Sport in der Region Beim Oyama Karate „gehören blaue Flecken dazu“

Beim Oyama Karate in Bad Kötzting findet regelmäßig ein Mix-Training mit Kindern und Erwachsenen statt. Foto: Bastian Häns

Im Rahmen unserer Serie „Sport in der Region“ waren wir dieses Mal beim Oyama Karate in Bad Kötzting zu Gast. Die beiden Trainer Marco Wittmann und Thomas Stahl erklären unter anderem, in welchen Aspekten sich dieser härtere Karate-Stil von dem in Deutschland weiter verbreiteten Non-Kontakt-Stil unterscheidet.

Völlige Stille herrscht im Saal, als die Oyama-Karate-Stunde beginnt. Alle Kämpfer haben die Augen geschlossen. Auf einmal ertönt ein lauter Schlag. Trainer Marco Wittmann schlägt auf eine Trommel. „Damit beginnen wir jede Übungsstunde“, erklärt er später.

Oyama Karate ist benannt nach dem Gründer Masutatsu Oyama und ist weltweit die wohl am weitesten verbreitete Stilrichtung des Karates und ist ein Voll-Kontakt-Sport. In Deutschland jedoch nicht - hier wird vor allem der Non-Kontakt-Stil gelehrt. Dieser Stil wird bei Kindern jedoch noch anders praktiziert „Bei Kindern gibt es ein Voll-Kontakt-Verbot. Sie sollen sich erst kämpferisch entwickeln“, erklärt Wittmann. Dennoch sei das perfekte Einstiegsalter für die Sportart ab sechs oder sieben Jahren. „Alles, was darunter anfängt, ist schlichtweg nur Kinderbeschäftigung“, sagt Wittmann.

Einleitung durch Trommelschlag

Die Übungsstunden laufen immer nach demselben Muster ab: In der Anfangszeremonie, wenn die Trommel geschlagen wird, geht es darum, Respekt zu zeigen. Die Kämpfer verbeugen sich und geben einander das Zeichen: „Jetzt geht’s los“. Danach wärmt sich die Gruppe auf und dehnt sich, ehe es in den „Technik-Block“, wie es die beiden Trainer nennen, geht. „Die Kämpfer werden in dieser Phase im Kämpfen fortgebildet. Vor allem passen wir hier auf ihre Technik auf“, erklären die Trainer.

Der vierte Trainingspunkt sind Partnerübungen. Neben den Ratschlägen der Trainer bekommen die Kämpfer auch von ihren Gegenüber Tipps, was besser gemacht werden könnte. Die zwei letzten Aspekte eines Trainings sind der Kampf-Block und der Gymnastik-Teil. Bei ersterem wird mit Schutz-Ausrüstung gegen leichtere oder schwerere Gegner gekämpft, um die Schüler perfekt auf die Wettkämpfe vorzubereiten. Im Gymnastik-Teil geht es vor allem um Stabilisations- oder Kraftübungen. Am Ende eines jeden Trainings bedanken sich die Kämpfer für die Übungen in der Abschiedszeremonie. Wieder ertönt der laute, dumpfe Schlag, der das Training einläutet und beendet.

Am Freitag findet das monatliche Mix-Training statt. Kinder trainieren mit Erwachsenen, Anfänger mit Fortgeschrittenen. So kann es auch sein, dass ein kleines Mädchen mit, beziehungsweise gegen einen ausgewachsenen Mann kämpft. Wie oft man ins Training kommen will, hängt von der eigenen Motivation und den Zielen ab.

Mit kleineren Verletzungen rechnen

Will man bei einem Wettkampf teilnehmen, dauert es einige Zeit. „Es macht erst Sinn, wenn die Anfänger auch durchtrainiert sind“, so Stahl. Grundsätzlich muss man bei der Sportart jedoch auch mit Rückschlägen oder kleineren Verletzungen rechnen. „Blaue Flecken gehören einfach dazu“, sagt Wittmann, fügt aber hinzu: „Beim Non-Kontakt-Karate passiert aber mehr, weil die Kämpfer da einfach viel unkontrollierter zuschlagen.“ Man gehe in der Oyama-Stilrichtung davon aus, einen Schlag zu kassieren. Wichtig ist dabei vor allem, auch Schläge und Niederlagen wegstecken zu können: „Man kämpft und will den Gegner schlagen, auf der anderen Seite muss man aber auch das Echo ertragen, wenn es nicht so gut läuft“, so Stahl.

Bei einem Kampf muss ein erwachsener Kämpfer insgesamt einen Punkt erreichen. Dies passiert entweder durch einen K.O., hier muss der Gegner für drei Sekunden nicht kampffähig sein, oder durch zwei halbe Punkte. Diese bekommt man, wenn man eine deutliche Schmerzreaktion auf einen Schlag oder Tritt beim Gegenüber merkt. Bei Master-Kämpfen sind die Akteure nur mit einem Tief- und einem Zahnschutz ausgestattet, schlagen also mit der nackten Faust und dem Schienbein zu. „Das hört sich brutal an. Wenn man mit der nötigen Ernsthaftigkeit rangeht, ist es aber nicht gefährlich“, stellt Wittmann klar.

Bewertet wird der Kampf von vier Seiten-Kampfrichtern und einem Haupt-Kampfrichter. Ein Kampf dauert insgesamt drei Minuten, erreicht keiner der Kämpfer in dieser Zeit den Punkt, wird nach dem Ermessen der Richter entschieden.

Anfänger deutlich besser geschützt

Bei Anfängern gibt es zunächst etwas Zeit, in den Kampf reinzukommen. Der Unterschied besteht vor allem darin, dass die Kämpfer deutlich mehr Schutzausrüstung anhaben: Sie tragen Schienbeinschoner, eine Kampfweste, Handschützer und einen Helm. „Die Beginner sind richtig gut gepolstert. Da kann fast nichts passieren“, sagt Wittmann.

„Man muss sich einfach verbessern wollen“, sagt Wittmann. Man dürfe sich nicht erschrecken, wenn man einen Rückschlag hinnehmen muss, sondern müsse daraus lernen und stärker werden. „Im Karate kann man sich immer wieder verbessern, unabhängig davon, ob man Anfänger, oder schon seit Jahrzehnten dabei ist. Man muss einfach dranbleiben“, erklärt der Trainer. Weltweit ist der sogenannte achte Dan der höchste Grad, den man erlangen kann. Der Kämpfer erhält dabei den schwarzen Gürtel, dieser ist aber erst ab 18 Jahren möglich. Der Gründer hat als einziger den zehnten Dan, der aber für keinen anderen Kämpfer erreichbar ist.

„Für mich ist das Karate eigentlich kein Sport, sondern eine Lebenseinstellung. Es hat mir auch für mein Leben sehr viel gebracht“, erzählt Stahl. Noch dazu werde man dadurch sehr schnell fit, denn man trainiere den gesamten Körper. Bei der Sportart gehe es nicht darum, wer am besten zuschlagen könne, sondern vor allem auf das Auftreten und die Ausführung. „Prügeln wird bei uns nicht gefördert. Wir wollen sauberes Kämpfen und Respekt dem Gegner gegenüber sehen“, sagt Stahl. Zum Beispiel werde nach jedem Kampf auf japanisch gesagt: „Danke, dass ich mit dir trainieren und von dir lernen durfte." Die Kämpfer entwickeln im Laufe der Zeit ein Gefühl der Dankbarkeit an den Gegner. Bei einem Fehler oder einer Niederlage ärgert man sich viel mehr über sich selbst, als über seinen Gegenüber.

Die Film-Helden als Vorbild

Viele Kinder werden von ihren Eltern ins Karate geschickt, weil sie wollen, dass ihr Sohn oder ihre Tochter lernt, sich zu verteidigen, oder einfach einen Sport macht. Ein weiterer Grund, mit dem Karate anzufangen, sind die etlichen Kampfsport-Filme, in denen Kämpfer Bretter zerschlagen, als wäre es ein Stück Papier. „Die Kinder oder Anfänger wollen das dann auch lernen und kommen zu uns“, sagt Wittmann und fügt hinzu: „Bis man die Techniken der Film-Helden jedoch kann, vergehen Jahrzehnte.“

Den sogenannten Bruchtest führen die Erwachsenen auch in diesem Training vor. Es herrscht völlige Stille, der Kämpfer ist konzentriert, überprüft immer wieder mit seiner Schlaghand den Abstand zum ersten Brett, das von zwei jüngeren Kämpferinnen gehalten wird. Dann schlägt er zu. Die beiden Bretter liegen kurze Zeit später entzweit auf dem Boden. „Man muss im Kopf das Brett schon durchgeschlagen haben. Dann funktioniert das“, erklärt Stahl.

Wittmann geht sogar noch einen Schritt weiter. Er will zuerst vier Bretter Schritt für Schritt zerschlagen, und am Ende soll sogar noch ein Baseballschläger dran glauben. Seine Schüler sehen mit aufgeregten, großen Augen zu. Die ersten drei Bretter sind kein Problem und mit einem Schlag durchbrochen. Beim vierten hat der Trainer zunächst Probleme, als er versucht, das Brett mit dem Fuß zu zerschlagen, schafft es aber mit dem zweiten Versuch. Am Ende zerschlägt er den Baseballschläger mit dem Fuß. Seine Zuschauer und Schüler klatschen. An seinem Gesichtsausdruck sieht man, dass auch er erleichtert ist.

„Der Bruchtest ist aber eigentlich eher als Spaß oder Vorführung gedacht“, sagt Wittmann im Anschluss. „Wichtig ist, dass man sich dabei richtig einschätzen kann.“ In der Prüfung für den schwarzen Gürtel wird dieser Bruchtest jedoch verlangt.

 
 

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