UN-Vermittler mahnt Bis zu 130 Tote nach Luftangriff im Jemen

In den Trümmern eines Gefangenenlagers wird nach verschütteten Leichen gesucht. Nach Angaben der Huthi-Rebellen wurden bei einem Luftangriff im Jemen mindestens 130 Menschen getötet. Foto: Hani Mohammed/AP/dpa

Die von Saudi-Arabien angeführte Koalition fliegt im Bürgerkriegsland Jemen regelmäßig Angriffe. Dabei sterben immer wieder Zivilisten. Diesmal könnte es besonders viele Opfer gegeben haben.

Sanaa - Bei dem Luftangriff auf ein als Gefängnis genutztes Gebäude im kriegszerrütteten Jemen sind möglicherweise bis zu 130 Gefangene getötet worden - und damit weit mehr als angenommen.

In dem Gebäude in Dhamar im Südwesten des Landes seien etwa 170 Menschen festgehalten worden, teilte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) mit. 40 von ihnen seien bei dem Angriff am Wochenende verletzt worden, die übrigen 130 vermutlich tot. Eine offizielle Bestätigung für diese Zahl gab es zunächst nicht.

UN-Sondervermittler Martin Griffiths rief die Kriegsparteien nach dem Angriff auf, sich wieder dem politischen Prozess zu verpflichten. Der Krieg müsse beendet und die humanitäre Not gelindert werden, sagte Griffiths am Montag nach einem Treffen mit Schwedens Außenministerin Margot Wallström in der jordanischen Hauptstadt Amman.

Unter Vermittlung des UN-Gesandten war im vergangenen Jahr bei Verhandlungen in Schweden eine Waffenruhe für die umkämpfte Hafenstadt Hudaida sowie ein Truppenabzug vereinbart worden. Allerdings wurde die Einigung bisher nicht vollständig umgesetzt.

In dem bitterarmen Land tobt seit rund fünf Jahren ein Bürgerkrieg. Die Huthi-Rebellen hatten 2014 große Teile des Jemens eingenommen, darunter die Hauptstadt Sanaa. Eine von Saudi-Arabien angeführte Militärkoalition unterstützt in dem Konflikt die international anerkannte Regierung. Das Bündnis fliegt seit März 2015 Luftangriffe, bei denen immer wieder auch viele Zivilisten ums Leben kommen. Saudi-Arabien sieht hinter den Huthis seinen Erzrivalen Iran.

Durch den jahrelangen Bürgerkrieg ist die humanitäre Lage in dem Land dramatisch. Die UN sprechen von der größten humanitären Krise weltweit. Mehr als 24 Millionen Menschen brauchen Hilfe, um überleben zu können, rund sieben Millionen sind unterernährt.

Nach der Bombardierung in Dhmar hatten die Rebellen zunächst mindestens 60 Tote gemeldet. Die von Saudi-Arabien angeführte Koalition bestätigte einen Angriff auf den Ort. Er habe ein Lager für Drohnen und Raketen getroffen, hieß es in einer Mitteilung. Der Angriff sei in Einklang mit internationalem Recht erfolgt. Die Huthis greifen Saudi-Arabien immer wieder mit Drohnen und Raketen an.

Augenzeugen berichteten, Kampfflugzeuge hätten etwa acht Angriffe auf das Gebäude geflogen. Ein Sprecher des Gefangenenkomitees der Huthis sagte, der saudischen Koalition sei bekannt gewesen, dass in dem Gebäude Gefangene festgehalten wurden. Das ICRC erinnerte nach dem Angriff vom Sonntag eindringlich daran, dass nach Kriegsregeln nur militärische Personen und Einrichtungen Angriffsziele sein dürfen.

Die auf investigative Recherchen spezialisierte Seite Bellingcat kommt nach der Auswertung von insgesamt 20 Luftangriffen der Koalition zu dem Ergebnis, dass bei vielen keine militärischen Ziele identifiziert werden konnten und deswegen ihre Rechtmäßigkeit in Frage stehe. In einigen Fällen sei das ungeheuerliche Leid von Zivilisten offenbar völlig vorhersehbar gewesen. Bellingcat stützt sich bei seiner Recherche auf Fotos, Videos und anderes Material im Internet.

 

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