt, aufgenommen am 24.02.2016 in München (Bayern) beim traditionellen "Politiker-Derblecken" auf dem Münchner Nockherberg.