Kultur

Einfach verrückt

73. Berlinale zu Ende: Die Preisträger der Bärengala sind die falschen - zumindest sehr merkwürdig


Nicolas Philibert tanzt mit seinem Goldenen Bären auf dem Roten Teppich der Berlinale

Nicolas Philibert tanzt mit seinem Goldenen Bären auf dem Roten Teppich der Berlinale

Von Margret Köhler

Sind Sie verrückt, oder was?" entfuhr es Nicolas Philibert, als ihm Jury-Präsidentin Kristen Stewart den "Goldenen Bären" überreichte. Denn mit dieser Entscheidung hatte niemand gerechnet. In seiner Rede bedankte sich der Franzose bei der Gründerin der auf der Seine schwimmenden Tagesklinik für Menschen mit psychischen Problemen. Die Klinik war sechs Monate Drehort für seinen Film "Sur l'Adamant", in dem Betreuer und Betreute sich als gleichwertig begegnen.

Philibert macht keine schlechten Filme, aber dieser erinnert an eine solide TV-Doku und entwickelt nicht die Kraft seines mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichneten "Sein und Haben" über den Lehrer in einer Dorfschule.

Vielleicht konnte sich die Jury nicht auf einen fiktionalen Film einigen. Denn so ganz harmonisch muss es nicht zugegangen sein. Hongkong-Regisseur Johnnie To hielt auf dem Roten Teppich jedenfalls sichtbar Distanz zu seinen Jury-Kollegen und nach seinem grimmigen Gesichtsausdruck auf der Bühne zu schließen, schien er nicht "amused" über die Wahl.


120 Minuten Standing Ovation habe es insgesamt auf der Berlinale gegeben jubelte Moderatorin Hadnet Tesfai vor Beginn der Preisverleihung. Bei den meisten der prämierten Werken war das nicht der Fall. Ist es ein Phänomen oder Fluch, dass unabhängig von der jeweiligen Jury, "Goldene Bären" oft an der Kasse floppen? So brachte es Adina Pintilies "Touch me not", ein Mix aus Doku und Experimentellem 2018 auf 5429 Zuschauer, Nadav Lapids "Synonymes" über einen Israeli auf Identitätssuche in Paris 2019 auf schlappe 22 511 Zuschauer. Dass kunstvolle und attraktive Publikumsfilme wie Celine Songs eleganter und bittersüßer etwas andere Liebesfilm "Past Lives" oder das Anime-Zauberwerk "Suzume" des Japaners Makoto Shinkai einfach übergangen wurden, gibt zu Denken.


So wie schon der gesamte Wettbewerb mit seinen Altmeistern nicht überzeugte, überzeugten jetzt auch die meisten Preise nicht. Das von Jurypräsidentin Kristen Stewart angekündigte "schludrige, nicht perfekte, wagemutige" blieb außen vor.

So stieß auch der "Silberne Bär der Jury" für den Portugiesen João Canijo auf Verwunderung. "Mal Viver" handelt von einer dysfunktionalen Familie. Die Gefühle von drei Generationen von Frauen prallen in einem Hotel aufeinander. Formal streng inszeniert, entwickelt das Drama seine Stärke erst im letzten Drittel - zu spät.

Und Philipp Garrels "Le Grand Chariot" über eine Familie von Puppenspielern, ausgezeichnet für die Beste Regie, könnte zumindest Nostalgiker anziehen.

Die Schauspielpreise sind Statements gegen Diskriminierung und für Akzeptanz und gingen an Darstellerinnen mit Transgender-Themen: für die beste Hauptrolle an die erst neunjährige Sofía Otero, die in "20 000 especies de abejas" einen Jungen spielt, der sich als Mädchen fühlt. Ob es sinnvoll ist, einem Kind den größten Schauspielpreis zu verleihen, auch wenn die Kleine sich rührend unter Tränen bedankte beim "besten Vater der Welt" und der geliebten Mutter? Über den Preis für die beste Nebenrolle freute sich die österreichische Transfrau Thea Ehre aus Christoph Hochhäuslers "Bis ans Ende der Nacht".

Nichts zu meckern gibt es an den "Silbernen Bären" für eine herausragende künstlerische Leistung an Kamerafrau Hélène Louvart. Ihr magischen Bilder in "Disco Boy" ob beim Drill in der Fremdenlegion, bei Kämpfen in Afrika als Infrarotbilder durch ein Nachtsichtgerät oder beim Tanzen im Glitzerlicht der Disco sind außergewöhnlich.


Bei fünf deutschen Filmen im Wettbewerb war Lob überfällig. Aber der Drehbuch-Preis für Angela Schanelec und ihrer elliptischen Neuinterpretation des Ödipus-Mythos in "Music" sorgt für Kopfschütteln. Christian Petzold hätte man für sein bei der Premiere gefeiertes Meisterwerk "Roter Sommer" mit einem tollen Ensemble den "Goldenen Bären" gegönnt, aber der "Große Preis der Jury" geht auch in Ordnung. Der 62-jährige Regisseur verknüpft das Schicksal von vier jungen Leuten in einem Ferienhaus an der Ostsee, inszeniert perfekt und subtil die persönlichen Spannungen, Schaffenskrise und Liebessehnsucht vor dem Hintergrund einer Naturkatastrophe, dem alles verschlingenden Waldfeuer. Einer der zugänglichsten Petzoldfilme, dem man die Daumen für den Kinostart hält.

Zufrieden zeigte sich Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Kaum war der letzte Bär vergeben ließ sie aus ihrem Haus verlauten: "Die Preisträgerinnen und Preisträger stehen für eine Filmkunst des Menschseins und der Menschlichkeit, für eine Filmkunst der Herzen und der Hoffnung auf Freiheit und Selbstbestimmung". Ob diese schwurbelige Botschaft beim Kinopublikum ankommt?