Deutsche unter den Opfern Islamischer Staat bekennt sich zu Anschlag von Wien

, aktualisiert am 03.11.2020 - 19:38 Uhr
Ermittler nehmen nach den Schüssen in der Innenstadt den Tatort in Augenschein. Bei einem Terrorangriff in der Wiener Innenstadt sind am Abend mehrere Menschen getötet und verletzt worden. Foto: Ronald Zak/AP/dpa
Ermittler nehmen nach den Schüssen in der Innenstadt den Tatort in Augenschein. Bei einem Terrorangriff in der Wiener Innenstadt sind am Abend mehrere Menschen getötet und verletzt worden. Foto: Ronald Zak/AP/dpa

Von islamistischen Anschlägen, die Frankreich, Deutschland und andere europäische Länder immer wieder erschüttern, ist Österreich lange verschont geblieben. Das ist nun vorbei: Ein junger IS-Sympathisant schießt in Wien um sich. Unter den Opfern ist auch eine Deutsche. Der sogenannte Islamische Staat (IS) hat sich mittlerweile zur Tat bekannt.

Am Dienstagabend erklärte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich für den Anschlag von Wien. Ein "Soldat des Kalifats" habe die Attacke mit Schusswaffen und einem Messer verübt und in der österreichischen Hauptstadt am Montag rund 30 Menschen getötet oder verletzt, darunter auch Polizisten, teilte der IS am Dienstag auf seiner Plattform "Naschir News" mit.

Vier Todesopfer sind bisher zu beklagen. "Wir haben jetzt die traurige Gewissheit, dass auch eine deutsche Staatsangehörige unter den Opfern des Angriffs in Wien ist", teilte Außenminister Heiko Maas am Dienstag in Berlin mit. Er sprach den Angehörigen und Freunden sein Beileid aus. «Mit den Menschen in Wien und ganz Österreich verbindet uns die Trauer um die Opfer, aber auch die Entschlossenheit, Fanatismus und Terror mit aller Kraft entgegenzutreten», sagte Maas. «Wir müssen den Tätern jetzt klar zeigen: ihr werdet euer Ziel, die Spaltung unserer Gesellschaft, niemals erreichen.»

Nach dem islamistischen Terroranschlag bleibt die Sicherheitslage in der österreichischen Hauptstadt weiter angespannt. Man befinde sich in einer «sensiblen Phase», in der sicherzustellen sei, dass es nicht zu Nachahmungstaten komme, sagte Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) am Dienstag in Wien. Der Attentäter, nach Behördenangaben ein 20 Jahre alter Sympathisant der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wurde von der Polizei erschossen. Nach dem Blutbad wurden 14 Menschen aus seinem Umfeld vorläufig festgenommen und 18 Wohnungen durchsucht.

Die Tat ereignete sich am Montagabend in der Nähe der jüdischen Hauptsynagoge in der Wiener Innenstadt. Der Attentäter eröffnete nach Angaben Nehammers um 20 Uhr das Feuer. Neun Minuten später habe eine Spezialeinheit ihn ausgeschaltet - der Attentäter wurde durch Schüsse der Polizei getötet. Er habe zu diesem Zeitpunkt noch viel Munition bei sich getragen, erklärten die Behörden.

Am Dienstagnachmittag gingen die Behörden von einem einzigen Attentäter aus, wollten aber noch nicht endgültig ausschließen, dass weitere Terroristen an dem Anschlag unmittelbar beteiligt gewesen sein könnten, da noch umfangreiches Bildmaterial ausgewertet werde.

Der Täter, der 20-jährige Kujtim Fejzulai, zog mit einem Sturmgewehr, einer Pistole und einer Machete sowie einer Sprengstoffgürtel-Attrappe in den letzten Stunden vor dem Corona-Lockdown durch ein Ausgehviertel nahe der Synagoge. Getötet wurden nach Angaben von Kanzler Sebastian Kurz ein älterer Mann, eine ältere Frau, ein junger Passant und eine Kellnerin.

Für die Behörden war der österreichisch-nordmazedonische Doppelstaatler Fejzulai kein Unbekannter. Er hatte nach Angaben von Innenminister Nehammer versucht, nach Syrien ausreisen, um sich dort dem IS anzuschließen. Er wurde daran gehindert und am 25. April 2019 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt. Er wurde jedoch Anfang Dezember vorzeitig entlassen.

Der spätere Attentäter habe es geschafft, die Justizbehörden vor der Entlassung von seiner Deradikalisierung zu überzeugen, sagte Nehammer. Er habe das entsprechende Programm «brutal, perfide ausgetrickst», so der Minister. «Es kam zu einer vorzeitigen Entlassung eines Radikalisierten.» Auch danach habe er sich geläutert gebeben: «Er hat sich besonders bemüht, auch bei der Bewährungshilfe.» Die Frage, ob der Mann nach seiner Entlassung von den Verfassungsschutzbehörden beobachtet wurde, beantwortete der Minister nicht klar. Er habe sich aber frei bewegen können.

Nehammer kündigte eine Überprüfung des Systems zum Umgang mit radikalisierten Häftlingen an. Zudem wolle das Justizministerium stärker auf Einschätzungen der Verfassungsschutzbehörden zurückgreifen, wenn es um mögliche Entlassungen von Extremisten gehe.

Kanzler Kurz warnte in einer Fernsehansprache vor einer Spaltung der Gesellschaft. «Es muss uns stets bewusst sein, dass dies keine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten ist.» Es sei ein Kampf zwischen den vielen Menschen, die an den Frieden glaubten, und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschten. Religion und Herkunft dürften nie Hass begründen. «Wir werden die Opfer des gestrigen Abends niemals vergessen und gemeinsam unsere Grundwerte verteidigen.»

Österreich ehrt die Opfer des Terrorakts vom Montagabend mit einer dreitägigen Staatstrauer, wie der Sonder-Ministerrat am Dienstag in Wien beschloss. Die Staatstrauer gilt bis einschließlich Donnerstag. Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen sieht trotz der Terror-Attacke die liberale Demokratie nicht gefährdet. «Hass kann niemals so stark sein wie unsere Gemeinschaft in Freiheit, in Demokratie, in Toleranz und in Liebe», sagte das Staatsoberhaupt.

Der Terrorangriff ereignete sich wenige Stunden vor Beginn des teilweisen Lockdowns in Österreich. Viele Menschen nutzten bei milden Temperaturen die Chance, noch einmal auszugehen, bevor die Lokale um Mitternacht im Kampf gegen die Corona-Pandemie schlossen. Nach Augenzeugenberichten feuerte der Täter am Abend wahllos in die Lokale. Ein Mann brach tödlich getroffen auf einem Bürgersteig zusammen. Passanten rannten in Panik davon. Einige hoben die Hände, um der Polizei zu zeigen, dass sie unbewaffnet sind.

Der Polizei zufolge gab es sechs verschiedene Tatorte. Einer davon liegt direkt neben der Synagoge. Der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, schrieb auf Twitter, es könne nicht gesagt werden, ob sie eines der Ziele war. «Fest steht allerdings, dass sowohl die Synagoge (...) als auch das Bürogebäude an derselben Adresse zum Zeitpunkt der ersten Schüsse nicht mehr in Betrieb und geschlossen waren.»

Spitzenpolitiker in aller Welt zeigten sich betroffen. «Wir Deutsche stehen in Anteilnahme und Solidarität an der Seite unserer österreichischen Freunde. Der islamistische Terror ist unser gemeinsamer Feind. Der Kampf gegen diese Mörder und ihre Anstifter ist unser gemeinsamer Kampf», ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel über Twitter mitteilen.

«Nach einem weiteren abscheulichen Terrorakt in Europa sind unsere Gebete bei den Menschen in Wien», schrieb US-Präsident Donald Trump am späten Montagabend (Ortszeit) auf Twitter. Die USA stünden an der Seite Österreichs, Frankreichs und ganz Europas im Kampf gegen Terroristen, einschließlich radikal-islamische Terroristen.

Sein demokratischer Herausforderer Joe Biden twitterte, er und seine Frau Jill beteten nach dem schrecklichen Terrorangriff in Wien für die Opfer und deren Familien. «Wir müssen alle vereint gegen Hass und Gewalt eintreten», ergänzte er. In den USA fand am Dienstag die Präsidentschaftswahl statt.

Der russische Präsident Wladimir Putin verurteilte den Terroranschlag als «brutales und zynisches Verbrechen». Israels Staats- und Regierungsspitze verurteilte die Attacke ebenso wie die Türkei. «Wir sind traurig über die Nachricht, dass es infolge des Terroranschlags in Wien Tote und Verwundete gibt», teilte das Außenministerium in Ankara mit.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb auf Deutsch auf Twitter: «Nach Frankreich ist es ein befreundetes Land, das angegriffen wird. Dies ist unser Europa. Unsere Feinde müssen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Wir werden nichts nachgeben.» In Frankreich hatte es in den vergangenen Wochen drei Anschläge gegeben, die Ermittler gehen jeweils von einem islamistischen Hintergrund aus.

Bereits am Dienstagnachmittag nahm die Polizei in der Schweiz nach eigenen Angaben zwei Männer fest, die möglicherweise mit dem Attentäter von Wien in Verbindung stehen. Der 18- und der 24-Jährige aus Winterthur gerieten laut Kantonspolizei Zürich in den Fokus, als die Polizei mögliche Verbindungen der Taten in Wien in die Schweiz prüfte. Nach Abstimmung mit den österreichischen Behörden nahm eine Spezialeinheit die beiden Männer in Winterthur fest. Inwiefern es eine Verbindung zwischen den Festgenommenen und dem Attentäter gebe, sei Gegenstand der laufenden Abklärungen und Ermittlungen, teilte die Kantonspolizei weiter mit.

 

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