Zu teuer, zu unwichtig?

Konzerthaus im Münchner Werksviertel: Gegenwind aus dem Landtag


Eine "banale Bürofassade" oder das entscheidende Kriterium? Die transparente Außenhaut des geplanten Konzertsaals im Werksviertel in Entwurf der Bregenzer Architekten Cukrowicz Nachbaur, wie es nach dem Wettbewerb vorgestellt wurde.

Eine "banale Bürofassade" oder das entscheidende Kriterium? Die transparente Außenhaut des geplanten Konzertsaals im Werksviertel in Entwurf der Bregenzer Architekten Cukrowicz Nachbaur, wie es nach dem Wettbewerb vorgestellt wurde.

Von Robert Braunmüller / TV/Medien

Der Kulturausschuss im Landtag debattiert über das geplante Konzerthaus im Werksviertel

Er habe den Eindruck, dass mit dem Wechsel von Horst Seehofer auf Markus Söder die Euphorie für das Konzerthaus im Werksviertel verflogen sei, sagte der ehemalige Kunstminister und gegenwärtige Landtagsvizepräsident und FDP-Abgeordnete Wolfgang Heubisch am Mittwoch im Landtag. Im Senatssaal tagte der Ausschuss für Wissenschaft und Kunst, um (unter anderem) eine gute Stunde einen Bericht der Staatsregierung zum Stand der Dinge entgegenzunehmen, den die Grünen und die SPD eingefordert hatten.

Parteiübergreifend fühlen sich die Abgeordneten über das Projekt durch die Ministerien für Bau und Kunst vergleichsweise mäßig informiert. Die Regierungspartei macht da keine Ausnahme. Wolfgang Bausback (CSU) wünscht sich eine "Einordnung des Projekts unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen", wie er etwas verklausuliert erklärte. Das heißt: Ihm wird es erstens zu teuer, und zweitens denkt er, dass es im Bereich Wissenschaft und Kunst angesichts des Lochs, das die Coronakrise in die Staatskasse reißt, womöglich demnächst andere Prioritäten gebe.

Die teure Orgel

Die anderen Abgeordneten sprachen das weniger hart, aber nicht minder deutlich aus. Sebastian Körber (FDP) staunte "als Franke" darüber, wie locker in München Geld ausgegeben wird. Sanne Kurz (Grüne) und Volkmar Halbleib (SPD) fragten, warum die Orgel 2,5 bis vier Millionen kosten solle, obwohl das Instrument in der Elbphilharmonie mit 69 Registern nur zwei Millionen gekostet habe, ohne dass bisher jemand über die Qualität klage. Halbleib erinnerte außerdem angesichts der staatlichen Ausgabefreudigkeit bei diesem Projekt daran, dass die Orgel der Musikhochschule Würzburg noch immer nicht komplett sei, weil eine halbe Million Euro fehle. Ein Vertreter des Kunstministeriums erklärte dazu etwas wolkig, dass das Instrument des geplanten Konzertsaals den Anforderungen zeitgenössischer Musik genügen müsse.

Aber die Orgel war nur ein Nebenschauplatz. Anlass der Anfrage der Opposition war der Vorschlag von Ministerpräsident Markus Söder bei der CSU-Klausur Anfang Januar, man möge angesichts steigender Kosten doch mehr auf den Baustoff Holz setzen. Das sei - so nun die staatliche Bauverwaltung - in Inneren sinnvoll, beim Tragwerk des Gebäudes aber allenfalls experimentell und mit höheren Kosten verbunden. Zu den offenbar gestiegenen Kosten wagte auch auf wiederholte Nachfrage niemand eine Schätzung: Das sei in der Phase der Vorplanung nicht seriös. Bisher seien dafür und für den Wettbewerb 7,7 Millionen ausgegeben worden.

Wie viel der Staat monatlich an Werner Eckart für das Erbbaurecht zahlen würde, bleibt ein Geheimnis. Wegen der teilweisen Nutzung des Geländes durch das Riesenrad sei der Betrag allerdings reduziert, sagte der Vertreter des Ministeriums, was bei Wolfgang Heubisch für deutliche Erheiterung sorgte.

Konzerthaus: Größer heißt teurer

Dass im Wettbewerb erst die Architekten Andreas Cukrowicz und Anton Nachbaur bestimmt wurden und erst danach in einem zweiten Schritt der Akustiker Tateo Nakajima gewonnen wurde, führt naturgemäß zu Veränderungen der Gebäudekubatur. Weil Nakajima mit Echokammern plant, braucht der große Saal mehr Platz. Derzeit werde darüber nachgedacht, den Kammermusiksaal oder die Werkstattbühne zu verkleinern und den großen Saal akustisch so zu optimieren, dass dort Kammerkonzerte möglich seien.

Einblicke in die Abgründe von Jury-Entscheidungen bei Architekturwettbewerben gewährte eine längere Debatte über das Äußere des Gebäudes. Der Vertreter des Bauministeriums sprach von einer "banalen Bürofassade", Robert Brannekämper (CSU) von einer Verlegenheitslösung. Der Ausschussvorsitzende erklärte, man habe sich vor allem wegen des überzeugenden Raumkonzepts für das Projekt von Cukrowicz und Nachbaur entschieden. Heubisch erinnert sich anders: Gerade die Transparenz der Gebäude und der Fassade habe die Jury überzeugt.

Noch vor der Sommerpause des Landtags soll die Vorplanung abgeschlossen sein. Die Debatte im Ausschuss zeigte, dass sich das Konzerthausprojekt derzeit in einer schwierigen Phase befindet. Es ist eine große Wundertüte, in die man allerlei Ideen zur musikalischen und kulturellen Bildung hineingestopft hat, um nur ja nicht den Eindruck zu erwecken, es gehe darum, dem Bildungsbürgertum die gute alte Symphonik des vorvorigen Jahrhunderts in verbesserter Akustik vorzuführen.

Viele offene Fragen

Neuerdings ist sogar von "Digitalität" und "Sound-Art" die Rede, aber eine wirkliche Vision gibt es nicht. Bezeichnenderweise gibt es kein breites öffentliches Bekenntnis zum Konzerthaus, das den Bürgerbewegungen beim Bau der Pinakothek der Moderne oder der Wiederherstellung des Prinzregententheaters auch nur in Ansätzen vergleichbar wäre, auch wenn interessierte Kreise seit Jahren behaupten, die Mäzene warteten nur auf ein politisches Signal.

Im Winter hat das Projekt auch seinen Kopf verloren: Mariss Jansons, der als Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters zehn Jahre für den Neubau geworben hat, ist verstorben. Ein Aus für das Projekt könnte die Suche bei einem Nachfolger erschweren. Es scheint angesichts der geschlossenen Verträge auch nicht wirklich wahrscheinlich.

Andererseits wird es angesichts der finanziellen Lasten und drohenden Streichungen im Kulturbereich nach der Coronakrise schwierig werden, dem Steuerzahler zu erklären, wieso der Staat einen Konzertsaal im Werksviertel baut und die Stadt an der Hans-Preissinger-Straße eine auch nicht ganz billige Interims-Philharmonie für mindestens 100 Millionen hinstellt.

Da sollten sich die Fans des Werksviertel-Projekts ganz schnell ein paar Argumente einfallen lassen, ehe es zu spät ist. Und eins hat die Ausschusssitzung auch wieder deutlich gemacht: Das Misstrauen nicht-oberbayerischer Abgeordneter gegenüber Luxus- und Leuchtturmprojekten in München ist zwar nicht völlig unüberwindbar, aber eine ziemliche Herausforderung.